Buchempfehlungen Winter 2016/2017

 

Feministische Bücher

 

Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Hoffmann & Campe 2015, gebunden, 176 Seiten, 16,00 €

Die Diskussion über Solnits Essay prägte den Ausdruck „Mansplaining“. Unerwünschte Belehrungen von Männern sind ebenso peinlich wie alltäglich. In ihren Essays in bester feministischer Tradition (Virginia Woolf) reflektiert Solnit männliche Herrschaft im Alltag und in ihrer nicht unmittelbar erfahrbaren globalen Dimension. Es kommt darauf an, sich die Welt nicht immer wieder von Unkundigen erklären zu lassen, sondern sie zu verändern.

 

 


Cover: Feministische Ökonomie

Kundige und durchaus willkommene Erklärungen liefern hingegen Bettina Haidinger und Käthe Knittler. In ihrer Einführung in die feministische Ökonomie vermessen sie das weite und wenig beackerte Feld von feministischen ökonomischen Theo
rien bis zur feministischen Kritik der Ökonomie. So klar und kompakt, wie man es sich von einer Einführung nur wünschen kann.

Bettina Haidinger / Käthe Knittler: Feministische Ökonomie. Eine Einführung

Mandelbaum Verlag, 2. überarbeitete Auflage 2016, kartoniert, 190 Seiten, 13,00 €

 

 

Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist

Apropos Ökonomie: Wie funktioniert das eigentlich bei heterosexuellen Paaren hier und heute? Antworten gibt die soziologische Studie von Cornelia Koppetsch und Sarah Speck:

Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist. Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten

Edition Suhrkamp 2015, kartoniert, 297 Seiten, 18,00 €

 

 

 

 

 

Suffragette - Coverbild

Und allen, die neuen Mut und neue Kraft für die Abschaffung des Patriarchats schöpfen möchten, sei die schwungvoll geschriebene Autobiografie von Misses Pankhurst empfohlen:

Emmeline Pankhurst: Suffragette. Die Geschichte meines Lebens

Steidl Verlag 2016, gebunden, 343 Seiten, 24,00 €

 

 

 

 

 

 

Über feine und nicht so feine Unterschiede 

Alf Lüdtke: Eigen-Sinn

Fabrikalltag, Arbeitererfahrung und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus

Westfälisches Dampfboot 2015, kartoniert, 388 Seiten, 39,90 €

Die Neuausgabe der bahnbrechenden sozialgeschichtlichen Studien Alf Lüdtkes zum Eigen-Sinn im Klassenhandeln: „Proletariat ohne Klischees“ (Torsten Bewernitz).

 

 

 

Neben uns die SintflutStephan Lessenich: Neben uns die Sintflut

Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

Hanser Berlin 2016, gebunden, 224 Seiten, 20,00 €

Was gerne geleugnet wird: Es gibt eine globale Arbeitsteilung, in der ein paar Regionen die Gewinne einfahren, während der große Rest auf’s Verlieren festgelegt ist. Eingängig geschrieben und Augen öffnend.

 

 

 

 

 

Philipp Staab: Falsche Versprechen

Wachstum im digitalen Kapitalismus

Hamburger Edition 2016, gebunden, 136 Seiten, 12,00 €

Was verändert die Durchsetzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Produktion und Handel? Flaggschiffe der digitalen Ökonomie wie Google, Facebook und Amazon arbeiten vor allem an der Verbreitung neuer Konsumtions- und Distributionsmodelle. Aber damit werden sie noch nicht einmal das Problem lösen, dass der Kapitalismus seine Waren nicht los wird. Ein erhellender Beitrag zu Debatte um vermeintlich revolutionäre Technologien.

 

 

Die Maschine steht stillE. M. Forster: Die Maschine steht still

Hoffmann & Campe 2016, gebunden, 78 Seiten, 15,00 €

Der Fortschritt ist da, das Leben vollautomatisiert und noch die kleinste Aufgabe wird per Knopfdruck durch „die Maschine“ erledigt. Die Menschen haben keine Zeit, weil sie isoliert in ihren Zimmern sitzend ununterbrochen miteinander über „die Maschine“ skypen und sich gegenseitig oberflächlich recherchierte Kurzvorträge halten. Worauf es ankommt, ist, laufend neue „Ideen“ zu haben und um jeden Preis Erfahrung zu vermeiden.
Dass Forster bereits 1909 das Internet und seinen Gebrauch verblüffend treffend vorweggenommen hat, dass die Erzählung nur 78 Seiten lang ist und dass das Büchlein sehr ansprechend gestaltet ist, könnte es zu einem ganz heißen Geschenktipp machen!

 

 

 

Ironie als weibliche Lebenskunst 

- zwei neue Meisterinnenwerke:

 

Buchdeckel „978-3-608-98314-2

Brigitte Kronauer: Der Scheik von Aachen

Klett-Cotta 2016, gebunden, 399 Seiten, 22,95 €

 

Dagmar Leupold: Die Witwen. Ein Abenteueroman

Jung&Jung 2016, gebunden, 236 Seiten, 22,00 €

 

 

 

 

 

 

 

Yoko Tawada: Ein Balkonplatz für flüchtige Abende

Konkursbuch Verlag, kartoniert, 125 Seiten, 12,00 €

Männliche Melancholie, Frauenfreundschaft, eine S-Bahnstörung in Altona, Studenten mit sexy Arbeitermuskeln, dumme Fragen und Antiworte, die von der Höhe der Ohren abfallen.

Tawadas Wortspielkunst ist erotisch, witzig, mit einem Drift ins Surreale und entlarvend. Die Sprache erscheint in ihrer poetischen Prosa wie neu. Das gilt auch für die Essays, die gerade ebenfalls bei Konkursbuch unter dem Titel akzentfrei erschienen sind. 140 Seiten, 12,00 €.

 

 

Rafael Chirbes: Paris-Austerlitz

Verlag Antje Kunstmann 2016, gebunden, 160 Seiten, 20,00 €

Ein Arbeiter Mitte fünfzig teilt im Bistro sein Dessert mit einem jungen spanischen Maler. Die beiden verlieben sich, ziehen zusammen und zusammen durch die Stadt. Der Junge, ein Bürgersohn, sehnt sich nach dem Leben der Bohème, aber in der Welt des Arbeiters, in seinen Umarmungen, der winzigen Hinterhofwohnung und dem Leben im Takt von Maloche, Müdigkeit und Amüsement wird es ihm bald zu eng.

Chirbes erzählt, ohne Verklärung und doch trauernd, von verschlingender Liebe, vom Besitzenwollen und Besessensein und von intimen Klassenunterschieden, welche die Liebenden entzweien. Ein Vermächtnis.

 

 

Harry Piel sitzt am Nil - Coverbild

Gerhard Henschel: Harry Piel sitzt am Nil.

Über Schmähkritik und Unflätigkeit im öffentlichen Raum

Edition Tiamat 2016, 176 Seiten, 14,00 €

Oder: Warum es sehr viel Präzision erfordert, unter der Gürtellinie den Nagel auf den zu Kopf zu treffen. Eine überaus kundige, materialreiche und belustigende Abhandlung des ehemaligen Titanic-Redakteurs.

 

 

 

 

Miss Terry - Coverbild

Liza Cody: Miss Terry

Ariadne Krimi im Argument Verlag 2016, 286 Seiten, 17,00 €

Sie hat ihren gewalttätigen Freund und eine autoritäre Familie hinter sich gelassen, ihr Essverhalten unter Kontrolle gebracht, freut sich über die neue kleine Eigentumswohnung, ihre Unabhängigkeit und ihre Arbeit als Lehrerin. Dann entsorgt jemand die Leiche eines Neugeborenen im Schuttcontainer vor ihrem Haus und alle denken, das kann nur sie gewesen sein. So ergeht es Nita Tehri. Je mehr sie versucht, sich gegen die rassistischen Unverschämtheiten und Unterstellungen zu verwahren, desto übler spielen Nachbar*innen und Polizist*innen ihr mit. Die Freundlichen entpuppen sich als die Übelsten. Nita kämpft ohne Rückendeckung, aber sie gibt nicht auf. Sehr spannend, sehr gut erzählt!

 

 

Polen

 

Polens Rolle rückwärts - Coverbild

Krzyzstof Pilawski / Holger Politt: Polens Rolle rückwärts. Der Aufstieg der Nationalkonservativen und die Perspektiven der Linken

VSA Verlag 2016, 176 Seiten, 14,80 €

Was ist los in Polen? In Warschau werden wir bald „ein Budapest“ haben, hat Präsident Jarosław Kaczyński angedroht. Meist nur beiläufige Meldungen in der hiesigen Presse über Niedriglöhne, Nationalismus, Attacken auf demokratische Institutionen und Frauenrechte lassen Böses ahnen. Die beiden Journalisten Krzyzstof Pilawski und Holger Politt erklären die Hintergründe des beunruhigenden Rechtsrucks und den Niedergang der polnischen Linken.

 

 

Dunkel, fast Nacht - Coverbild

Joanna Bator, Dunkel, fast Nacht

Suhrkamp 2016, gebunden, 510 Seiten, 24,95 €

Selbes Thema, aber verpackt in einem hochspannenden und super unterhaltsamen Roman. Die Warschauer Journalistin Alicja soll eine Reportage über das rätselhafte Verschwinden von Kindern in Wałbrzych schreiben. Nur widerwillig reist sie in ihre alte Heim

 at, eine vom neuen Kapitalismus und der jüngsten Deindustrialisierung gerupfte und gezupfte Bergarbeiterstadt. Hier gedeihen Verschwörungstheorien und blinder Hass, falsche Propheten haben leichtes Spiel. Alicjas Recherche befördert auch die schmerzhafte Wahrheit über ihre eigene Kindheit zu Tage. Spannend wie ein Thriller, witzig wie ihre beiden ersten Romane, ein bisschen gruselig und sogar romantisch, kurzum: ein erstklassiger Gesellschaftsroman über die polnische Gegenwart.

 

Lieblingsbücher

 

Karel Capek, Der Krieg mit den Molchen

Edition Büchergilde 2019, gebunden, 328 Seiten, 24,95 €

„Ihr habt uns gewollt. Ihr habt uns über die ganze Welt verbreitet. Nun müsst ihr mit uns rechnen.“

Unmöglich, dieses Buch in wenigen Sätzen zusammenzufassen – es steckt so ungeheuer viel drin!

Und dann noch diese Bilder von Hans Ticha …

 

 

 

Das Büro 1: Direktor Beerta

J. J. Voskuil, Das Büro

Verbrecher Verlag, die Bände 1 bis 5 sind bereits erschienen, jeweils circa 800 bis 1000 Seiten und kosten je um die 30,- €. Die Bände 6 und 7 sind für 2017 angekündigt.

„Als anständiger Mensch kann man die Dinge nicht schwarz genug sehen. Der Gedanke munterte ihn auf.“

Das Epos eines Lebens als wissenschaftlicher Angestellter in sieben dicken bunten Bänden.

 

 

 

Für Reisen in unbekanntes Land

 

Lukas Feireiss: Der Traum von der Reise zum Mond

Spectormag 2016, kartoniert, 312 Seiten, 16,00 €

Ob der Chronologie folgend oder fröhlich mitten hinein blätternd: Dies wunderbar gestaltete Buch über den Mond als Reisedestination sowie seine (pop-)kulturelle Aneignung durch die Menschen garantiert unerwartete Funde. Zudem erfreuen die vielen Bilder und knappen Texte lesefaule Menschen.

 

 

 

 

1976 - Coverbild

Karsten Krampitz, 1976. Die DDR in der Krise

Verbrecher Verlag 2016, kartoniert, 175 Seiten, 18,00 €

Bisher gibt es vor allem ‘Aufarbeitungen’ der DDR, entweder als postume Anklagen oder Apologien, von der Geschichte der DDR aber wissen wir noch sehr sehr wenig. Krampitz’ Geschichte des bewegten und wegweisenden Jahres 1976 beweist, dass es auch anders geht. Und weil er dazu noch gut erzählen kann, bereitet die Lektüre großen Genuss.

 

 

Für Kinder

Anne Fine: Tagebuch einer Killerkatze

Moritz Verlag, Neuauflage, gebunden, 61 Seiten, 9,95 €

Das Zusammenleben von Tier und Mensch ist eine Serie von Missverständnissen. Davon kann die Katze Kuschel ein Lied singen. Keinen Sinn für den Geschenkwert toter Mäuse hat ihre Familie, aber auch kein Problem damit, ihr sogar einen toten Hasen in die Schuhe zu schieben. Tss. Und was die alles anstellen, damit die Nachbarin bloß nichts merkt …

 

 

 

 

Das Dritte Reich des Traums - Coverbild

Das dritte Reich des Traums

Bibliothek Suhrkamp 2016, gebunden, 173 Seiten, 22,00 €

Was träumen Menschen in der Diktatur? Die Journalistin Charlotte Beradt befragte während der Zeit von 1933 bis zu ihrer Flucht aus Deutschland im Jahr 1939 Menschen in ihrer Umgebung nach ihren Träumen. Aus dieser Sammlung hat sie ein sehr beeindruckendes Buch gemacht. Ihre Referenz ist nicht etwa der große Traumtheoretiker Freud, sondern George Orwell, Hannah Arendt und vor allem Franz Kafka. Die Träume sind bestürzend eindringlich, klarsichtig, manchmal geradezu prophetisch. Als ob sich die Wirklichkeit mit umso größerer Vehemenz in den Traum drängt, je weniger der wache, kritische Verstand sie noch fassen kann.

 

Françoise Frenkel: Nichts um mein Haupt zu betten

Hanser Verlag 2016, gebunden, 288 Seiten, 22,00 €

Die Zurechtweisung der Blockwartsfrau, den Müll korrekt zu trennen, klingt wie eine Morddrohung. Frenkel schildert, wie sich die Entwicklung zur Katastrophe in kleinen, alltäglichen Begebenheiten niederschlägt. Die jüdische Polin führte in Berlin eine französische Buchhandlung, die sie erst nach Kriegsbeginn aufgab, um wie tausende andere zunächst nach Frankreich und dann weiter in die Schweiz zu fliehen. Die Mittel und Wege der Fluchthilfe unterschieden sich nicht sehr von den heutigen. Die Motive derer, die Scheinehen, Beherbergung, Schlepperei, etc. anboten, waren nicht immer selbstlos. Oft ging es ihnen um materielle oder auch „emotionale“ Ausnutzung der Schutzbedürftigen. Frenkel hatte Glück. Mit der Unterstützung eines mutigen Ehepaars, das in Nizza einen Friseursalon betrieb, gelang ihr nach mehreren gescheiterten Versuchen der illegale Übertritt über die Schweizer Grenze. Ihr Leben war gerettet, und sie hinterließ einen großartigen literarischen Bericht über Vichy-Frankreich: Eine Gesellschaft von Kollaborateuren und Antifaschistinnen; Franzosen, die die Deutschen hassen, aber die Juden noch mehr; Menschen, die – zu Flüchtlinge geworden – verloren in billigen Hotels, auf der Promenade des Anglais und hinter zugezogenen Vorhängen warten.

 

 

Leseempfehlungen 2016

Romane

 

Charles Jackson: Die Niederlage

Männerschwarm Verlag 2016, 304 Seiten, 22,00 €.

Charles Jacksons Romanfigur John Grandin ist ein verheirateter Literaturprofessor aus New York, der sich selbst als „modern und zivilisiert“ betrachtet, weil er seinen Zeitgenossen ihre sexuellen „Neurosen“ nachsehen kann, wiewohl er davon ausgeht, dass Willensstärke und Disziplin moralische Menschen davor behüten mögen, „ungesunden“ Neigungen nachzugeben. Wie dieser Mann, innerlich gepanzert mit solcherart doppelt- und dreifachem Verdikt, aufgemischt und eingeholt wird von seinem eigenen schwulen Begehren, davon erzählt der großartige Roman Die Niederlage.

Schauplatz des Romans ist die Ferieninsel Nantucket vor der Küste Neuenglands im Jahr 1943. Die USA befinden sich seit anderthalb Jahren im Krieg. Die Sommergäste logieren und dinnieren hinter verdunkelten Fenstern, nachts herrscht Ausgangssperre am Strand, und ein samstäglicher Ball wird zur Ehren von Soldaten auf Heimaturlaub ausgerichtet. Es ist das Lächeln eines großen jungen Marine Captain, das John Grandin aus der Bahn wirft.

Cliff, kriegsversehrt und frisch verheiratet, sucht den Kontakt zu dem Professor, als Kumpel und Ratgeber. John wiederum beginnt unbewusste Kapriolen zu schlagen, zwischen Anziehung und Berührungsverbot, Sehnsucht und Selbstaufgabe, Schwärmerei und Aggression gegenüber Cliff und seinem soldatischen Körper hin und her gerissen. John windet sich lange, bevor er sich seine Verliebtheit eingesteht. Mit seiner Ehefrau Ethel bricht er ein Streitgespräch nach dem nächsten vom Zaun, um die Lücke des Unsagbaren zu füllen. Vor allem aus Ethels Perspektive erfahren wir die Geschichte ihrer Ehe. Auch sie muss am Ende anerkennen, dass es mehr gibt als die Liebe zwischen Mann und Frau.

Die Niederlage, im Original The Fall of Valor, erschien 1946 in den USA und war dort, wie der Übersetzer und Verleger Joachim Bartholomae in seinem Nachwort schreibt, der erste Roman, „der sich ausführlich dem Thema mannmännlicher Liebe widmet“, und er verkaufte sich sehr gut.

 

 

Frans Kellendonk: Buchstabe und Geist.

Eine Spukgeschichte

Lilienfeld Verlag 2016, 170 Seiten, 19,95 €.

