Die Poesie der Klasse – Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats

 

Buchvernissage mit Patrick Eiden-Offe

Montag 17. Juli 2017, 20 Uhr

im Café Morgenrot, Kastanienallee 85, 10435 Berlin

 

Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte das Proletariat zunächst noch nicht als die formierte, homogene (Arbeiter-)Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, wie das heute aus der Tradition des Marxismus und der Kommunistischen Bewegung bekannt ist. Im Gegenteil, das Proletariat war eine buntscheckige Erscheinung und bestand aus Gestalten, die, allen ständischen Sicherheiten entrissenen, ihre Träume und Sehnsüchte zunächst nicht in den großen sozialistischen Organisationen artikulierten, sondern in neuen Formen des Erzählens, in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie – ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren – von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten.

In seiner bahnbrechenden Studie „Die Poesie der Klasse“, die im Juli erscheinen wird, verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit „die Klasse“ von den vorherrschenden Vorstellungen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.

Patrick Eiden-Offe wird zunächst die Poesie des Proletariats und ihre romantische Form des Antikapitalismus vorstellen. Anschließend wollen wir mit ihm über die Prozesse der Formierung, Homogenisierung und Disziplinierung reden, durch die das Proletariat zu „der Klasse“ wurde, sowie über die aktuelle Situation – etwa über die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des Rechtspopulismus und der Vernachlässigung der Klassenfrage gibt.

Patrick Eiden-Offe ist habilitierter Literaturwissenschaftler und arbeitet am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) zu Georg Lukács.

 

Eine Kooperation mit Helle Panke e.V. und Café Morgenrot.

Buchvorstellung im Doppel:

Digitalisierung: postkapitalistisch, kapitalistisch, neofeudalistisch?

mit Rainer Fischbach und Matthias Martin Becker

 

Eine Veranstaltung des Buchladens zur schwankenden Weltkugel

im Café Morgenrot, Kastanienallee 85, 10435 Berlin

am Montag, den 3. 4. 2017, um 20.00 Uhr


Elektronische Medien durchdringen unseren Alltag und unsere Arbeit. Der Grad der Vernetzung nimmt zu, die Digitalisierung macht die Welt sozusagen maschinenlesbar. So entstehen neue Arbeitsteilungen, Unternehmensformen und Ausbeutungsmethoden. Unternehmensberater und Politiker stellen einen Produktivitätssprung durch die Digitalisierung in Aussicht. Manche Linke indessen entdecken in dieser technisch-ökonomischen Entwicklung Elemente einer „nach-kapitalistischen Produktion“, etwa der englische Journalist Paul Mason.

 

Stehen wir wirklich an der Schwelle eines Automatisierungsschubs, wie es das Schlagwort von der „Industrie 4.0“ suggeriert? Inwiefern taugt die Digitaltechnik als Keimform einer sozialistischen Gesellschaft? Und welchen Unterschied macht das Digitale im digitalen Kapitalismus überhaupt?

 

In seinem neuen Buch „Eine schöne Utopie“ unterzieht Rainer Fischbach die Vorstellung vom grenzenlosen Überfluss durch „digitale Produktion“ einer gründlichen Kritik. Matthias Becker analysiert in „Automatisierung und Ausbeutung“ die Entwicklungstendenzen der Arbeit im digitalen Kapitalismus.

 

Rainer Fischbach: Die schöne Utopie – Paul Mason, der Postkapitalismus und der Traum vom grenzenlosen Überfluss.

Papyrossa, erscheint April 2017

http://shop.papyrossa.de/Fischbach-Rainer-Die-schoene-Utopie

 

Matthias Martin Becker: Automatisierung und Ausbeutung – Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?

Promedia, im März 2017 erschienen.

http://mediashop.at/buecher/automatisierung-und-ausbeutung-2/