Als er ungefähr das Alter erreicht hat, in dem Jesus in der Welt zu wirken begann, tritt Felix Mandaat in die Arbeitswelt ein. Er übernimmt die Vertretung für den Fachreferenten für germanische Sprachen in der Bibliothek und damit auch dessen Sekretärin. Mevrouw Qualing behandelt die Krümel ihres Frühstücks mit äußerster Sorgfalt und spricht nur Gutes über Meneer Brugman. Dennoch bringt Mandaat nichts über seinen Vorgänger in Erfahrung, genausowenig wie über den Spuk, den er jeden Dienstag beim Spätdienst im Archiv beobachtet. Hat es etwas mit Brugman zu tun oder handelt es sich um eine Sinnestäuschung? Mandaat vertraut sich seinem Vorgesetzten an, der sich die Gespenstergeschichten des Neuen geduldig anhört, denn er wittert die Gelegenheit, einen Gefährten für seine abgründigen Ausschweifungen zu gewinnen, und holt schon ‘mal den Cognac.

Tag für Tag fährt Mandaat mit dem Zug zur Arbeit und wieder zurück. Eingedenk der Wiederkehr des Immergleichen beschleicht ihn eine Ahnung, wie die Idee vom Jenseits entstehen konnte. Es gibt aber auch Tage, an denen er gerne zur Arbeit fährt, im Winter, wenn die Oberleitungen eingefroren sind und kein Zug mehr pünktlich ist. Doch es kommt der erste warme Tag des Jahres. Mandaat öffnet im Lesesaal das Oberlicht, im Sonnenschein beugen sich die Nutzer über die Bücher, befühlen sich am Kopf und kauen auf Kugelschreibern. Mandaat fällt es schwer, sich auf eine Sammelrezension von Neuerscheinungen zum Thema Phonologie des Altnorwegischen zu konzentrieren, er fühlt sich an seine Schulzeit erinnert und bekommt eine ungewollte, aber hartnäckige Erektion. Er schließt beide Knöpfe seines Jacketts und stakst zur Herrentoilette, dem Ort, den die Arbeitswelt, die weder der Sinnlichkeit noch Übersinnlichem Platz einräumt, für die nicht restlos tilgbare Leiblichkeit vorsieht.

 

 

Amalie Skram: Professor Hieronimus

Guggolz Verlag 2016, 464 Seiten, 24,00 €.

„Oh mein Gott, sie bekam es nicht hin, sie bekam es einfach nicht hin!“ Die Malerin Else Kant steckt in einer tiefen künstlerischen Schaffenskrise, Schlaflosigkeit quält sie und die Angst, auch in den Rollen, die die Gesellschaft von ihr erwartet, als Mutter und Vorstand eines bürgerlichen Haushalts zu versagen. Auf Zuraten ihres Ehemanns begibt sie sich zu einem renommierten Nervenarzt, eben jenem Professor Hieronimus, der einen kurativen Aufenthalt im eigenen Krankenhaus empfiehlt.

Die Tür fällt hinter Else ins Schloss, und sie sitzt in der Psychiatriefalle. Man raubt ihr die Privatsphäre und die Selbstbestimung noch in den kleinsten persönlichen Dingen. Statt Ruhe zu finden, wird sie zur Teilhaberin an den Krisen und Verrücktheiten ihrer Mitpatientinnen. Was Else auch tut – protestieren, argumentieren, aufbegehren –, die geschlossene Anstalt hält sie im psychiatrischen Doublebind gefangen: ‚Vernünftig‘ ist dort nur, wer sich der Fremdkontrolle überantwortet, jede Form des Widerstands hingegen führt zu weiterer Entmündigung. Die Pflegerinnen, die Nachwächterin und der Assistenzarzt sind keine sadistischen Biester wie in Einer flog über das Kuckucksnest, sie gehorchen nur dem Gesetz des Professors. Der hat es bei seiner Behandlung allerdings exakt auf die Wirkung abgesehen, welche die Patientin am meisten befürchtet: „Ihr eigener Wille würde verwüstet in Schutt und Asche liegen“.

Das Krimipotential des Stoffs (Wie zum Teufel komme ich hier wieder raus?!) schöpft Skram sehr gut aus. Es hält die Leser*innen auch den zweiten Teil des Buchs hindurch in Atem, welcher in einer fortschrittlicheren, humanisierten Anstalt spielt, deren Regeln aber kaum weniger perfide sind… Erschienen ist der Roman bereits im Jahr 1895 und jetzt in neuer Übersetzung im Guggolz Verlag mit einem sehr interessanten Nachwort über die frühe feministische Bohemienne Amalie Skram.

 

Kriminalromane

 

Sara Lövestam: Die Wahrheit hinter der Lüge

rororo 2016, 284 Seiten, 9,99 €.

Wenn man in Stockholm keine Ausweispapiere und keinen Aufenthaltstitel hat, bedeutet eine Busfahrt nicht nur einen unvertretbaren Luxus, sondern auch das Risiko, Freiheit und Leben zu verlieren. Jeder Schritt hinaus auf die Straße birgt die Gefahr, entdeckt und abgeschoben zu werden. Kouplan muss dennoch aus dem Haus, denn er braucht Geld und eine Perspektive. Vielleicht als Privatde-tektiv? Schüchtern inseriert er im Internet, wem die Polizei nicht weiterhelfen könne, möge sich an ihn wenden. Tatsächlich meldet sich Pernilla, die ihre kleine Tochter vermisst. An einem Regentag ist das Kind im Einkaufszentrum verschwunden. Es fehlt jede Spur, aber Kouplan versteht auch die Leerstellen zu lesen und findet hinter der Lüge die Wahrheit. Psychologisch und erzählerisch ausgefeilt, ein klasse Krimi!

 

 

Michael H. Rubin: Cotton Crest

Suhrkamp Taschenbuch 2016, 415 Seiten, 9,99 €.

Louisiana 1893, Schaufelraddampfer, Mississippi, Herrenhäuser. Die Sklaverei ist abgeschafft, der Rassismus ist geblieben. Und auch der Fluch, der auf der Familie Chastaine von Cotton Crest lastet, wirkt fort. Colonel Judge hat seiner bildschönen jungen Gattin die Kehle durchgeschnitten und sich anschließend selbst die Kugel gegeben. Aber der Sheriff glaubt natürlich nicht an den Familienfluch, sondern erkennt die untrüglichen Zeichen eines Doppelmords. Wer, wenn nicht der Colonel selbst, die Tat begangen hat, ist für den ortsansässigen rassistischen Mob keine Frage: Der fahrende Krämer Jake Gold alias Yaakov Gurevich, vor Pogrom und Militärdienst aus Białystok geflohen und am Mississippi heimisch geworden. Wer sonst könnte schuld sein als der einzige Jude weit und breit? Und geholfen haben ihm die drei Hausangestellten von Cotton Crest, klarer Fall. Der Mob bläst zur Menschenhatz und der Sheriff schaut wohlwollend zu. Jake, Sally, Marcus und Jenny müssen – mal wieder – fliehen. Auf geheimen, seit dem Bürgerkrieg bewährten Routen geht es durch die von sympathisierenden Cajun bewohnten Sümpfe nach Norden. Mit gegenseitiger Hilfe und mit dem Witz jiddischer Sprichwörter retten die Gejagten ihr Leben und mehr noch: Den „Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.“ (Martin Luther King)

 

 

Max Annas: Die Mauer

rororo 2016, Klappbroschur, 220 Seiten, 12,00 €.

Es ist der heißeste Tag des heißesten Februars aller Zeiten, Moses möchte nach Hause zu seiner Freundin Sandi. Aber dummerweise gibt sein altes Auto den Geist auf, der Handy-Akku ist auch leer und er sitzt irgendwo in Suburbia fest. Keine Menschenseele, nur eine mit Kameras und Glasscherben bewehrte Mauer um eine Siedlung. Wohnt da nicht ein Kommilitone von ihm? Moses kann sich nicht mehr genau an das Haus erinnern. Irgendwer wird ihm schon weiterhelfen. Aber leider spielt die Geschichte im heutigen Südafrika. Die Apartheid ist abgeschafft, der Rassismus ist geblieben. Wenn ein verschwitzter schwarzer junger Mann orientierungslos in einerGated Community herumlatscht, bindet er bald die Aufmerksamkeit sämtlicher Uniform- und Waffenträger – und davon gibt es viele – auf sich. Freie Bahn für Nozipho und Thembinkosi, könnte man meinen, denn die beiden Verliebten sind auf Einbruchstour in der Gegend unterwegs. Obwohl sie hochprofessionell und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen sind, wird auch für sie die Lage immer vertrackter. Die Spannung steigt, die Situation eskaliert, viel Action, keine Versöhnung und doch eine Art Happy End.

 

Sachbücher

 

Martin Dornes: Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften

S. Fischer 2016, 160 Seiten, 15,99 €.

Zeitdiagnosen über die Zunahme von Depressionen und Burn-out, Publikationen über das „erschöpfte Selbst“ der Gegenwart, die neue „Müdigkeitsgesellschaft“ und die “Gesellschaft der Angst“ verkaufen sich bestens. Der Frankfurter Soziologe und Psychologe Martin Dornes nimmt sie auseinander. Seiner Auswertung von Forschungs-ergebnissen zufolge lässt sich auf empirischer, d.h. epidemiologischer Ebene keine Zunahme depressiver und anderer psychischer Erkrankungen erkennen. Zugenommen hat die Zahl der Diagnosen, d.h. die ärztliche und individuelle Sensibilität gegenüber seelischen Leiden ist gewachsen und das Dunkelfeld der Depressionen wurde medizinisch aufgehellt.

Was aber ist so einnehmend an dem Befund einer depressiven Gesellschaft? Dass sehr hoher Leistungsdruck und schlechte materielle Lebensumstände die Menschen belasten, steht außer Frage. Auch, dass es heute kulturelle Freiheiten in vielerlei Hinsicht gibt, die andere Anforderungen an die Subjekte stellen als es autoritärere Gesellschaften tun. Das macht diese veränderten Bedingungen aber nicht zu pathologischen Erscheinungen. Die Zeitdiagnosen und die Öffentlichkeit, die sie gerne rezipiert, leiden selbst, so Dornes, an einer chronischen Vergesslichkeit: Sie beziehen die Verhältnisse der Gegenwart auf ein fiktives goldenes Zeitalter der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, das es weder in Hinblick auf den Arbeitsalltag, noch auf psychische Erkrankungen je gegeben hat. Die Eingängigkeit gesellschaftskritischer Krankheits-theorien beruht wesentlich auf ihrer Unterkomplexität. Schon ihrer Mechanik nach ist z.B. Depression nicht einfach eine Erlahmungserscheinung, sondern eine Abwehrleistung des psychischen Apparates. Was jeweils abgewehrt wird, ist die Frage. Internalisierungsthesen sind in jüngeren gesellschaftskritischen Diskursen weit verbreitet, kurzgefasst: früher haben Leistungsdruck, Arbeitszwang und Unterwerfung von außen operiert, jetzt produziere das Selbst all dies selbst. Die Verschiebung von außen nach innen erklärt aber gerade nicht, was sie zu erklären vorgibt, denn wir haben es nicht mit Behältern, sondern mit Menschen zu tun, die „sich dem, was an sie herangetragen wird – sei es durch Zwang, Konditionierung, Verführung oder Überredung –, auch entziehen können bzw. es immer in ihrer Phantasie bearbeiten. Jede Verinnerlichung ist eine solche Kompromissbildung, und die Differenz zwischen Angesonnenem und dem, was man daraus macht, kann durch keine Strafe, Konditionierung oder Verführung eingeebnet werden“.

 

 

Åsne Seierstad: Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmöders Kein & Aber 2016, 545 Seiten, 26,00 €.

Der Attentäter von München hat sich Anders Breivik zum Vorbild genommen, der fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2011 in Oslo und Utya 77 Menschen ermordet und Norwegen in Angst und Schrecken versetzt hat. Diesen Tag und seine Vorgeschichte hat die Journalistin Åsne Seierstad rekonstruiert. Ihr Buch Einer von uns ist eine Aufarbeitung des Verbrechens und literarisches Gedenken: Bano Rashid und Simon Sæbø waren zwei von 77 Menschen, die Anders Behring Breivik an diesem Tag ermordet hat. Ihr viel zu kurzes Leben wird erinnert und gewürdigt. Es ist erstaunlich, wieviel Seierstad über Breivik in Erfahrung gebracht hat. Er hatte eine durchschnittlich schwierige Kindheit, wurde als Teenager beim Sprayen erwischt, später das Wirtschaftsstudium abgebrochen, Start-up gegründet, verurteilt wegen Steuerbetrug und Urkundenfälschung, Aktivist der rechtsradikalen Fortschritts-partei, Computerspiel- und Internetjunkie und Dauergast im Hotel Mama. Solche Typen findet man massenhaft in rechten Parteien, an Hochschulen, im Internet oder sonstwo im Abendland. Kein Grund zur Beruhigung.

Anders als Klaus Theweleit, der für sein Buch Das Lachen der Täter (siehe die letzte Ausgabe unserer Buchempfehlungen) viel von ihrem Material benutzt hat, geht es Seierstad weniger um eine Analyse des rechtsradikalen Attentäters, sondern vielmehr um die Aufklärung seines Verbrechens. Das Buch liest sich teils spannend wie ein Thriller, dann wieder ist es schier unerträglich. Das hat nichts mit journalistischem Voyeurismus zu tun: Die detaillierte Vergegenwärtigung der Gewalttat ist der Versuch, sich nicht von ihr überwältigen zu lassen. Seierstad ringt, wie ein Rezensent schreibt, auf jeder Seite um Fassung und mit ihr die Leserinnen und Leser. Das ist Trauerarbeit, Mitgefühl und Solidarität mit den Hinterbliebenen, eine Reaktion, die in der deutschen Öffentlichkeit bislang ausgeblieben ist. Gut, dass das Buch mit einiger Verspätung endlich auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist.

 

 

Nina Schulz und Elisabeth Mena Urbitsch: Spiel auf Zeit. NS-Verfolge und ihre Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung Assoziation A 2016, 368 Seiten, 24,00 €.

„Würden die Opfer entschädigt, würden sich Kriege nicht mehr lohnen.“ sagt Argyris Sfountouris, der als kleiner Junge das SS-Massaker vom 10. Juni 1944 im griechischen Distomo überlebt hat. Der Skandal ist, dass tatsächlich die allermeisten der Opfer des Nationalsozialismus nicht entschädigt wurden. Bis heute kämpfen Sfountouris und viele andere Verfolgte um Anerkennung und Entschädigung. Die beiden Autorinnen haben einige dieser Frauen und Männer in ganz Europa und in Israel besucht und ihre Geschichten in fünfzehn Reportagen erzählt. Es geht nicht nur um das, was sie unter dem NS-Terror erlitten haben, sondern vor allem auch um die Gegenwart, in der sie beharrlich um Gerechtigkeit kämpfen: Im Jerusalemer King- David-Hotel bei der Anhörung zur Anerkennung einer Ghettorente, im Gästehaus der Gedenkstätte Ravensbrück, im Seniorenzentrum, in einer Bukarester Synagoge, in Darmstadt, in Italien oder im heimischen Wohnzimmer. Erinnerungen an das Erlittene und Schilderungen der oft vergeblichen Kämpfe um Anerkennung stehen neben Alltäglichem wie Wetter, Haarefärben, Pilzesammeln. Text und Bild skizzieren diese Menschen zurückhaltend, feinfühlig und zugleich mit der gebotenen Empathie. Die Protagonist*innen leben hier und jetzt; die Frage der Entschädigung ist aktuell, viele Rechnungen sind noch offen.

 

 

Erich Hackl (Hg.): So weit uns Spaniens Hoffnung trug. Erzählungen und Berichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg Rotpunktverlag 2016, 400 Seiten, 25,00 €.

Am 18. Juli 2016 jährte sich zum 80. Mal Francos Putsch gegen die spanische Republik. Die Ereig-nisse liegen so weit zurück, dass kaum noch jemand aus eigener Erfahrung davon erzählen kann. Umso wichtiger wird Literatur. Sie „gibt, genauer als ein Geschichtswerk, Auskunft über das, was die Menschen damals erhofft, was sie gewonnen und verloren haben, was möglich gewesen wäre“, schreibt Erich Hackl, der eine Anthologie auf deutsch verfasster literarischer Zeugnisse aus dem Spanischen Bürgerkrieg zusammengestellt und mit einem sehr lesenswerten Vorwort eingeleitet hat.

Die Beiträge sind thematisch und chronologisch geordnet, so dass der Verlauf von Krieg und Revolution aus unterschiedlichen Perspektiven nachvollzogen werden kann. Hackls Zusammenstellung berücksichtigt die Vielfalt politischer Positionen. Verzichtet hat er auf Texte, „in denen die Absicht der Verfasser zu erkennen war, eigene oder fremde Erfahrungen ideologischen Vorgaben und literarischen Konventionen zu unterwerfen.“

Neben teils heute noch berühmten Schriftsteller*innen sind auch unbekannte Autorinnen, wie etwa die Wiener Modistin Lisa Gavrić oder Gusti Stridsberg aus Czernowitz vertreten. Beide Frauen leisteten in Albacete Sanitätsdienst. Ihre elegischen Erinnerungen an die Kolleginnen und Patienten aus aller Welt, an ihre Schmerzen und ihr Glück, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen geben eine leise Ahnung davon, was für komplizierte Schicksale sich in Spanien kreuzten.

Es ist fast unheimlich, wie aktuell vieles wirkt: Die enttäuschten revolutionären Hoffnungen, die faschistische Gefahr in ganz Europa und nicht zuletzt der Umgang demokratischer Staaten mit Flüchtlingen.

 

 

Unsere Leseempfehlungen für den Winter 2015/2016 sind HIER  zu finden.

 

 


 

Gioconda Belli: Die Republik der Frauen

 

Droemer Taschenbuch 2015, 300 S., 9,99 €.

 

Ein Buch, das gute Laune macht! Die Partei der Erotischen Linken (Partido Izquierda Erotica – PIE) hat die Wahl in dem kleinen lateinamerikanischen Land Faguas gewonnen. Armut, Korruption, Ausbeutung und Männergewalt soll nun endlich der Garaus gemacht werden. Doch die Reaktion schläft nicht. Ausgerechnet am „Tag der vollständigen Gleichheit“ verüben Ewiggestrige ein Attentat auf Viviana, die schöne Präsidentin. Während sie im Koma den Weg der PIE von der Gründung bis zur Macht rekapituliert, geht das Leben weiter. Wird es Ministerin Eva Salvatierra und ihren ausschließlich weiblichen Sicherheitskräften gelingen, das Komplott gegen die feministische Regierung aufzuklären und den Aufstand der „Freien Männer“ niederzuschlagen? Wird Vivana wieder aufwachen? Die Geschichte ist offen.

Als Aktivistin der FSLN kennt sich Gioconda Belli mit radikaler Realpolitik aus. Die Partei der Erotischen Linken hat es damals als Gruppe einiger Feministinnen innerhalb der FSLN wirklich gegeben. Die an die nicaraguanische Revolution geknüpften Erwartungen wurden allerdings enttäuscht, zuallererst verraten wurde die Forderung nach der Befreiung der Frauen. Aber die Hoffnung auf eine Gesellschaft frei von männlicher Herrschaft ist alt und vergeht nicht. Davon zeugt auch die lange Tradition literarischer feministischer Utopien, die über Charlotte Perkins Gilmans „Herland“ aus dem Jahr 1905 zurückreicht bis auf Christine de Pizans „Das Buch von der Stadt der Frauen“, erschienen im Jahr 1405. Vielleicht wird man in einer besseren Zukunft noch ältere feministische Utopien entdecken. Auch die Literaturgeschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.

 

 

 

Lillian Hellman: Die Zeit der Schurken

Wagenbach Taschenbuch 2015, 137 S.,

mit einem Nachwort von Garry Wills, 10,90 €.

 

Revolutionärin musste man gar nicht sein, um in der McCarthy-Ära ins Visier der antikommunistischen Hexenjäger zu geraten. Es genügte teilweise schon, den Kampf gegen den Nationalsozialismus – und sei es nur mit einer Geldspende an eine Hilfsorganisation – unterstützt zu haben, um sich dem Vorwurf des „verfrühten Antifaschismus“ ausgesetzt zu sehen. „Zu früh“ gegen die Nazis gewesen zu sein, hieß für die Allianz mit der Sowjetunion und im Kurzschluss für den Kommunismus zu sein. Antifaschismus galt erst als opportun, wenn man sich erst nach dieser Allianz – also zu spät – dazu bekannte.

Auch Lillian Hellman, ihrerzeit eine erfolgreiche Autorin von Theaterstücken und Drehbüchern, sollte sich für ihre angeblich un-amerikanischen Aktivitäten verantworten. Anders als ihr Lebensgefährte Dashiell Hammett war sie keine Kommunistin, sondern einfach nur bei Verstand und integer; sie selbst beschreibt sich als „eine Art Rebell ohne Ziel“, Hammett habe ihr Insistieren auf so fundamentalen Grundsätzen wie Anstand und Gerechtigkeit, einmal „liberale Scheiße“ genannt. Egal, ob dieses harsche Urteil irgendeine Berechtigung hat oder nicht, immerhin schöpfte Hellman aus diesen Grundsätzen die Kraft, sich mit einigem Erfolg gegen die Verfolgungen der HUAC (House Committee on Un-American Acitvities) zu wehren. Viele boten weniger Widerstand auf und beugten sich dem Druck. Manches Rückgrat knackte, viele Leben zerbrachen. Hammett etwa erholte sich zeitlebens nicht mehr von Gefängnis und Veröffentlichungsverbot.

An den amerikanischen Intellektuellen übt Hellman wütende Kritik. Sie hätten in der Mehrzahl gar nicht erst versucht, sich zu widersetzen und ihre Vernunft vorschnell der um sich greifenden Panik geopfert. Sie selbst versucht nur ansatzweise, den Terror und seine Gründe zu analysieren. Es geht ihr vor allem darum, zu rekapitulieren, was ihr widerfahren ist. Dabei verhehlt sie nicht, welche Anstrengung das kostet. Dass diese Anstrengung sich nicht im Stil niederschlägt, der ganz im Gegenteil leicht und beschwingt ist, geistreich, witzig und mit einer großartigen respektlosen Selbstironie, wie wir sie aus alten Hollywoodfilmen kennen, reflektiert die Gebrochenheit dieser Biographie.

 

Maxim Biller:
Im Kopf von Bruno Schulz

Fischer Taschenbuch 2015, 69 S., 8,99 €.

 

Gelobt sei, der seltsame Wesen schafft.“ Gelobt sei der Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz. Maxim Biller lässt sich auf dessen groteske und phantastische Kunstwesen ein und davon anregen, seinerseits die literarische Figur Bruno Schulz zu schaffen: Ein Zeichenlehrer, der im Jahr 1938 im galizischen Provinzstädtchen Drohobycz, umgeistert von seinen eigenen Werken, gepiesackt von seinen Schülern und getrieben von seiner masochistischen Begierde nach der Sportlehrerin Helena Jakubowicz, einer kleinen athletischen Dame mit übelriechenden Sägespänen im Haar, einen Brief an Thomas Mann schreibt.

Er möchte den verehrten Schriftsteller warnen, dass ein Hochstapler im „Hotel zur schwankenden Pyramide“ abgestiegen ist und sich als Thomas Mann ausgibt. Die Bürger von Drohobycz – „zu lange schon leben sie ohne Kontakt zur Welt, das Provinzdasein macht sie ängstlich, verrückt und neugierig“– werfen sich diesem widerlichen Fremden, der sich so „brutal und herablassend“ gebärdet, im Wortsinn zu Füßen. Auch Schulz ist fasziniert und schwankt. Ist der Deutsche wirklich ein Hochstapler? Seine Lesung aus der Fortsetzung von Felix Krull war schließlich gar nicht schlecht, „doch die Sätze waren gewöhnlich und aufgeblasen. Spätestens an diesem Abend war mir klar, dass er nicht Sie ist“, schreibt Bruno Schulz an Thomas Mann. Der echte Thomas Mann, der bis heute als die Verkörperung des vermeintlich „anderen Deutschland“ gilt, würde sich schließlich niemals mit diesem anderen Deutschen im knisternden, schwarzen Ledermantel abgeben und über die Namen der jüdischen Bürger von Drohobycz spotten. Die beiden lachen immer wieder „und schließlich sagte der andere, er könne nicht mehr, das sei wirklich zu witzig, und er bat den falschen Thomas Mann, ihm lieber schriftlich eine Liste aller Juden der Stadt zu machen, mit ihren Adressen, einer kurzen Einschätzung ihrer körperlichen Kräfte und finanziellen Verhältnisse.“

Der echte Bruno Schulz wurde 1942 von einem deutschen Nazi ermordet. Ein Grab hat er nicht.

Angesichts der katastrophalen Realität ist die einzige vernünftige, freundliche und geradezu zärtliche Stimme, die Billers Bruno Schulz noch vernimmt, die Stimme der eigenen, leider gar nicht irrationalen Angst.

 

 

Julian Voloj / Claudia Ahlering:

Ghetto Brother, Bronx, NY

Graphic Novel, Avant Verlag 2015, 128 S., 19,95 €.

 

Am Ende will die eigene Geschichte gefunden werden.

Die Graphic Novel erzählt das Leben von Benjamin Melendez a.k.a. Yellow Benyi, dem legendären Anführer der Ghetto Brothers in der Bronx der 1970er Jahre.

Als Sohn puertoricanischer Einwander*innen erwischt ihn der Rassismus in den USA, die soziale Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit mit voller Wucht. Gangs werden gegründet, zum eigenen Schutz und als Familienersatz, und sie bekämpfen sich gegenseitig in den Straßen der Bronx. Als die Gewalt eskaliert, tritt Yellow Benyi ihr entschieden entgegen und wird Teil einer Bewegung, die einen Waffenstillstand aushandelt. Es folgt eine Zeit der Politisierung innerhalb der Gangs.

Benjamin Melendez beginnt nach seinem Ausstieg aus der Gang ein neues Leben als Lehrer in New Jersey. Als er auf die verschwiegene jüdische Geschichte seiner Familie stößt, führt ihn seine Spurensuche in die letzte Synagoge der South Bronx zu Rabbiner Moses, der zu einem zweiten Vater für ihn wird und ihm diesen verlorengeglaubten Teil seiner Geschichte zurückerzählt.

Eine Graphic Novel auch für Anfänger*innen in diesem Genre.

 

 Strandlektüre für Mutige

 

Peter Benchley: Der weiße Hai

Milena 2013, 270 S., 23,90 €.

 

Sie haben den Film schon zehn Mal gesehen? Dann sollten Sie spätestens jetzt den Roman in neuer Übersetzung lesen. Allein, um endlich auch die Perspektive des Hais kennenzulernen, die Benchley kongenial vertritt. Sie führt uns eine unheimliche Sensationslust vor, die im Falle des Hais allerdings vor allem mit Reizreaktionen und gewiss nichts mit Gier und Bösartigkeit zu tun hat. Um so deutlicher sind Neid, Gier und das Begehren nach Sensationen in den Figuren ausgearbeitet, die den kleine Badeort Amity bevölkern.

Wirtschaft und Politik, Klasse, Ehe und Sexualität – die gesellschaftlichen Verhältnisse im Ort sind ganz schön angefressen und es braucht nur einen weißen Hai, um ein paar Fässer zum Überlaufen zu bringen. Bei der finalen, Melvillesken Jagd auf dem offenen Meer schließlich tragen alle Protagonisten die Haifischzähne im Gesicht.

Großartige Unterhaltung!

 

Alan Carter: Prime Cut

Edition Nautilus 2015, 368 S., 19,90 €.

 

Das strahlend blaue Südpolarmeer spuckt den Bewohnerinnen von Hopetoun, Westaustralien, zersägte und angekaute menschliche Gliedmaßen vor die Füße. Für Cato Kwong könnte es ein glücklicher Zufall sein, dass er gerade in der Nähe ist und zur Aufklärung des Kapitalverbrechens mit herangezogen wird. Es könnte ihm helfen, sich beruflich zu rehabilitieren, denn Catos erste Karriere als Vorzeigepolizist-mit-Migrationshintergrund in der Stadt endete mit einer von seinen rassistischen Kollegen lancierten Strafversetzung ins Viehdezernat. Bei der lokalen Polizei Hopetouns trifft er auf seine ebenfalls angeschlagene frühere Freundin Tess Maguire.

Die polizeilichen Ermittlungen führen zu chinesischen Vertragsarbeitern einer Nickelmine, der das Städtchen an der globalen Peripherie einen späten Boom verdankt. Mit der Verwertung der wandernden Arbeitskraft aller Länder machen neben der Minengesellschaft auch Sicherheitsdienste, Wohnwagenvermieter und Kleindealer beste Geschäfte.

Alan Carter schildert die Lebensbedingungen sehr realistisch, und um so echter wirken die Personen der Handlung, die Beschädigten, die Ausgebeuteten und die ekelhaften Gewinner.

Wo das Verbrechen auf so guten literarischen Boden fällt, hätte sich Carter den mordenden Psychopathen, der die Handlung umrahmt, vielleicht sogar sparen können. Dennoch: Nach Garry Dishers Wyatt-Krimis ist Prime Cut ein äußerst viel versprechender Auftakt zu einer neuen Krimi-Reihe aus down under.



Lafcadio Hearn: Chita

Jung und Jung 2015, 136 S., 17,90 €.

 

Hearns Novelle von 1889 erweckt das Meer zum Leben. Wort für Wort und wortwörtlich. Am 10. August 1856 erhob sich vor New Orleans der Golf und riss Inseln und Flüsse des Mississippideltas mit sich fort. Der Orkan kommt über die polyglotten Bewohner*innen der Fischerdörfer und die Sommergäste der Hotels, und er hinterlässt Fluten, „schwer von menschlichen Leichen“. Gerettet wird ein kleines Mädchen, das ein Fischer und seiner Frau an Kindes Stelle annehmen. Der totgeglaubte Vater aber, dem der Sturm Frau und Kind geraubt hat, ringt im gar nicht weit entfernten New Orleans mit dem Verlust und der Erfahrung, dass die Welt, nachdem sie ihn für vermisst erklärt hat, gar nicht vermisst und er als Überlebender „ein Eindringling unter den Lebenden“ ist.
Der Regen, die Bayous, das Meer – das Wasser in dieser Erzählung verströmt seinen Atem und ist aufgeladen mit den Seelenzuständen der Menschen. Ein wunderbares Stück literarischer Mimesis!

 


Pippa Goldschmidt: Weiter als der Himmel

Weidle Verlag 2015, 282S., 19,00 €.

 

Jeanettes Faszination gilt dem Sternenmeer. Für die ambitionierte Astronomin ist es alltägliches Geschäft, über Galaxien und Voids, Etwas und Nichts, Ursprung und Unendlichkeit nachzusinnen. In Teleskopaufnahmen entferntester Galaxien macht sie Beobachtungen, die die Urknalltheorie über den Haufen werfen könnten. Das sorgt für Ungemach. Nicht so sehr, weil die Entstehung der Welt mal wieder in Frage steht, sondern weil es eine junge Wissenschaftlerin ist, die der männlich dominierten Fachwelt diese Frage aufgibt. Für Jeanette steht mehr auf dem Spiel als ihre Karriere: Sie muss sich auch auf die Suche nach Erklärungen für ein uneinholbares Ereignis in ihrer eigenen Vorgeschichte begeben – und sie ist auf die Suche nach dem irdischen Glück mit den Frauen. Transgalaktisch!

 

 

 

 

Thorsten Nesch: Der Drohnenpilot

Mixtvision Verlag 2015, 287 S., 13, 90 €.

 

Der siebzehnjährige Darius ist mit der Schule fertig, lebt bei seinem Vater und weiß nicht so recht, was er in der nächsten Zeit tun soll. Allein die Treffen mit seiner Freundin Evelyn, einer Umweltaktivistin, und das abgeschiedene, intensive Zocken am Computer mit einem Drohnensimulationsspiel machen Darius Spaß. Doch dann wird aus der Simulation plötzlich Realität – die Entwickler bieten ihm, einem der besten Player, einen Job als echter Drohnenpilot an. Und Darius sieht eine Zukunft für sich: Er kann sich endlich eine eigene Wohnung leisten oder sogar mit Evelyn zusammenziehen. Doch die ist ganz und gar nicht begeistert von seinem neuen Job und konfrontiert ihn mit unbequemen Fragen zu Überwachung, Repression und Menschenrechtsverletzungen durch den Einsatz von Drohnen. Dinge, die Darius in diesem Moment wirklich nicht hören möchte. Enttäuscht wendet sich Evelyn von ihm ab. Darius hingegen genießt die Anerkennung seines neuen Chefs und den Nervenkitzel. Dass er immer tiefer in das abgeschlossene System der Sicherheitsfirma gleitet und zunehmend den Kontakt zu sich und seinem früheren Leben verliert, macht sich nach Darius ersten Höhenflügen bemerkbar. Er hat mit beunruhigenden Flashbacks aus seinen Drohneneinsätzen zu kämpfen.

Wofür sich Darius am Ende entscheidet, erzählt der Autor mit großer Sympathie für seinen Protagonisten spannend und klug bis zum Schluss. Für Leser*innen ab ca. 14 Jahren.

Empfehlungen vom Winter 2014

Romane

Yankev Glatshteyn: Emil und Karl

Kometen der Anderen Bibliothek 2014, 151 S., 18,-€

 

Emil und Karl

 

Emil und Karl ist die Geschichte einer großen Freundschaft von zwei kleinen Jungen, die ganz auf sich allein gestellt sind. Aber sie erleben keine aufregenden Kinderabenteuer, sondern den Naziterror im Wien des Jahres 1938.

Nachdem ihre Eltern “abgeholt” oder gleich ermordet wurden – die einen wegen ihres jüdischen Glaubens, die anderen wegen ihres sozialistischen Engagements – irren  Karl und Emil schutzlos durch die Stadt. Schließlich finden sie Unterschlupf bei einem antifaschistischen Paar. Doch Hans und Mathilde werden denunziert, und den Freunden bleibt nur noch die Hoffnung, mit einem “Kindertransport” nach England zu entkommen.

Emil und Karl ist nicht nur in literarischer Hinsicht beeindruckend. Es ist wahrscheinlich das früheste Kinderbuch über bzw. gegen den Nationalsozialismus: Zeugnis davon, dass manche schon früh die Katastrophe kommen sahen und sie mit den je eigenen Mitteln abzuwenden versuchten. Glatshteyn hat das Buch bereits 1939 geschrieben. In ihrem informativen Nachwort schildert Evita Wiecki, wie der Schriftsteller und Protagonist der damals blühenden jiddischen Literaturszene von New York das Publikum mit seinen wöchentlichen Kolumnen im Morgn Zhurnal vor den Entwicklungen in Europa warnte.

 

 

Ruth Landshoff-Yorck: Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera

Aviva Verlag 2014, 256 S., 18,90€

 

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Savoir-vivre und praktischer Antifaschismus – wie gut das zusammengeht, lebt uns in diesem Exilroman aus dem Jahr 1944 ein kleiner, bunter Haufen von Geflohenen, Künstler*innen und Bohemien*nes vor. Zwischen Nizza und Marseilles organisieren sie Fluchthilfe und Sabotage unter den Augen von Kollaborateur*innen und Nazis, die es sich in denselben Hotels gemütlich machen.  Wir lernen auch: Es gab viele Gründe in den Widerstand zu gehen und obwohl sich diese Antifaschist*innen noch zu Beginn der 1940er Jahre überhaupt nicht einig sind, welches Übel und welche Bedrohung Nazideutschland für die Welt darstellt, können sie sehr gut zusammen kämpfen.

 

 

 

Abasse Ndione: Die Piroge

Transit Verlag 2014, 96 S., 14,80€

 

 

Die Piroge ist durchaus seetüchtig, wenn auch nicht für lange Fahrten, sondern zum Fischen vor den Küsten Senegals gebaut. Aber die Geschäfte laufen schlecht, so dass sich Kapitän Baye Laye eine andere Einnahmequelle überlegt: eine Überfahrt nach Europa. Rasch finden sich mehr Passagier*innen zusammen als geplant. Was sie bewegt, ihre Dörfer zu verlassen, wie sie das Reisegeld zusammenbringen, und wie sie schließlich – die meisten zum ersten Mal in ihrem Leben – das Meer sehen, erzählt Ndione in novellenhafter Dichte. Auf hoher See träumen sie von dem besseren, vielleicht sogar guten Leben in Europa. Aber dann zieht ein Sturm auf und die Piroge gerät in Seenot.

 

 

Joyce Carol Oates: Die Verfluchten

S. Fischer Verlag 2014, 749 S., 26,99€

 

Die Verfluchten

 

Es spuken ein lynchender Mob und tote Kinder, lüstern flüsternde Stimmen treiben junge Leute ins Verderben, ein Ausbruch von Schlangenwahn im Mädchenpensionat, Ehemänner töten Ehefrauen, Studenten ihre Professoren. Princeton/New Jersey, geistiges Zentrum presbyterianischer Gelehrsamkeit und Brutstätte des US-amerikanischen Establishments, wird von Vampiren heimgesucht!

Die grausigen Begebenheiten ereignen sich in den Jahren 1905 bis 1906 zur Zeit des Rektorats von Thomas Woodrow Wilson, des späteren Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers. Die Vampire schleusen sich nicht nur in Gestalt europäischer Adliger in die feine Gesellschaft ein, sondern nehmen auch einmal die Identität von Sherlock Holmes oder gar Jack London an (was den armen Upton Sinclair in große Verlegenheit bringt). All das berichtet uns nach bestem Wissen ein Historiker, der so wenig vertrauenswürdig ist, wie es sich für den Ich-Erzähler eines Schauerromans gehört. Ganz entgegen seiner Absicht präsentiert er uns die Angehörigen der “ältesten Familien Princetons” als eine Bande von misogynen, rassistischen und sozialchauvinistischen Hypochondern und Paranoiden, um es noch freundlich auszudrücken.

Oates trägt dick auf und bereitet uns damit hochklassige Kurzweil und wohlige Schauder.

 

 

Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution

Bürger und Soldaten – Verratenes Volk – Heimkehr der Fronttruppen

Hörspiel. Hörspielbearbeitung und Regie: Norbert Schaeffer

Der Hörverlag 2014, 4 CD, Gesamtlaufzeit 4h 22min, 24,99€

 

Alfred  Döblin - November 1918. Eine deutsche Revolution

 

“Wie wird aus einem Stoff wie November 1918 etwas möglich, was nicht journalistisch und nicht Hysterie oder gar eine niedliche Liebesgeschichte wird? Krieg, Politik, viel Welt, massenhaft Vorgänge in vielen Schichten – wie wird das mit tausend Farben zu einem eigenen, sprechenden, verkündenden Bild werden?!”

Indem der Schriftsteller, so beantwortet Döblin seine eigene Frage, immer schon von einem Bild ausgeht, welches er ausformt mit den “Fetzen”, die ihm als Einfälle zufliegen und die er in der Realität aufliest. Die Verdichtung des Hörspiels verstärkt den Effekt: Wir lauschen dem Gewirr der Stimmen, und es fügt sich ein sprechendes Bild. Von einer Revolution, die einen Krieg beendet und ihn nicht beendet, von einem Krieg, der niemanden entlässt, von neuen Truppenbewegungen und von einem Herrn Ebert, der – vorläufig – von den widersprüchlichsten politischen Kräften an seiner Stelle gehalten wird.

Wer wissen möchte, wie es im letzten Teil von Döblins monumentalem Erzählwerk November 1918, Karl und Rosa, weitergeht, kann sich freuen, dass alle Bände jetzt auch wieder als Taschenbuch im S. Fischer Verlag lieferbar sind.

 

 

Heike Geißler: Saisonarbeit

Spector Books 2014, 262 S., 14,-€

 

Saisonarbeit (VOLTE, Band 2)

 

Eine Schriftstellerin aus Leipzig arbeitet, weil es gerade Weihnachtssaison ist und sie daheim das Geld brauchen, im Schichtbetrieb bei Amazon. Sie suchte nur einen Job und findet sich in der Arbeitswelt wieder. Eine Autorin muss schreiben, also beschreibt sie diese Arbeitswelt, bespricht sie, redet auf sie ein, weil: “Mit sich reden lässt sie ja nicht.”

Und die Autorin redet auf Sie, ja Sie, verehrte Leser*in, die Sie es sicher sehr reflektiert und spannend finden, wie hier das Thema “Arbeit” angegangen wird. Ja, auch Sie haben eigentlich etwas Besseres zu tun und verdient, als sich in der Arbeitserfahrung der Erzählerin wiederzufinden, die Sie in der zugigen Lagerhalle mit widerspenstigen Dingen, Schachteln und Kolleg*innen hantieren lässt.

Lassen Sie sich Ihre Zeit stehlen von diesem literarisch sehr gelungenen Widerstand gegen die Arbeit und seien Sie willkommen zurück in der Gegenwart.

 

James Hanley: Fearon

Arco Verlag 2014, 268 S., 24,-€

 

Fearon

 

Als Fearon dreizehn wird, nehmen ihn seine Eltern von der Schule, damit er in den Docks von Liverpool Geld verdient. In erschütternder Klarsicht begreift Fearon, dass damit seine zaghaften Wünsche an das Leben zunichte gemacht sind.

Die Arbeit ist ein Alptraum. Fearon versucht ihr zu entkommen und versteckt sich als blinder Passagier im Kohlebunker eines Frachtschiffs. Seine Entdeckung durch die Schiffsbesatzung rettet ihm zwar das Leben, beschert ihm aber neue Qualen.

Die ungeschönte Darstellung der Brutalität der Kinderarbeit einschließlich sexueller Ausbeutung löste in Großbritannien einen Skandal aus. Es kam sogar zur öffentlichen Verbrennung des Romans, der bald nach seinem Erscheinen im Jahr 1932  in Vergessenheit geriet und erst jetzt von Joachim Kalka ins Deutsche übersetzt worden und in schöner Ausstattung mit einem Vorwort von Anthony Burgess erschienen ist.

 

Kriminalromane

 

 

María Inés Krimer: Sangre Kosher. Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal

Diaphanes Verlag 2014, 200 S., 17,95€

 

 

Ruth Epelbaum, die regelmäßig auf Friedhöfen unterwegs ist, will bestimmte Dinge einfach nicht ruhen lassen. Zum Beispiel die Sache mit der Zwi Migdal, einer jüdischen Verbrecherorganisation, die in den 1930er Jahren den Frauenhandel in Argentinien beherrschte. Das hat sie erst den Job im Archiv einer Provinzgemeinde gekostet, jetzt könnte es um Kopf und Kragen gehen. Aber die Frührentnerin ist und bleibt einfach verdammt cool und verliert zwischen Shopping-Anfällen und One-Night-Stand nicht die Spur. Ein Krimi in bester Noir-Tradition.

 

 

 

Liza Coda: Lady Bag

Ariadne Krimi im Argument Verlag 2014, 320 S., 17,-€

 

 

Nüchtern ist sie nur, wenn sie die Reaktionen der Leute auf sich, die bettelnde obdachlose Baglady am Straßenrand beschreibt, oder wenn ihre Windhündin Elektra ihr mal wieder den Kopf gewaschen hat. Ansonsten hält sich die Frau mit der Reisetasche mit billigem Roten in einem Zustand der Dauerbetäubung. Aufgeschreckt, als “der Teufel” persönlich, jener Mann, der vor vielen Jahren ihr Leben ruinierte, ihren Weg kreuzt, unternimmt sie den Versuch, ihm zuvorzukommen, bevor ihm die Nächste zum Opfer fällt.

Mit schweren Kopfverletzungen und der Handtasche einer Ermordeten findet sich die Baglady im Krankenhaus wieder. Die Handtasche beschert ihr eine Kreditkarte und eine neue Identität. Mit diesem Geschenk und einer Verschlagenheit, die sie bei aller Unzurechnungsfähigkeit immer wieder rettet, macht sich die Baglady auf die Suche nach Elektra. Auf der Flucht vor der Polizei und üblen Gesellen der Straße tun sich die beiden mit der Transfrau Schmister zusammen. Ihre Odyssee durch London, getrieben von dem Wunsch, dem Teufel doch noch das Handwerk zu legen, ist ein grandioser, von Witz und Verwicklungen überbordender Trip – unser aktueller Lieblingskrimi!

 

 

Reginald Hill: Rache verjährt nicht

Suhrkamp TB 2013, 684 S., 9,99€

 

Rache verjährt nicht

 

Es ist nicht mehr viel übrig im Leben des ehemaligen Holzfällers Wolf Hadda. Ein Auge hat er verloren, das Gesicht vernarbt. Seine Frau hat sich mit seinem Anwalt zusammen getan, sein Geld ist futsch, und er sitzt seit Jahren im Knast. Und Hadda schweigt. Erst als die Gefängnispsychologin auftaucht, beginnt er zu reden. Nur, vertraut er sich ihr wirklich an?

In der schroffen und kalten Landschaft Cumbrias kommt es zum Showdown um Lügen, Liebe, Klasse und Familie.

 

 

Alexander Lippmann: Sumpfwandertag

Zaglossus Verlag 2014, 200 S., 14,95€

 

 

Wien an einem 1.Mai in naher Zukunft und kurz vor der Abstimmung einer neuen “Sicherheitsnovelle”. Die politische Stimmung kocht. Der nicht eben sympathische Hagen Steiner, ein “wankelmütiger Kleinbürger und außerdem ein Raufbold”, wurde am Tag zuvor aus seinem Job als Redenschreiber eines sozialdemokratischen Politikers geschasst – vorsorglich, weil als Ex-Linksradikaler nicht länger tragbar. Am Rande der 1.Mai-Kundgebung wird Steiner Zeuge, wie Neonazis die Demo angreifen und seinen alten Genossen Farid Shamirani ermorden. Steiner war mal wieder zur falschen Zeit am falschen Ort. Wenn er nicht bald die Täter findet, wird er selbst den Kopf für den Mord an Farid hinhalten müssen. Die Dinge und Steiner nehmen ihren Lauf. Bei einem geheimen Kameradschaftstreffen wird er enttarnt. Mollies fliegen, die Antifa greift ein, die Nazis prügeln, Steiner verliert vollends die Kontrolle und nichts ist geklärt. Welches Spiel spielt der ehemalige Genosse, der mittlerweile dem Innenministerium dient, und was ist damals beim kommunistischen Jugendcamp in Griechenland eigentlich genau geschehen? Ruppig und spannend liest sich dieser Polit-Krimi bis zur letzten Seite.

 

 

Science Fiction

 

Jeff Vandermeer: Auslöschung

Southern Reach Trilogie N° 1

Antje Kunstmann Verlag 2014, 240 S., 16,95

 

Cover zu Auslöschung

 

Liebe Serienjunkies, wenn Ihr doch mal wo seid, wo Ihr nicht streamen könnt, nehmt den ersten Teil der Southern Reach Trilogie zur Hand! Es sei nur soviel verraten: Vier Wissenschaftlerinnen machen im Regierungsauftrag eine Expedition zur Area X. Was geht dort vor sich? Wer war schon vor ihnen da und wer ist immer noch da? Die Area ist unheimlich, sie scheint belebt und ausgestorben gleichermaßen. Alte Tagebücher von ehemaligen Expeditionsteilnehmer*innen finden sich. Nur eine wird diese Expedition überleben.

Garantierter Pageturner mit Cliffhanger. Aber keine Sorge – der zweite Teil erscheint schon bald.

 

 

Sachbücher

 

Roland Reuß: Die perfekte Lesemaschine. Zur Ergonomie des Buches

Wallstein Verlag 2014, 86 S., 14,90€

Cover »Die perfekte Lesemaschine«

 

“Kein Gegenstand des täglichen Gebrauchs vieler hat so eine große Aussicht, noch in vierhundert, fünfhundert Jahren problemlos und ohne Ansprüche an eine technische Infrastruktur verwendet werden zu können – und das macht das Buch besonders geeignet, komplexere Gedankengänge (die ihre Zeit brauchen, um verstanden und reflektiert zu werden) aufnehmen und überliefern zu können. Es braucht dafür nur ein Regal, einen Dachboden, eine Truhe.”

Ein sorgfältig und gut überlegt hergestelltes Buch ist eine prefekte Lesemaschine. “Die Maschine Buch”, meint der Editionswissenschaftler und Kafka-Herausgeber Reuß, “ist eben nicht einfach nur, wie manche uns gerne weismachen wollen, eine gedruckte Datei. Sie bestimmt sich, gut aristotelisch, durch ihre Zweckursache: der materialen Optimierung des Übergangs verschriftlichter Gedanken ins Verstehen.”

Sein kleines Breviarium beleuchtet in alphabetisch geordneten Stichworten von Apostroph bis Zweispaltiger Satz einige Gesichtspunkte der guten Buchgestaltung. Lehrreich und unterhaltsam für alle, die Bücher schreiben, lektorieren, übersetzen, verlegen, drucken, binden, gestalten, rezensieren, verkaufen, verleihen, sammeln und – das Wichtigste – lesen.

 

 

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung. Filme, Comics, Theater und andere Aspekte der Populärkultur

Verlag Vorwerk 8 2014, 256 S., 24,-€

 

 

Die Essays des Kritikers und Kulturtheoretikers Robert Warshow (1917-1955) gehören in den USA zu den Klassikern der Popkulturtheorie. Dass Thekla Dannenberg sie jetzt für den Verlag Vorwerk 8 übersetzt hat, ist ein Glück, denn Warshows Kritiken sind wirklich vom Feinsten! So schön geschrieben, so sehr auf Genauigkeit bedacht in ihren Bestimmungen.

Die Betrachtung der Populärkultur muss, so Warshow, von jener “unmittelbaren Erfahrung” ausgehen, in der Leser*in und Buch, Kinogänger*in und Film etc. einen Zusammenhang bilden und ein je spezifisches Verhältnis zur Wirklichkeit haben.

Bestimmt ist Warshow auch in seinem Urteil. So sieht er in einem allseits gefeierten Stück wie Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden vor allem einen langweiligen Holzschnitt-Charakter für ein Publikum, das Anspruch mit Kulturpessimismus verwechselt, während er den Film 12 Uhr Mittags für misslungen hält, insofern er dem einsamen Cowboy ein Sozialdrama aufnötigt, das in dem Holz, aus dem Westernhelden geschnitzt sind, nichts zu suchen hat.

 

 

Sven Beckert: King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus

Ch. Beck Verlag 2014, 524 S., 29,95€

 

Cover des Buches 'King Cotton'

 

Schon seit vorkapitalistischer Zeit verwendet die Menschheit eine Menge Arbeitskraft auf die Produktion von Textilien. Es ist kein Zufall, dass Marx die Leinwand als Beispiel gewählt hat, um seine Werttheorie zu entwickeln. Und es ist kein Zufall, dass Beckert anhand der Baumwolle die Geschichte des Kapitalismus erzählt.

Anders als Leinen wird Baumwolle nicht in Europa angebaut, und Europa war für die Baumwollindustrie und das globale Handelsnetz, die bereits vor dem Kapitalismus existierten, bedeutungslos. Das hat sich mittlerweile geändert. Beckert schildert, wie es dazu gekommen ist und welche Rolle dabei “Kriegskapitalismus”, Handelskapital, Staat und Kolonialismus, aber auch antikoloniale und Arbeiter*innenbewegungen gespielt haben. Besonders eindrücklich ist die Darstellung der Sklaverei, ohne die die Entstehung des “doppelt freien Lohnarbeiters” (übrigens mehrheitlich Frauen und Kinder) kaum vorstellbar gewesen wäre.

Ein absolut lesenswertes Buch!

 

 

Matthias Becker: Mythos Vorbeugung. Warum Gesundheit sich nicht verordnen und Ungleichheit krank macht

Promedia Verlag 2014, 224 S., 17,90€

 

Becker Mythos Vorbeugung

 

Chronische Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herzkreislauferkrankungen sind zentrale Probleme der staatlichen Gesundheitsvorsorge geworden. Die Risiken, krank zu werden, sind aber nicht nur zwischen Arm und Reich sehr ungleich verteilt, es ist auch die Ungleichheit selbst, die unter Stress setzt und krank macht. Becker stellt diese Befunde der Sozialmedizin in sehr anschaulicher Weise dar. Und er erklärt, warum eine Präventionspolitik, die vor allem auf individuelles Verhalten zielt, die gesundheitliche Ungleichheit nur verschlimmern wird.

Für die Einzelnen werden die Anreize verschärft, sich als selbstverantwortliche Eigentümer*innen ihrer Gesundheit zu verhalten, zu joggen, Rückengymnastik am Arbeitsplatz zu machen, nur noch das Richtige zu essen und bloß nicht zu viel… aber nur, solange es der Verwertung ihrer Arbeitskraft dient. Ach, dabei könnte es wahre Wunder bewirken, wenn alle einfach öfter mal ausschlafen würden!

 

 

Götz Aly: Die Belasteten. “Euthanasie” 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte

Fischer TB 2014, 352 S., 10,99€

 

Die Belasteten

 

Dieses Buch bündelt die Ergebnisse aus Götz Alys über dreißigjähriger Forschung zu den Euthanasiemorden während des Nationalsozialismus. Die einzelnen Kapitel spiegeln auch eine Verschiebung seines Interesses wider: von den Täter*innen, der Organisation des Mordens und der Frage der gesellschaftlichen Verantwortung hin zu den Ermordeten, ihren Schiksalen und ihrem Zeugnis. “Die Opfer waren arm, verzweifelt, aufsässig und hilfsbedürftig.”

Dass ihr Tod auch bei Angehörigen häufiger auf verschämtes Einverständnis als auf Nachfragen stieß, zeigt die Verbreitung einer Moral, die besagt, dass wer nicht zur Arbeit tauge, kein Recht auf Leben habe. Der “Tod als Erlösung vom Leiden” war die gängigste Entlastungslüge von Menschen, die mit solcher Moral und zu viel ihnen überlassener Sorge belastet waren. Und sie ist es noch heute. Auch darum ist Die Belasteten ein wichtiges Buch: für das Gedenken an die Opfer der Euthanasie, das noch immer von falscher Scham verstellt wird, und für die Auseinandersetzungen um die Frage, wem und warum heute “beim Sterben geholfen” werden soll.

 

 

Ariane Brenssell, Klaus Weber (Hg.): Störungen

Argument Verlag 2014, 194 S., 9,90€

 

 

Der aktuelle Band steht den vorangegangen Bestsellern aus der Reihe texte kritische psychologie in nichts nach. Es ist eine wahre Wohltat, wie deutlich die Autor*innen darauf bestehen, Psychosen und Traumata auch als sinnvolle Reaktionen auf gesellschaftliche Zustände zu lesen, anstatt die Gründe für psychische Störungen ausschließlich im Subjekt zu suchen. In der kompakten Textsammlung finden sich Aufsätze zum Verständnis und zur Verstehbarkeit von Störungen, zu Machtverhältnissen in der psychologischen Betreuungsarbeit sowie zur Diskussion über das Subjekt in den Neurowissenschaften.

Sehr empfehlenswert – nicht nur für Praktiker*innen.

 

 

Grégoire Chamayou: Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne

Passagen Verlag 2014, 288 S., 29,90 €

 

 

“Eine subjektive Geschäftigkeit mit gewaltigen Anstrengungen und Investitionen, um seinen Weg zu vernebeln, die Spuren zu verwischen, jedes feststellbare Subjekt der Handlung zu verbergen, um diese als reine Funktion zu verkleiden, eine Art Naturphänomen mit einer ähnlichen Notwendigkeit, nur von Systemadministratoren kontrolliert, die gelegentlich Programmfehler korrigieren, Updates durchführen und den Zugang regeln.”

Die Thesen des Philosophen Grégoire Chamayou lichten den Nebel um die bewaffnete Drohne, genauer bezeichnet als “Unmanned Combat Air Vehicle”. Der Rechtsrahmen, in dem die momentanen Einsätze der UAVs stattfinden, scheint ungeklärt. Der Einsatz, die Aufstandsbekämpfung aus der Luft, stellt jedenfalls eine dauerhaft stattfindende Verletzung des Völkerrechts dar. Und er wirft grundlegende rechtsphilosophische Fragen der Souveränität auf. Die Drohne verschiebt die Zone des bewaffneten Konflikts an den Körper des Feindes und sie trägt dazu bei, den Kampf aus dem Krieg zu entfernen. Das macht sie aber nicht zu einer “ethischen” Waffe, als die ihre Befürworter*innen sie legitimieren wollen.

Chamayou gelingt es, dieses überaus komplexe Thema in einer gut zu lesenden Form zu diskutieren.

 

Romane
Yoko Tawada:
Etüden im Schnee
Konkursbuch Verlag 2014, Klappbroschur, 312 S., 12,90 €

Eine pensionierte sowjetische Zirkusartistin schreibt an ihrer Autobiographie und muss nach Westberlin exilieren. Um Schreibblockade und Identitätsprobleme zu überwinden, sucht sie Orientierung beim Buchhändler ihres Vertrauens, der ihr Tolstois „Drei Bären“, Heines Tanzbärenepos „Atta Troll“ und Kafkas „Bericht für eine Akademie“ nahelegt. Die Lektüre gibt ihrem Leben eine neue Wende.
Vertraut also Euren BuchhändlerInnen und winkt nicht gleich ab, wenn sie Euch eine Eisbärenfamiliensaga empfehlen! Die schriftstellernde Emigrantin ist nämlich eine Eisbärin und die Großmutter des kleinen Knut.
Seine Geschichte und die seiner Mutter Tosca werden nah an der Realität erzählt. Tosca begegnet im Staatszirkus der DDR Barbara, als deren historisches Vorbild unschwer die Dompteurin Ursula Böttcher zu erkennen ist. Mit ihrer spektakulären Eisbärennummer wurde Böttcher ein Superstar der  Zirkuswelt. Nachdem die Treuhand den Staatszirkus abgewickelt hat, führt Ursula/Barbara mit dem einzigen ihr verbliebenen Eisbären noch jahrelang zwei Mal täglich im Spreepark ihren berühmten Todeskuss auf, der sogar auf einer Briefmarke verewigt wurde.
Unterdessen wird Tosca dem Berliner Zoo zugeteilt, wo sie Knut gebiert und in Pflege gibt: „Es fiel mir nicht leicht, aber ich hatte wegen meiner Schriftstellerei keine Zeit für ihn.“ Anders als ihre Mutter schreibt Tosca nicht die eigene Geschichte, sondern die ihrer „Menschenfreundin“ Barbara. Die Lebensthemen von Eisbärin und Dompteurin gleichen sich: Künstlerische Energie und Eigensinn, aber auch die Einsamkeit einer Außenseiterexistenz.
Der dritte Teil des Buches ist aus der Perspektive des kleinen Knut erzählt, der wie jedes Baby erst lernen muss, in der ersten Person zu sprechen. Nicht in der Manege, sondern im Gehege liefert er eine Show auf höchstem professionellen Niveau und reift zum Melancholiker heran, der in stillen Minuten Zwiesprache mit seinem Kinderstar-Kollegen Michael Jackson hält.
Tawada ist eine große Dichterin! Aus diesem kitschträchtigen Stoff gestaltet sie einen ganz erstaunlichen, vielschichtigen, unterhaltsamen, ebenso berührenden wie witzigen wie klugen Roman über Fremdsein, Kindheit und Künstlertum.
Das Buch ist in sehr schöner Ausstattung und dabei zu günstigem Preis erhältlich.

 

Sarah Schmidt:
Eine Tonne für Frau Scholz
Verbrecher Verlag 2014, gebunden, 224 S., 19,00 €

Nina Krone hat viel geliebt, gelesen und getrunken in ihrem Leben und eigentlich geht es ihr auch heute nicht schlecht. Ihre Kreuzberger Mietwohnung wurde noch nicht saniert und der Job im Fotostudio eines nörgelnden Altlinken ist ihr sicher. Nina und Fritz lieben sich seit Jahren „einfach so“. Ninas erwachsene Kinder haben Projekte: Ella will Filme machen, Rafi in schwul-lesbischer Elternschaft ein Kind bekommen. Doch in Nina machen sich Krise und Verachtung breit: „[W]ir glauben nicht an die Rentenversicherung und wissen, dass in den kommenden Jahren alles zusammen-brechen wird… Darum macht mich alles so wütend. Weil wir trotzdem so klein geworden sind. Es ist mir unerträglich, genau wie mein Lamentieren darüber.“  Mit überspringender Entschlossenheit beginnt Nina die Freundschaft ihrer Nachbarin Frau Scholz zu suchen, eines alten BDM-Mädchens, die sie an Bissigkeit und Weltekel noch übertrifft.
Aber nicht auf Versöhnung läuft die Geschichte hinaus, sondern auf tiefgreifende Erschütterungen.
„Eine Tonne für Frau Scholz“ ist witzig und pointiert geschriebene Popliteratur und doch ernsthaft und bedeutend: Es ist eine Kunst, unser gewöhnliches, zeitgenössisches Leben zu zeigen, wie es ist: „[U]nser Leben ist selten erhaben oder grob oder lächerlich, aber immer wirklich. Es ist voller alltäglicher Wirklichkeiten und kann tragische Züge annehmen.“ So beschrieb der Literaturwissenschaftler Erich Auerbach den Gegenstand des realistischen Romans.

 

Erich Auerbach:
Kultur als Politik
Aufsätze aus dem Exil zur Geschichte und Zukunft Europas (1938–1947)
konstanz university press 2014, gebunden, 200 S., 29,90 €

Von Erich Auerbach ist im Frühjahr ein Band mit zwölf erstmals übersetzten Zeitungstexten und Vorträgen aus der Zeit seines Exils in der Türkei 1938-1947 erschienen, der sich sehr gut als Einführung in Auerbachs kulturhistorisches Denken lesen lässt.

 

Vladimir Jabotinsky:
Richter und Narr
Kometen der Anderen Bibliothek 2014, gebunden, 382 S., 22,- €

Leidenschaft, Verrat, Rebellion und Action! Ein Buch zum Schwelgen und ein Held wie er sein soll: zwiespältig und imposant. Ein Riese mit sieben Zöpfen, die ihn als Auserwählten kennzeichnen und niemals geschnitten werden, denn sie sind das Unterpfand seiner legendären Kraft. Wenn es ihn überkommt, tötet er einen wilden Panther mit bloßen Händen, 3000 Männer reichen nicht, um ihn zu fesseln.
Kanaan zu biblischer Zeit. Die Philister sind die Hegemonialmacht. Simson, ein Daniter, ist fasziniert von ihrer Zivilisiertheit, bewundert ihre überlegene Staats- und Schmiedetechnik und verliebt sich in eine Philisterin. Da er zu feiern versteht, ist er gerngesehener Gast bei ihren Parties. Aber das Leben als Narr an der Tafel der Herrschenden ist gefährlich. Zumal dann, wenn man wie Simson den Aufstand gegen die Philisterherrschaft plant. Dazu will er die zerstrittenen Stämme Israel einen und lässt sich zum Richter wählen. Aber das Alltagsgeschäft des Richtens ist zäh…
Selbst wer bibelfest ist und Samsons Geschichte schon kennt (Buch der Richter, 14–16), wird dieses Buch nicht aus der Hand legen wollen, ehe der Tempel nicht eingestürzt ist.
Wie muss es da erst den LeserInnen der Erstveröffentlichung ergangen sein! Mussten sie doch immer auf die neue Ausgabe der Zeitschrift warten, in der „Richter und Narr“ als Fortsetzung erschien (auf Russisch in Paris 1927). Jabotinsky, im letzten Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt, ist 1880 in Odessa geboren, war Journalist, Schriftsteller und zionistischer Politiker.
Das Buch ist in der Reihe Kometen der Anderen Bibliothek erschienen, die sich durch ihre aufwendige und wirklich schöne Ausstattung auszeichnet.

 

Stefan Ripplinger:
Mary Pickfords Locken
Eine Etüde über Bindung
Verbrecher Verlag 2014, 90 S., Paperback, 12,- €

Lag das Geheimnis ihrer Kraft wie bei Simson auch in ihren Locken? Ripplingers begeisterter und begeisternder Essay über den frühen Hollywood-Star Mary Pickford legt dies nahe.
„Die Frisuren in den Filmen Pickfords sind attraktiv, nicht nur ihres Schauwertes wegen, sondern auch wegen ihrer sozialen, psychologischen, ja geschlechtlichen Ambivalenz, also ihrer Überdeterminiertheit. Sie bringen Glanz ins Dunkel und Leben ins Bild, sie nehmen den Wandel vorweg und behaupten gern das Gegenteil dessen, was gerade verhandelt wird.“
Erst 1928 ließ Pickford sich ihre präraffaelitischen Locken ab und einen Bob schneiden, der auch damals schon längst nicht mehr dernier cri war. Damit besiegelte sie das Ende ihrer eigenen Ära und die des „proletarischen Hollywoods“. Seine Würdigung der Frisur der Mary Pickford will Ripplinger als eine Studie über Bindung verstanden wissen. Es geht um die Bindung zwischen der nicht im Turm, sondern „in der Fiktion eingeschlossenen Rapunzel“ und ihrem Publikum und damit um die gesellschaftliche Bedeutung des frühen Kinos gerade für eine proletarische Kultur.
Nebenbei erfährt man Interessantes über die Anfänge der Filmindustrie, in der Frauen nicht nur als Schauspielerinnen eine wichtige Rolle spielten, sondern auch als Drehbuchschreiberinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen.

 

Jonathan Lethem:
Der Garten der Dissidenten
Tropen / Klett Cotta Verlag 2014,  gebunden, 476 S., 24,95 €

Über den Kommunismus in Amerika: Jonathan Lethem erzählt in seinem neuen Roman eine brüchige Geschichte der Dissidenz, in der sich das Familiäre und das Politische auf’s Engste durchdringen.
Im Epizentrum steht Rose Angrush, jüdisch-polnische Emigrantin, Überlebende, Kommunistin und Lincoln-Verehrerin. Die Kommunistische Partei New Yorks bringt ihr einen Ehemann, sie nimmt ihr den Ehemann, um ihn in die DDR zu versetzen, und schließt Rose später wegen ihrer Affäre mit einem schwarzen Polizisten aus – bevor sich die Partei nach der Entdeckung des Stalinismus 1956 selbst aus der Geschichte streicht.
Rose, beeindruckend unabhängig und unversöhnlich, manchmal brutal, hat derweil ihre eigene Zelle in einer Muster-Gartenstadt in Queens gegründet. Die Community wird ihr politischer home turf. Dort beackert sie noch im hohen Alter Archie Bunker, der in einer berühmten Sitcom der 1970er das Ressentiment des weißen Amerikaners verkörperte: „Ja, ich bin Kommunistin, sieh mal genau hin. Ich bin eine Frau und eine Kommunistin und ich gehe dir unter die Haut.“
Dort hat Rose die nächste Generation großgezogen. Ihre schlaue Tochter entkommt ihr als Yippie-Aktivistin nach Downtown. Alle ihr Anvertrauten – der Neffe, der Sohn ihres Liebhabers, noch der Enkel, kämpfen ihr Leben lang mit einem Rose-Komplex: Sie alle sind Gefangene und sie alle versuchen den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu trotzen, die nicht vergehen, sondern nur verdrängt werden.

 

Kinderbuch

 

Kyle Mewburn: Else
Illustrationen von Ali Teo und John O’Reilly
Betz Verlag 2013,  32 S., 12,95 €

Esel sind stur. Sie grasen immer auf den selben Bergwiesen. So machen wir Esel das seit jeher, sagen sie. Else ist auch ein Esel und daher auch stur. Und wenn sie sich in den grauen Schädel gesetzt hat, zur Abwechslung mal ans Meer zu traben, dann macht sie das auch, egal was die anderen Esel sagen.
Es lohnt sich, neue Wege einzuschlagen. Unterwegs findet Else ReisegefährtInnen, und gemeinsam überwinden sie Hindernisse, bestehen Abenteuer und gelangen endlich ans Meer.
Ein Bilderbuch für Kinder, die schon auf zwei Beinen laufen können und sich ihre Ziele gerne selbst  aussuchen.

 

Jenny Robson: Tommy Mütze
Beltz Gulliver 2014, 78 S., 5,95 €

Als Tommy neu in die 4. Klasse der Colliery Primary kommt, staunen die anderen nicht schlecht. Er trägt eine Wollmütze über das ganze Gesicht gezogen und nimmt sie selbst dann nicht ab, wenn er sein Pausenbrot isst. Was ist derGrund? Ist er krank, in einem Zeugenschutzprogramm, ein prominenter Fußballer, der sich vor seinen Fans versteckt, oder gar ein Alien? Weder mit direkten Fragen, noch mit Psychologie bringen die Kinder Tommy dazu, das Geheimnis um seine Mütze zu lüften. Vor lauter Neugier entwickeln sie immer mehr Einfallsreichtum, Wortgewandtheit, Freundlichkeit und Einfühlungsvermögen. Und auch für uns LeserInnen ist die Spannung kaum mehr auszuhalten. Als Tommy schließlich sein Gesicht zeigt, sind alle verblüfft.
Ein hochspannender Grundschulroman für Kinder ab 8 Jahren.

 

 

 

Taschenbuch

 

Joanna Bator: Sandberg
Suhrkamp Taschenbuch 2012, 489 S., 11,99 €

Ein Neubau in Walbrzych, einer schlesischen Bergarbeiterstadt. Den Kumpels hat es die Sprache verschlagen, aber ihre Töchter greifen zur Feder und erzählen die Geschichte der polnischen Frauen.
Jadzia ist keine Heldin der Arbeiterklasse. Anstatt anmutig in der ersten Reihe zu demonstrieren und Brotaufstände zu veranstalten, putzt und  schneidert sie, kocht Obst ein, betet zum Papst und hält die schicke Neubauwohnung in hygienisch einwandfreiem Zustand. Über den Quelle-Katalog gebeugt träumt sie von einem Schwiegersohn aus Westdeutschland. Aber die Tochter gelangt nicht höher hinaus als auf die Dächer von Piaskowa Gorá, das zusehends verwahrlost. Es kommt zu einem ganz anderen Happy-End, als es sich Jadzia je erträumt hätte.

 

Silvia Avallone:
Ein Sommer aus Stahl
dtv 2013, 416 S., 9,90 €

Plattenbauten stehen auch in Italien, und um die dortige Arbeiterklasse war es ebenfalls schon einmal besser bestellt. Die Arbeit im Stahlwerk bewältigen die jungen Männer nur mit Hilfe von allerlei Rauschgiften. Die Arbeitsverhältnisse sind sehr eindrücklich geschildert, aber im Mittelpunkt des Romans stehen die Mädchen. Die besten Freundinnen Francesca und Anna sind in diesem „Sommer aus Stahl“ die Teeny Queens des algenverschmutzten Strands an der Via Stalingrado. Von dort aus kann man am Horizont die Insel Elba sehen, die unerreichbarer scheint als eine Karriere im Berlusconi-Fernsehen. Im Patriarchat sind Freiheit, Freundschaft, Bildung und selbstbestimmte Sexualität für Mädchen aus Arbeiterfamilien nicht vorgesehen. Eignet sich zur Lektüre in Berliner Freibädern während der Sommerferien!

 

 

Takiji Kobayashi:
Das Fabrikschiff
Cass Verlag 2012, Paperback, 102 S., 9,80 €

„Hoihoo! Wir fahren zur Hölle!“ Wer beim Fabrikschiff an B. Travens „Totenschiff“ denkt, liegt nicht falsch. Die Hölle ist hier wie da die kapitalistische Schifffahrtsindustrie. Wer auf dem Krabbenfänger Hakkomaru anheuert, ist schon ganz unten angekommen. Die Saisonarbeiter  kommen aus den hun-gernden Bauerndörfern Hokkaidos, oft noch halbe Kinder, aus den Fabriken und Bergwerken, aber auch Studenten sind darunter. Die Arbeit ist schwer und gefährlich; hinzu kommen Heimweh, Hunger, Schmutz, Ungeziefer, die Beriberi-Krankheit, Kälte, Liebesmangel und Schlafentzug. Schrecklicher noch als die Gewalt der Stürme scheint den Seeleuten und Arbeitern die Tyrannei des Aufsehers Asagawa. Aber schließlich erkennen sie, dass das kapitalistische Arbeitsregime anders als das Ochotskische Meer keine Naturgewalt ist. Erst drosseln sie das Arbeitstempo, dann wagen sie den Aufstand.
„Das Fabrikschiff“ wurde sofort nach seinem Erscheinen im Jahr 1929 verboten und der Autor ins Gefängnis geworfen. Nach seiner Entlassung trat Takiji Kobayashi der Kommunistischen Partei bei und ging in den Untergrund. Nur wenige Jahre später wurde er in Polizeigewahrsam zu Tode gefoltert. „Das Fabrikschiff“ gilt als Klassiker der japanischen Arbeiterliteratur, wurde be-reits zwei Mal verfilmt und als Manga nacherzählt. Gewiss auch zu Agitationszwecken verfasst, liest es sich stellenweise wie eine Industriereportage. Aber durch die engagierte Sachlichkeit klingen auch  elegische Töne durch, Trauer über das Leiden der Ausgebeuteten und über die gescheiterten Versuche, sich zu befreien.

 

 

 

Andrea Komlosy:
Arbeit
Eine globalhistorische Perspektive
13. bis 21. Jahrhundert
Promedia Verlag 2014, Paperback, 204 Seiten, 17,90 €

Eine europäische Geschichte der Arbeit seit dem 13. Jahrhundert auf knapp 200 Seiten bleibt notwendig kursorisch. Andrea Komlosy strukturiert ihr Thema, indem sie zunächst historische Semantiken des Wortfelds „Arbeit“ beleuchtet. Dann, indem sie Arbeitsverhältnisse kategorial aufschlüsselt nach Bezugsrahmen (Subsistenz, Gemeinde, Staat, Markt) und polaren Bestimmungen wie selbständig – unselbständig, frei – unfrei, ehrbar – unehrbar usw. Am ergiebigsten ist ihr Abriss der arbeitsteiligen Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems, in dem sie zeigt, wie unterschiedliche Arbeitsverhältnisse – regional bis transkontinental – eingegliedert wurden in globale Produktionsketten und (ungleiche) Tauschbeziehungen. Zwei Bilanzen stechen darin hervor: zum einen, wie lange es brauchte, bis der Zusammenhang des „ganzen Hauses“ zerstört war und Reproduktionsarbeit in die Unsichtbarkeit abgedrängt wurde, zum anderen, welche bedeutende Rolle Leibeigenschaft und Sklaverei noch in der entwickelten kapitalistischen Produktion des 19. Jahrhunderts spielten.

Daniel Kulla:
Leben im Rausch
Evolution, Geschichte, Aufstand
Neuausgabe. Ventil Verlag 2014, Paperback, 286 S., 16,90 €

Es gibt kein richtiges Leben ohne Rausch, falsches auch nicht. Aus der Kreuzung so unterschiedlicher theoretischer Ingredienzen wie Robert A. Wilson und Theodor W. Adorno entwickelt Daniel Kulla einen materialistischen Begriff des Rauschs, der breit genug angelegt ist, um eine ganze Menschheitsgeschichte aufzunehmen  – von den ersten Formen der Kultivierung von Rauschzuständen bis zu den kapitalistischen Formen der Herrschaft durch Abhängigkeit und möglichen emanzipatorischen und zukünftigen Potentialen des Rauschs.
Rausch wird in Kullas Entwurf nicht an die Einnahme bestimmter Substanzen gekoppelt. Nüchternheit und starker Rausch sind nicht gegensätzliche Zustände, sie sind unterschiedliche Intensitäten von selbst oder äußerlich verursachten Reizungen des Nervensystems, die wesentlich zu einer Verdichtung und Entsynchronisierung der Wahrnehmung und des Denkens führen. Das Hirn (die Freudianerin läse hier gern mehr vom ‘psychischem Apparat’ und weniger vom ‘präfrontalen Kortex’) im Rausch funktioniert assoziativer, durchlässiger, entgrenzter.
Der moderne Staat und das Kapital haben den Rausch „eingeklemmt“ in Abhängigkeitsverhältnissen, allen voran: der abhängigen Lohnarbeit. Die widersprüchlichen Interessenlagen und seltsamen Allianzbildungen von unter anderem Protestantismus und Rauschwaren-industrie, gesellschaftlichem Spektakel und sozialer Kontrolle zeigt Kulla sehr gut auf. Da die Aufstandswellen der sechziger Jahre die Verhältnisse nicht umzustürzen vermochten, ist heute das Spektrum der Abhängigkeiten, die Arbeitszwang und Entfremdung in zwanghafter Betäubung und Leistungsrausch gleichzeitig kompensieren und fortsetzen, so ausdifferenziert wie noch nie.  Wobei die bedeutendsten „Suchtauslöser“ nicht Crystal Meth oder Bier, sondern „arbeiten, gut aussehen, spielen“ heißen. Was könnte deutlicher vor Augen führen, dass die  Glücksversprechen, die darin liegen, zu produzieren, zu lieben und zu spielen, vor allem gesellschaftlich einzulösen sind!

 

 

 

Andreas Kemper:
Rechte Euro-Rebellion
Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V.
edition assemblage 2013, 117 S., Paperback, 12,80 €

Das Personal: revisionistische Adlige, Sarrazin-Fans, blamierte VolkswirtschafterInnen, besonders Rechtskonservative aus CDU und FDP, Junge-Freiheit-LeserInnen, Islam-, Schwulen-, Lesben- und Frauenhasser, NPD-EisbrecherInnen und FamilienunternehmerInnen. Nein, wir empfehlen hier nicht einen schrillen Horrorroman, sondern ein Büchlein über die „Alternative für Deutschland“.
Möglicherweise bleibt die neue Partei wie viele vorherige rechtskonservativ-nationalliberale Organisationsversuche eine Eintagsfliege. Nach der Einschätzung von Andreas Kemper verfügt die AfD aber immerhin über eine gewisse Basis, „da sie die Interessen einer bestimmten Kapitalfraktion vertritt.“
Knapp und gut lesbar skizziert der Autor Milieu, Geschichte und Programm von AfD und „Zivile Koalition e.V.“. Dabei wird klar, dass es der neuen Partei um viel mehr als um den Euro geht. Sie hat grundlegende Institutionen der parla-mentarischen Demokratie ins Visier genommen. Wenn Andreas Kemper genau davor energisch warnt, hat er das Konzept von der „Ungleichzeitigkeit“ gesellschaftlicher Widersprüche im Hinterkopf, das Ernst Bloch zur Analyse des National-sozialismus  entwickelt hat.

 

 

kein Fall aus heiterem Himmel

 

 

Das Staunen darüber, dass Nazis tatsächlich in die Tat setzen, was sie propagieren, ist eine wiederkehrende Figur im öffentlichen Diskurs über den NSU. Diese (vorgebliche) Naivität entspricht der Verharmlosung rechter Gewalt im Alltag. Seit 1945 haben neonazistische Organisationen zahlreiche Morde, Brand- und Bombenanschläge verübt. Aber die Geschichte des rechten Terrors in Deutschland ist nicht in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist.

Andrea Röpke und Andreas Speit wirken diesem Vergessen entgegen. Gleichzeitig korrigieren sie die Darstellung des NSU als Fall aus heiterem Himmel und schärfen die Wahrnehmung aktueller Entwicklungen des Rechsterrorismus.

Das Buch zeigt, dass es in der rechtsterroristischen Szene nicht nur ideologische, sondern auch personelle Kontinuitäten zum historischen Nationalsozialismus gibt. Wenig überraschend ist auch, dass das Vorgehen von Geheimdiensten und Polizei schon vor dem NSU oft äußerst fragwürdig war. Rechter Terror wird aber nicht nur von bis an die Zähne bewaffneten konspirativ operierenden Geheimorganisationen ausgeübt, sondern auch scheinbar spontan und in aller Öffentlichkeit.

Andrea Röpke / Andreas Speit: Blut und Ehre. Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland.

Ch. Links Verlag 2013, 286 S. 19,90 €.

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 Soll mich diese Erkenntnis beruhigen?

 

 

Über die Opfer des NSU-Terrors wird wenig gesprochen. Semiya Simsek unterbricht diese Stille und sucht die Öffentlichkeit. Jetzt hat sie ein Buch über ihren Vater geschrieben, Enver Simsek, der – soweit bekannt – das erste Mordopfer des NSU war. Es ist das Porträt eines Mannes, der mit beeindruckender Hartnäckigkeit sein Glück suchte und genoss. Anfang der 1980er Jahre folgte Enver Simsek seiner Frau nach Südhessen, wo er zunächst als ungelernter Arbeiter schuftete. Innerhalb weniger Jahre baute er seinen Wochenendjob als Blumenverkäufer mit viel Fleiß und kaufmännischem Geschick zu einem lukrativen mittelständischen Unternehmen aus. Kurz vor seinem 40. Geburtstag wollte er es ruhiger angehen lassen und bereitete seinen Rückzug aus dem Blumenbusiness vor. Dazu kam es nicht mehr. Am 9.September 2000 wurde er brutal ermordet.

Seine Angehörigen hatten nicht nur damit zu kämpfen, dass sie nicht wussten, wer und mit welchem Motiv Enver Simsek getötet hat. Sie gerieten selbst ins Visier der Ermittler. Was oft mit institutionellem Rassismus benannt wird, erlebte Semiya Simsek sehr konkret. Als nach elf Jahren die Wahrheit herauskam, empfand sie dies einerseits als befreiend. Aber auch: “Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich diese Erkenntnis beruhigen? Das Gegenteil ist der Fall.“

Semiya Simsek mit Peter Schwarz: Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater.

Rowohlt Verlag Berlin 2013, geb., 272 S., 18,95€.

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nicht nur für ausgemachte Fashionist@s

 

 

Dieses ebenso elegante wie gelehrte Buch richtet sich auch an diejenigen, die mit Mode wenig am Hut haben, aber sich für die Geschichte und Bedeutung von Alltagskultur interessieren. Und wem die Notwendigkeit, nun mal irgendetwas anzuziehen, mehr Bürde als Lust ist, wird nach der Lektüre vielleicht immer noch ratlos, aber immerhin mit historisch-kritischem Bewusstsein vor dem Kleiderschrank stehen.

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, deren Buch über „Die deutsche Mutter“ wir bei dieser Gelegenheit noch einmal energisch empfehlen, zeichnet mit stilsicherer Feder nach, wie „die die Mode konstituierenden Oppositionen von Geschlecht, Rasse und Klasse“ verlaufen. Dabei erweist sich die Mode als das Andere der Moderne. Die große These übers bürgerliche Zeitalter veranschaulicht die Autorin mit überzeugenden Interpretationen modischer Details.

Barbara Vinken: Angezogen. Das Geheimnis der Mode.

Klett-Cotta 2013, geb. 255 S., 19,95 €.

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für Kinder

 

 

 Paul spielt sehr gut Fußball, aber viel lieber mit Barbies. Seine Spiellust siegt über die Anrufungen des Vaters und der anderen Jungen und auch über seine eigene Schüchternheit. Er überwindet den Gender Gap in der Kita und gesellt sich zu den Mädchen, die im Eckchen mit den viel geschmähten Puppen spielen. Und siehe da: Jenseits des Fußballfeldes ist nicht einfach das (soziale) Abseits, sondern eröffnet sich eine wundersame Fantasiewelt, die mal voll aufregender Abenteuer, mal unheimlich und gruselig und eben auch mal glitzerpink ist. Warum nicht? Ein Plädoyer gegen die Zweiteilung der Kinderwelt in rosa einerseits und alle anderen Farben andererseits, vor allem aber für die Lust am Spiel.

Pija Lindenbaum: Paul und die Puppen.

Beltz Verlag 2009 vierfarbiges Bilderbuch für Kinder ab 4 Jahren, geb. 12,90 €.

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 für Jugendliche

 

 

Die dreizehnjährige Tshidiso Masemola lebt mit ihrer Mutter und den zwei Tanten in einem Township in Südafrika. Es sind die Anfang 1990er Jahre. Ihr Vater lebt weit weg in den Minen und hat längst akzeptiert, dass Männer in der Mabele Street Nummer 4 keinen Einlass bekommen. In der Strasse wird viel geredet über die drei Mütter mit der einen Tochter: “Da drinnen werden Dinge ausgeheckt”, hieß es. “Dinge gegen Männer.”

Tshidiso wird zur Außenseiterin, die sich am liebsten hoch oben im Zitronenbaum versteckt und dem Leben der Straße aus sicherer Entfernung lauscht. Doch dann entscheiden ihre Mütter sich für einen Schulwechsel. Fortan soll sie auf die Katholische Schule Christi Himmelfahrt in Pretoria gehen.

Die Hoffnungen, die Tshidiso mit der neuen Schule verbunden hat, werden schnell zerschlagen. Die Scham für ihren Sprache und ihre Herkunft und die Schwierigkeiten, die guten Freundinnen zu erkennen, machen den Schulbesuch oft zu einem Spießrutenlauf. Als aber dann während ihres Sportunterrichts ein “Vorfall” zu einem öffentlichen Politikum wird, entschließt sich Tshidiso, nicht mehr in dem Zitronenbaum zu verschwinden sondern dem “Vorfall” ihre Worte zu geben.

Die Autorin sagt über ihren Roman: “Ich schreibe Geschichten, die ich selbst gerne gelesen hätte, als ich jünger war. Geschichten, die darüber berichten, was es heißt, als schwarze Frau in Südafrika aufzuwachsen.”

Kagiso Lesego Molope: Im Schatten des Zitronenbaums

Baobab Verlag 2. Aufl. 2012, 188 S., 14,90 €.
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Kreativer erleidet Havarie

 

 

Für den Betriebsausflug ist dieses Mal eine Rheinfahrt geplant, anschließend Kegeln in Bad Neuenahr und zum krönenden Abschluss ein Kasinobesuch. Ist das nicht hoffnungslos spießig? Oder im Gegenteil gerade so hipp, wie es sich für eine Werbeagentur wie Gold Reklamen gehört?

Sicher ist jedenfalls eines, und zwar spätestens dann, als der Rheindampfer in einer Stromschnelle bei der Loreley außer Kontrolle gerät: Das einst so erfolgreiche Start Up wird in der Wirtschaftskrise Havarie erleiden. Und der Untergang im staubigen Dekor des Rheinischen Kapitalismus ist nicht nobel sondern schmuddelig. Dass wir die Geschichte als inneren Monolog des Titelhelden Jo Winkler erzählt bekommen, macht neben der satirischen Treffsicherheit den Lesespaß aus. Der Witz ist, dass der Senior Texter Winkler sich zwar mächtig ‘was auf sich und seine Leistungen einbildet, aber erst kapiert, was Sache ist, als die Praktikantin schon das sinkenden Schiff verlässt.

Enno Stahl: Winkler, Werber.

Verbrecher Verlag, 2. überarbeitete Aufl. 2013 Broschur, 317 S., 18,-€.

ebenfalls empfehlenswert: Diskurspogo. Über Literatur und Gesellschaft.

Verbrecher Verlag 2013, Broschur, 288 S., 18,- €.

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Opium rauchen in Mumbai

 

 

Mumbai bildet die Kulisse und das Opium der Kitt dieses rastlos dichten Debütromans. In einem kleinen Opium-Rauchsalon enden, beginnen und zerfließen die Geschichten der Gäste zu Träumen und Phantasien. Jede_r bleibt für sich allein im Rausch.

Dimple, eine der Hauptfiguren, gehört zu den Hijras und wurde als Kind in ein Bordell gebracht. Mittlerweile arbeitet sie die meiste Zeit im Opiumsalon. Sie reinigt und stopft die Pfeifen, gibt sie an die Gäste aus und drifted in ihren Rausch. Zu den Büchern, die sie gern lesen würde, zu der Nähe, die sie gern hätte und ins Vergessen, das sie braucht. Dimple trifft Mr. Lee, der auf den längsten Wegen aus China in Mumbai gelandet ist. Eine Stadt, die er nicht er mag, bis auf das Meer. Er hilft Dimple, ihre körperlichen Schmerzen zu lindern, und wird ihr zum engen Vertrauten und Freund.

Jeet Thayil: Narcopolis. S. Fischer Verlag, geb., 378 S., 22,99 €.

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 Eine Autorin liebt ihre Hauptfigur 

 

 

Mrs Sweet hat neben der Küche ihren room of one’s own. Dort schreibt sie. Über ihre Mutter, ihren immer abwesenden Vater, über ihre Kindheit auf der kleinen Insel, von der sie mit einem Bananendampfer nach Neuengland übersetzte. Sie liebt ihre Kinder, denen sie oft peinlich ist, weil sie so anders ist als die anderen Mütter. Und sie liebt Mr. Sweet. Der ist ein mäßig erfolgreicher Komponist für Zwölftonmusik und hält sich die meiste Zeit in seinem Raum über der Garage auf, wo er sich seinem Selbstmitleid hingibt. Als er sich in andere Frau verliebt, bricht das Mrs. Sweet das Herz:

Und Mrs. Sweet ging in Gedanken nochmals die Szene durch, in der Mr. Sweet zu ihr sagte, nun, ich weiß, dass du dir größte Mühe gibst, aber ich liebe eine andere und werde sie nicht aufgeben, denn bei ihr spüre ich mein wahres Ich, mein wahrhaftiges Ich, wer ich wirklich bin, ich bin in eine Frau verliebt, die aus einem ganz anderen Klima und einer ganz anderen Kultur kommt als du, und sie ist außerordentlich reizend, eigentlich wie ich, und sie spielt alles von Brahms, alles mit vier Händen, obwohl sie nur zwei hat, genau wie alle anderen, und sie ist jung und schön und kann Kinder gebären, die schön sein werden und reizend wie ich, und sie werden niemals Ritalin benötigen.

Jamaica Kincaid: Damals jetzt und überhaupt. Unionsverlag 2013, geb., 216 S., 19,95 €

Auch sehr gut: Autobiografie meiner Mutter. Unionsverlag Taschenbuch, kt., 220 S.,10,95€.

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Rache, Klasse, Familie und Lügen

 

 

Es gibt nicht mehr viel im Leben des ehemaligen Holzfällers Wolf Hadda. Ein Auge hat er verloren, das Gesicht zernarbt. Seine Frau, Lady Imogen, hat sich mit seinem Anwalt zusammengetan, sein Geld ist futsch und er sitzt im Knast. Angeklagt wegen Dingen, von denen er angeblich nichts weiß. Wie kam es dazu? Wurde er Opfer einer Intrige seines engsten Umfeldes? Oder steckt eine noch viel ältere Verbindung dahinter? Ein schroffer Thriller um Rache, Klasse, Familie und Lügen in der kalten Landschaft von Cumbria. Und natürlich spielt die Gefängnis-Psychologin eine nicht unwichtige Rolle….

Reginald Hill: Rache verjährt nicht. Suhrkamp Taschenbuch 2013, kt., 684 S., 9,99 €.

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neu aufgelegte und erst jetzt erschienene Romane aus der Zeit um 1930

 

 

Unter dem Titel Jugend auf der Landstraße Berlin erschien 1932 der zu einer sehr spannenden Geschichte verdichtete Bericht von Ernst Haffner über das Leben jugendlicher Treber im Berliner Milieu. Auf der Flucht vor Polizei, Jugendarrestanstalt und dem gewalttätigen Elend ihrer Familien schlagen sie sich herum mit ärgster alltäglicher Not. Die nächste Mahlzeit, das nächste Besäufnis, Sex, ein Platz zum Schlafen für die Nacht, alles muss fast jeden Tag von neuem organisiert werden, am besten mit einer „reellen“ Geschäftsidee und wenn nichts anderes geht, indem sich die Jungen prostituieren. In Haffners Schilderung kämpfen die Lumpenprolls ebenso sehr um ihre Freiheit und Würde wie um ihr Überleben. Die Cliquen, in denen sich die Jugendlichen zusammentun, erscheinen so ambivalent wie sie sind, als hierarchisch organisierte Banden und solidarische Gemeinschaften.

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Ein Berliner Cliquenroman.

Walde & Graf bei Metrolit 2013, geb., 264 Seiten, 19,99 €.

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Maria Leitner (1892-1942) ist in Budapest aufgewachsen, war sehr aktiv an der ungarischen Revolution und Räterepublik beteiligt und kam 1920 als politische Emigrantin nach Berlin.

Ihr 1932 erschienener Kurzroman Mädchen mit drei Namen spielt im selben Milieu wie Blutsbrüder, doch wird hier die Geschichte der jungen Frauen erzählt, die bei Haffner nur als Randfiguren, als begehrte, kostspielige und zugleich verhängnisvolle (weil mit sexuell übertragbaren Krankheiten infizierte) Affären auftreten. Für die Mädchen ist die Prostitution – in ihren unterschiedlichen Formen, als Tänzerin, im Massagesalon oder als ausgehaltene Freundin – ganz schnell das einzige, das ihnen bleibt. Dass sie wie „die Mehrzahl der Frauen (Hausfrauen, Heimarbeiterinnen, Angestellte und Arbeiterinnen der Kleinbetriebe) viel isolierter von ihren Klassengenossen leben als die Männer“ wird auch im Vergleich mit den Blutsbrüdern deutlich.

Leitner hat den Berliner working girls und dem proletarischen Berlin um 1930 eine ganze Reihe kurzer, kämpferischer Reportagen gewidmet, die in dem jetzt erschienen Buch mit enthalten sind und in denen zu heute noch – oder wieder – aktuellen Themen wie Abtreibungsverbot und Reproduktionsarbeit viel Wesentliches gesagt wird.

Maria Leitner: Mädchen mit drei Namen. Reportagen aus Deutschland und ein Berliner Roman 1928-1933.

AvivA Verlag, kt., 222 Seiten, 15,90 €.

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Im Jahr 1934 erhielt Arthur Koestler in Frankreich von Komintern Propagandachef Willi Münzenberg den Auftrag, einen „aufrüttelnden Bericht über das Elend der Emigrantenkinder“ zu verfassen. Das Ergebnis war Koestlers erster Roman Die Erlebnisse des Genossen Piepvogel in der Emigration. Der Roman blieb jedoch unveröffentlicht und landete auf Umwegen in einem Moskauer Archiv, wo er jüngst erst ausgegraben wurde.

Die Geschichte spielt in einem Heim in der Nähe von Paris, im Buch L’avenir genannt, in dem Kinder exilierter jüdischer und kommunistischer Eltern Aufnahme fanden. Mit großer Einfühlung schildert Koestler, ausgehend von selbst verfassten Lebensläufen einiger Kinder, deren Gedanken, Sorgen und Träume – in jener doppelten Einsamkeit des Exils und des Getrenntseins von den Eltern, deren Ängste und Ohnmachtserfahrungen jedes Kind auf seine Weise zu kompensieren versucht. Im Heim werden sie ein Kollektiv und organisieren sich als solches. Sie setzen die Heimleitung ab, weil diese weder für anständiges Essen noch für gute Erziehung sorgt. Die Kinder hinterfragen aber auch die Pädagogik der neuen Erzieher. Ein kindlicher Schokoladendiebstahl statuiert das Exempel für ein ernstes Problem: Wie geht das Kollektiv damit um? Mit Moral oder mit Klassenjustiz von unten? Kann nur die Enteignung der herrschenden Klasse das Problem lösen, oder etwa die Psychoanalyse?

Arthur Koestler: Die Erlebnisse des Genossen Piepvogel in der Emigration.

Europa Verlag Zürich 2013, geb., 23,- €.

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Als Koestler den Genossen Piepvogel schrieb, war Siegfried Kracauer gerade dabei, seinen Roman Georg fertigzustellen. Doch handelt Georg von einer Zeit, bevor die Nazis Gesellschaft und Staat eroberten, oder sie jedenfalls in dem links-liberalen Milieu, in dem sich Georg bewegt, noch kein Thema waren. Georg, der einiges mit Siegfried gemein hat, ist ein junger Mann auf der Suche nach philosophischem Sinn und dem richtigen Engagement. Mehr durch Zufall landet er mit einem Artikel beim Feuilleton des „Morgenboten“ und muss die Erfahrung machen, dass die Anerkennung, die ihm als Journalist widerfährt, vor allem auf Missverstehen und den Opportunitäten des Zeitungsbusiness beruht, und nicht auf dem, was er mitzuteilen hat. Seine Begegnungen und Recherchen im politischen intellektuellen Milieu der Weimarer Republik, dessen Geschwätzigkeit, Starkult und Kongresszirkus der heutigen Leserin sehr vertraut vorkommen, tun das ihrige zu Georgs fortschreitendem Befremden. Man hört ihnen dabei zu, den Revolutionserneuerern und Lebensreformerinnen der zwanziger Jahre, wie sie nach rechts gleiten – ganz ohne Nazis. Einen Kritiker wie Kracauer wollten sie sicher nicht hören. Den Spiegel dieses großartigen Gesellschaftsromans konnte er ihnen leider nicht vorhalten, er wurde erst posthum veröffentlicht.

Siegfried Kracauer: Georg.

Suhrkamp Taschenbuch 2013 (Neuauflage), 334 Seiten, 9,99 €.

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 KRIMIS

Whodunnit

 

Claudia Piňeiro: Donnerstagswitwen

Die unverzichtbaren Zutaten für einen klassischen Kriminal-roman sind erstens ein rätselhafter Mordfall und zweitens ein überschaubarer Kreis von Verdächtigen. Agatha Christie lässt den Orient-Express im Schnee stecken oder setzt zehn Personen auf einer einsamen Insel aus. Wo findet man jenseits des postviktorianischen Regenwetters eine vergleichbare Szenerie? Ausgerechnet dort, wo für umfassende Sicherheit teuer bezahlt wird: In einer Gated-Community. Ohne Befugnis kommt hier niemand rein, aber jeder kann notfalls rausfliegen. Manchmal auch mit den Füßen zuerst.
Rätselhafte Todesfälle ereignen sich im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der argentinischen Wirtschaftskrise im Altos de la Cascada Country Club. Noch hält der Sicherheitszaun das Elend vor den Toren der Nobelsiedlung. Doch drinnen tun sich Abgründe auf.  Der Kreis der Verdächtigen: Ehemänner, die in der Stadt auf undurchsichtige Weise immer noch Unmengen von Geld verdienen. Ehefrauen, die Vorträge über Feng-Shui besuchen oder sich anderweitig langweilen. Im Wohlstand verwahrloste Kinder und natürlich Personal, das die ganze Kulisse clean und intakt hält.
Jeden Donnerstagabend treffen sich vier dieser Ehemänner zur Herrenrunde. Ihre Frauen bleiben zu Hause und nennen sich scherzhaft „Donnerstagswitwen“. Aus Scherz wird Ernst, als die Gatten tot im Pool treiben. Die geschäftlichen und intimen Beziehungen sind so eng und die gesellschaftlichen Zwänge so stark, dass jede und jeder ein triftiges Motiv hat. Who dunnit?

Unionsverlag TB 2012, 317 S., 10,95 €.

 

William Shaw: Abbey Road Murder Song

London 1968: In der Nähe der fab four Abbey Road Studios wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Die Nachbarn verdächtigen die neu zugezogene Familie eines schwarzen Arztes. Detective Cathal Breen, der sich bei seinen Kollegen gerade unbeliebt gemacht hat, wird mit der Neuen, Helen Tozer, der ersten Woman Police Constable in dem Männer-Revier, auf den Mordfall angesetzt. Abbey Road Murder Song ist ein guter Whodunnit, der von sexistischen, rassistischen und homophoben Normalzuständen Ende der 60er Jahre nicht nur erzählt, sondern sie – in Gestalt seiner Protagonistinnen – konfrontiert. Weibliche Beatlesfans treten aus der kreischenden Masse heraus und zeigen sich als Begründerinnen einer renitenten Mädchen-Subkultur.

Suhrkamp 2013, Klappbroschur, 472 S., 14,99 €.

 

Christine Lehmann: Die Affen von Cannstatt
„Ich bin die Tochter einer Kindsmörderin.“ stellt sich die Ich-Erzählerin vor. Jetzt wird Camilla Feh selbst des Mordes beschuldigt. Alle Indizien sprechen gegen sie. In U-Haft bleibt ihr kaum etwas anderes übrig als zu schreiben. In ihren Gefängnisaufzeichnungen arbeitet sie ihre Erinnerungen durch. Denn das ist ihre einzige Chance, etwas zu ihrer Ver­teidigung zu finden. Der Tote war ihr Chef, ein unsympathi­scher Yuppie. Noch vor wenigen Jahren war er allerdings ein engagierter Frauen- und Tierrechtler gewesen. Und außerdem Camillas Freund. Man hat ihn zerfleischt im Menschen­affengehege des Zoos gefunden. Genau dort, wo Camilla monatelang auf der anderen Seite der Gitter gesessen und die matriarchale Sozialstruktur der Bonobos studiert hat. Anders als andere Menschenaffen tragen die Bonobos Konflikte nicht mit Gewalt sondern mit Sex aus. Eines Tages machte Camilla eine Beobachtung, die so gar nicht ins Bild von den friedfertigen Make-Love-Not-War-Affen passt…     Christine Lehmann hat den Mythos von „Mutter Natur“ in einer seiner aktuellen Versionen in ihren Scharfblick genom-men. Ein bedrückend realistischer Knastroman und Erste-Sahne-Hochspannung!
P.S. Für Lehmann-Fans: Serienheldin Lisa Nerz mischt natürlich auch wieder mit. Wir lernen sie mal aus einer ganz anderen Perspektive kennen.
Ariadne Krimi bei Argument 2013, 285 S., 12 €.

 Politik & Verbrechen

 

Dominique Manotti: Zügellos
In Zügellos geht es um boomende Handelsgüter der Achtziger: Pferde, Versicherungen, Immobilien, Kokain und die entsprechenden Handelsbeziehungen zwischen Big Business, Politik und Verbrechen. Vertreten werden die Posten unter anderem von ehemaligen linksradikalen Freund_innen, für die sich in der Ära Mitterand neue Karrieren auftaten.
Die  Ermittlungen leitet der schon aus Hartes Pflaster be-kannte Commissaire Daquin: guter Chef und Genussmensch, wiewohl extremer Gewalt nicht abgeneigt, wenn sie denn zweckdienlich ist. Die Puzzleteile seiner Nachforschungen – tote und lebende Akteure, Waren- und Geldflüsse – setzt Daquin  Stück für Stück zusammen. Die Zielgerade erfordert seine ganze Kunst, um die Drahtzieher_innen dazu zu be-wegen, sich gegenseitig die Deckung wegzuziehen. Manottis Stil verbindet wieder hervorragend eine scharf geschnittene Sprache mit einem guten Plot und guten Typen. Ariadne Krimi bei Argument 2013, geb., 288 S., 18,- €.

 

Vins Gallico: Respekt. Ein ‘Ndrangheta Krimi
Nach einem Waldbrand in der kalabrischen Reggio findet die Polizei die verkohlten Leichen zweier junger Fußballspieler. Zwei Fußsoldaten der ’Ndrangheta, ein nicht sehr helles aber eingespieltes Team, müssen sich mit den Folgen des von ihnen vermasselten Auftrags herumschlagen. Der jungen Sportjournalistin Tina Romeo, die für ein Lokalblatt über die beiden Toten berichten soll, wird ihrerseits schnell klar (gemacht), dass der Fall nicht leicht zu handeln ist, sondern tief hineinführt in die Strukturen des organisierten Verbre-chens einschließlich korrupter Staatsapparate und mafia-interner Rivalität.
Vins Gallico, der in Kalabrien aufgewachsen ist, macht in Respekt die ’Ndrangheta als Wirtschafts- und Machtfaktor in der Stadt und auf dem Land zum Thema. Die Story ist nicht frei von Klischees, aber sie hält die Spannung mit immer wieder neuen, überraschenden Wendungen. Assoziation A 2013, Paperback, 380 S., 14,- €.

 

Don Winslow: Manhattan
Es sind die letzten Tage im Jahr 1958. Der ehemalige CIA-Agent Walter Withers erhält den Auftrag, den Präsident-schaftskandidaten der Demokraten samt Ehefrau im Wahlkampf zu schützen. Es ist die Zeit der Wohltätigkeitsbälle und Gala Diners in der Upper East Side. Nach einer solchen Veranstaltung muss Withers seinen Namen für eine Liebesnacht des Politikers hergeben. Am nächsten Morgen wird die Geliebte ermordet in ihrem Hotelzimmer aufgefunden. So spielt Withers wieder eine Rolle im Lieblingsstück der grossen Politik ‘Lügen, Intrigen, Misstrauen Part Fantasiezahl’. Aber als ehemaliges Mitglied der Firma kennt er die Regeln und Player nur zu genau und lässt sich (fast) nicht umbringen.
Dieser frühe Winslow bietet neben der ungemein spannen-den Agentengeschichte eine – immer wieder schön zu lesen-de – Liebeserklärung an das New York der Beatniks, des Jazz, der anrüchigen Bars und des Exzesses.
Suhrkamp Taschenbuch 2013, 404 S., 9,99 €.

 

 

Psychoanalyse & Verbrechen

 

R.J. Ellory: Der Schrei der Engel
Frank Parrish, einsamer und getriebener Cop in einem New Yorker Morddezernat, ermittelt in mehreren Mordfällen an Teenagerinnen.
Klingt nach altem Wein in alten Schläuchen. Ist es aber nicht. Parrish ist wegen diverser Regelverletzungen dazu verdonnert, nahezu tägliche Therapiesitzungen zu absol-vieren. Und er macht mit – mal angestrengter, mal im Rede-fluss. Sein übergroßer Vater war schon Bulle und gehörte zu den “Saints of New York”. Parrish muss sich fragen, ob auch sein Vater an den Millionen-Dollar-Coups beteiligt war, die in den 1970er Jahren von der Mafia über den JFK-Flughafen abgewickelt wurden. Die Dialoge zwischen Parrish und der Therapeutin machen Spaß, und dass am Ende auch noch der Fall aufgeklärt wird, macht das Buch zu einem echten Thriller.   Goldmann Taschenbuch 2013, 576 S., 9,99 €.

 

Alfred Döblin: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord
Kein Krimi, aber doch eine Art Kriminalroman, genauer: die erzählerische Psycho-Analyse eines Verbrechens. Der Straf-prozess, den Döblin hier literarisch verhandelt, erregte 1923 die Öffentlichkeit der Weimarer Republik: Die Friseurin Elli Klein (bei Döblin: Link) hatte ihren gewalttätigen Ehemann mit Arsen vergiftet und wurde dafür unter mildernden Umständen schuldig gesprochen. Ihre Freundin Grete Nebbe (Bende) wurde wegen Beihilfe zum Totschlag verurteilt. Auf der Grundlage von Prozessakten, Gutachten und von über 600 Briefen, die sich die Freundinnen innerhalb weniger Monate geschrieben hatten, rekonstruiert Döblin, wie sich die Tragödie entwickelt hat, um am Schluss zu den Fragen zurückzukehren, um die es ihm geht: was verstehen wir wirklich von den Beweggründen der Täterinnen? Wo liegen die Grenzen des ‘Normalen’, wenn klar ist, das Leben oder der Lebensabschnitt eines einzelnen Menschen ist für sich nicht zu verstehen?
In dieser Neuausgabe ist Döblins graphische „Darstellung der Seelenveränderung Elli Links, Links und Margarete Bendes in 17 Phasen“ mit enthalten. Sie zeugen von Döblins Suche nach neuen wissenschaftlichen Zugängen zum Seelischen, die ihn um 1920 auch zum gerade gegründeten Berliner Psychoanalytischen Institut geführt hatte.
Fischer Taschenbuch 2013, 144 S., 9,99 €.

Berlin Noir

 

Ulrich Peltzer: Die Sünden der Faulheit
Berlin 1987: Für Bernhard Lacan, Jobber beim Rundfunk, wird es ungemütlich in seiner hedonistischen Halbwelt.
Seine Schulden rücken ihm auf die Pelle. In einer besoffenen Nacht dreht er mit einem Kumpel ein Kunstraubding – und findet sich wieder im Besitz eines unverhofften Schatzes und mit noch viel mehr Problemen an den Hacken. Das könnte der Plot eines klassischen, knapp und sehr gut konstruierten Krimis sein, wenn, ja wenn die Akteure nur nicht ganz so verpeilt wären…
Ulrich Peltzers erster Roman spielt in einer vergangenen Ära, und doch nur eine halbe Stadt weit entfernt: „Niemand konnte mehr dort leben, wo er geboren war, und diese halbe Stadt war ein sonderbarer Magnet, der auf Verzweiflung und verratene Träume gepolt war.“
Fischer Taschenbuch 2013 (Neuauflage), 304 S., 9,99 €.

 

Rob Alef: Kleine Biester
Auf einem Kreuzberger Spielplatz tut sich im Sandkasten ein Krater auf und verschlingt ein Mädchen. Kurz darauf verunglückt einer ihrer Mitschüler tödlich im Chemielabor. Andere rutschen auf der Warteliste für einen begehrten Schulplatz am Rosenhof Gymnasium ein, zwei Plätze nach oben. Es wühlt und rumort im Bauch der Bürgerstadt Berlin, in der Krisen- und Abstiegsängste sich spätestens dann Bahn brechen, wenn’s um die Schulkarriere der eigenen Kinder geht. Alefs satirischer Krimi Kleine Biester ist wirklich zum Gruseln!
Unionsverlag metro 2013, 350 S., 11,95 €.

Female Pulp

 

Virginie Despentes: Apokalypse Baby
Als Lucie den Auftrag erhält, die spurlos verschwundene Valentine, “eine nymphomane, hyperaktive Halbwüchsige auf Koks” und Tochter eines berühmten Schriftsteller-Vaters wiederzufinden, merkt sie schnell, dass der Job nicht ganz ihre Kragenweite ist. Sie sucht sich Unterstützung von einer, die weiß, wie der Hase läuft – die Hyäne: eine lebende Legende. Ausgebufft und schlagkräftig in allen Belangen.
Ihre Suche nach Valentine führt die beiden Frauen von Paris nach Barcelona und wieder zurück. Sie finden Spuren und Hinweise, die nicht auf eine Entführung schließen lassen. Scheinbar hat die junge Frau aus freien Stücken das Weite gesucht. Nur was hat sie vor? Warum hat sie den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter gesucht? Und was hat es mit Schwester Elisabeth auf sich, die zu einer Leitfigur Valentines wird?
Die scheinbar losen Fäden dieses Road-Krimis par excellence verwickeln sich zu einem explosiven Showdown, beim dem der Leser_in die Spucke wegbleibt.
Berlin Verlag Taschenbuch 2013, 348 S., 9,99 €.

 

Judith Jennewein: Die wundersamen Weltraumabenteuer von Helen Hayer und Christine de Castelbaraque
Die fünfmalige Miss Universe Helen Hayer ist schon etwas amtsmüde. Bei den Wahlen im Jahr 2848 will sie wirklich zum allerletzten Mal kandidieren. Ihre Sponsorin Marissa Applegate schickt sie auf Promoting Tour mit dem modernsten Raumschiff ihrer Konzernflotte. Die Commandress der Agina V gibt sich kaum Mühe, Begeisterung für diesen Auftrag zu heucheln. Die Reise beginnt also recht lustlos, aber entwickelt sich schon bald zu einer turbulenten Schnitzeljagd durch zwei Universen. Da es um nicht weniger als um die Rettung der Erde geht, reißen sich Helen und die Commandress zusammen und unterdrücken ihre gegenseitige Antipathie. Spätestens im Schleudergang einer selbst gebauten Waschmaschine kommen sie sich näher.
Die wundersamen Weltraumabenteuer entpuppen sich als ein Hybrid aus Retro-Science-Fiction und romantischer Komödie. Ein queer_galaktisches Lesevergnügen!
Zaglossus Verlag 2013, 286 S., 17,95 €. 

 

 

 

 

-  Sommer 2013 -

 

Romane & Erzählungen

 

Ein kleiner, völlig überspannter Roman: Die imposante und leidenschaftliche Gymnastiklehrerin Maria Pedani und der devote Sekretär ‘Don’ Celzani, der sie mit seinen Liebesbekundungen verfolgt, bringen Bewegung in das psychosoziale Gefüge ihres Turiner Wohnhauses. Im Original 1892 erschienen und jetzt neu übersetzt, entfaltet „Liebe und Gymnastik“ zugleich die ganze Ideologie der Turnbewegung als Arbeit am Körper der Nation. Wir biegen uns und gehen in die Knie – vor Lachen.
Edmondo de Amicis: Liebe und Gymnastik. Manesse Verlag 2013, gebunden, 252 S., 19,95 €.

 

„Angeschrieben wird nicht“ heißt die Bar in der Avenue de l’Indépendence im Trois-Cents-Viertel in Brazzaville in der Republik Kongo. Ihr Chronist und Stammgast trägt den ebenso programmatischen Namen „Zerbrochenes Glas“. Bei unzähligen Flaschen des guten in Barrique gelagerten Sovinco aus Gabun notiert er die erstaunlichen Schicksale und unerhörten Abenteuer seiner Trinkbrüder und -schwestern und kramt auch so manches aus dem eigenen Nähkästchen. Heraus kommt ein sich durch Philosophie und Literaturgeschichte kalauerndes Buch voll beschwipstem Tiefsinn, unverblümter Zoten und Schwänke.
Alain Mabanckou: Zerbrochenes Glas. Liebeskind 2013, gebunden, 222 S., 18,90 €.

 

Ein Ort in der Welt, lieben können, schreiben können: Jeanette Winterson hat sich diese Dinge erkämpft, und nichts davon wurde ihr in die Wiege gelegt. War das Leben in einem Arbeitervorort von Manchester in den 1960er Jahren an sich von Armut bestimmt, so herrschte über ihre Kindheit eine monströse Mutter, die in Weltversagung religiöse Erfüllung suchte. Dass die apokalyptischen Geschichten der Bibel, die in Wintersons Elternhaus vorgelesen wurden, ihr zugleich einen Weg der Rettung eröffneten – den Weg zur Literatur -, ist eine der Einsichten in die unauflöslichen Widersprüche unseres Gewordenseins, die Wintersons biographische Reflexionen auszeichnen und für die gerade es die schöne Literatur braucht: „Wenn es also heißt, Gedichte seien ein Luxus, eine Option oder nur etwas für die gebildete Mittelschicht,… weil irrelevant, oder sonst etwas von den seltsamen und bescheuerten Dingen, die über Lyrik und deren Platz in unserem Leben behauptet werden, dann behaupten das vermutlich Leute, die es immer ziemlich leicht gehabt haben. Ein raues Leben braucht eine raue Sprache – und genau das schafft die Lyrik. Das ist es, was die Literatur uns gibt – eine Sprache, die mächtig genug ist, um zu sagen, wie es ist.“
Jeanette Winterson: Warum glücklich statt einfach nur normal?  Hanser Berlin 2013, gebunden, 256 S., 18,90 €.

 

Ein Tag in São Paolo und 69 Protagonist*innen. Wie in einem Kaleidoskop fallen ihre Geschichten zu einem Gesamtbild zusammen. Ruffato erzählt von armen, ganz armen, reichen, verzweifelten, gelangweilten, verrückten, schlechten, bedauernswerten ganz normalen Menschen in äußerst knapper Form. Eine alltägliche Szene beobachtet im Verkehrsstau, ein Brief in ungelenker Rechtschreibung, wenige Buchseiten lang lauschen wir einem inneren Monolog. Die Wirkung dieser Miniaturen ist geradezu monumental. Eine kurze Reihe von Zeitungsannoncen, die Auflistung einer CD-Sammlung oder einer Zimmereinrichtung lesen sich jeweils wie ein ganzer Roman über ein ganzes langes und kompliziertes Leben. Ergreifend!
Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde. Assoziation A 2012, gebunden, 160 S., 18,00 €.

 

Aus der Sparte Romane aus Ländern, in die Sie sich besser nicht entführen lassen sollten, empfehlen wir:

 

Der Brief als Sendung, als Gabe, als Nachricht, mit der Möglichkeit, Grenzen zu übertreten. Der Brief durchquert Ägypten, Jordanien, Libyen, Syrien und den Irak am Ende der 1990er Jahre. Er nimmt seinen Weg und erfüllt für alle, die an ihm verdienen, die ihn lesen und versuchen, ihn richtig zu adressieren, seinen Zweck. Für den einen ist es die Erklärung an die Liebste über das eigene Verschwinden aus dem Irak. Dem Kurier bedeutet er ein Einkommen. So auch dem Geschäftsmann, der sich über die Grenzen hinweg den Krieg als gewinnbringendes Unternehmen erschlossen hat. Ein Polizist im Irak schließlich glaubt, mittels des Briefinhalts einer nicht erwünschten Person auf die Spur gekommen zu sein. Ein klarer und präziser Roman.
Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik. Edition Nautilus 2013, gebunden,160 S., 18,- €.

 

Eine Gruppe schwedischer Antiimperialisten begibt sich Ende der 1970er Jahre auf Einladung des Pol Pot-Regimes nach Kambodscha. Vier mitreisende Intellektuelle werden noch nach ihrer Rückkehr durchaus positiv zu Pol Pot stehen. Ihre Haltung nimmt Idling zum Anlass, bald dreißig Jahre später auf ihren Spuren nach und durch Kambodscha zu reisen. Er macht seine eigenen Erfahrungen, kontextualisiert sie und kommt zu ganz anderen Schlüssen als die damaligen Reisenden. Daraufhin befragt, warum sie nur Gutes über das Regime der Roten Khmer berichtet haben, liefern die alten Linken ‘klassische’ Antworten im falschesten Sinne: Die Reisenden seien getäuscht und belogen worden. Es bleibt also dabei: was du nicht sehen willst, das siehst du nicht, und was du finden willst, das findest du. Das vermeintlich Exotische ist eine Konstruktion.
Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln. Edition Büchergilde 2013, gebunden, 352 S., 22,95 €.

 

Einblick in Politik und Alltag in der somalischen Bürgerkriegsgesellschaft bietet Nuruddin Farahs faktenreicher Recherche-Roman: Gekapert. Suhrkamp Verlag 2013, gebunden, 463 S., 26,95 €.

 

Taschenbücher

 

Costa Brava im August irgendwann in den 1980er Jahren. Udo und Ingeborg aus Stuttgart verbringen ihren ersten gemeinsamen Urlaub. In der Tapas-Bar schließen sie Bekanntschaft mit einem Pärchen aus Oberhausen. Abends geht es zusammen in die Disco. Tagsüber, während die anderen am Strand ihren Rausch ausdösen, arbeitet Udo im Hotelzimmer an einer Strategie für das Dritte Reich. Er ist bereits Deutscher Meister in diesem Brettspiel und hat nun auch internationale Ambitionen und außerdem den Ehrgeiz, sich als Fachjournalist in der Szene einen Namen zu machen. Doch mit seinem bahnbrechenden Artikel für ein Fanzine kommt er nicht voran. Stattdessen lässt er sich auf eine Partie mit dem geheimnisvollen Tretbootverleiher ein. Und entgegen aller Erwartung sieht es so aus, als ob der Anfänger den deutschen Meister mit seinen alliierten Truppen schlägt. Hoffentlich ist Udo ein guter Verlierer…
Roberto Bolaño: Das Dritte Reich. Fischer Taschenbuch 2013, 316 S., 10,99€.

 

Eine verkommene mexikanische Hafenstadt Anfang der 1930er Jahre: Die „Vera Cruz“ nimmt  Kurs auf Bremerhaven. Im Unterdeck werden hunderte spanische Plantagenarbeiter*innen zurück in die Heimat verfrachtet. Die Narren hingegen reisen erster Klasse. In dieser geschlossenen Gesellschaft befindet man sich ziemlich allein unter Deutschen, und bald schon liegen alle Nerven blank. Porters Jahrhundertschmöker ist ein groß angelegtes Gesellschaftspanorama und eine Parabel auf das Scheitern der Zivilisation in politischer, moralischer und intimer Hinsicht. Dieses Scheitern zeigt sich wohl kaum irgendwo so deutlich wie im deutschen Chauvinismus, den die Autorin ungeschönt darstellt. Positive Identifikation mit einer der Hauptfiguren ist nicht möglich, sehr wohl aber erstklassige Unterhaltung.
Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff. btb 2012, 704 S., 14,99 €.

 

Geschichte & Politik

 

Caliban und die Hexe ist das Hauptwerk der italienischen Feministin Silvia Federici. Ihr antikapitalistischer Ansatz gründet auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Marx, wie sie im Operaismus der 1960er und 1970er Jahre stattfand, auf ihrem Engagement in internationalen feministischen Kampagnen, wie der als „Lohn für Hausarbeit“ bekannt gewordenen, sowie auf ihren Erfahrungen in dem von „Strukturanpassungen“ gebeutelten Nigeria der 1980er Jahre. Diesen Ansatz wendet Federici auf den „blinden Fleck“ in den meisten geschichtlichen Darstellungen des Übergangs zum neuzeitlichen Kapitalismus an: auf die mit der kolonialen Erschließung Amerikas einhergehenden Hexenverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Silvia Federici: Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Mandelbaum 2012, Broschur, 340 S., 24,90 €.

 

Nur ungern räumen Historiker des „Fordismus“ ein, dass Henry Fords „Erfindung“ des Fließbands eine Kopie war: des Förderbands nämlich, das Magnaten der US-amerikanischen meat-packing industry einige Zeit zuvor in den Schlachthöfen von Chicago eingeführt hatten. Eindruck machte diese Innovation außer auf Ford auch auf einen deutschen Amerikareisenden, der sich in der Folge als Gründungsvater der Soziologie einen Namen machen sollte: Max Weber. Von den USA folgt Jan Rehmann Weber zurück nach Deutschland, wo er ihm unter anderem beim Mitverfassen der Weimarer Verfassung über die Schulter sieht. Als Orientierungspunkt dient Rehmann bei seiner Weber-Kritik der erste kritische Theoretiker des „Fordismus“, der vom italienischen Faschismus in die Verbannung geschickte Marxist Antonio Gramsci. Eine faszinierende Studie über die Schnittstellen von kapitalistischer Entwicklung und bürgerlicher Theorie.
Jan Rehmann: Modernisierung als passive Revolution. Kontextstudien zu Politik, Philosophie und Religion im Übergang zum Fordismus. Argument Verlag 2013, kt., 376 S., 24,- €.

 

Das Nebensächliche ist für den Spurensicherer Carlo Ginzburg bedeutsames Indiz, ein Fädchen, das durchs Labyrinth von Fiktionen und Fakten auf die Fährte zur Wahrheit führen kann. Und „die Wahrheit ist natürlich ein Ziel- und kein Ausgangspunkt. Das Handwerk der Historiker (und, in einer anderen Form, das der Dichter) handelt von etwas, das Teil unser aller Leben ist: Das Geflecht von Wahr, Falsch und Fiktiv zu entwirren.“ Wie nützlich bei diesem Vorhaben seine Mikrohistorie ist, reflektiert Ginzburg in neuen Essays über das Verhältnis von Fiktion und Geschichte. Es geht u. a. um Stendhal, Georg Kracauer, ein antijüdisches Pogrom im mittelalterlichen Südfrankreich und um Ginzburgs eigenen Weg als Historiker, der ihn von den Märchenbüchern seiner Kindheit bis zu seiner umstrittenen Rekonstruktion eines europäischen Schamanismus in der Frühen Neuzeit geführt hat. Ein Buch, das sich ebenso gut für Fans eignet wie als Einstieg in das Werk Ginzburgs.
Carlo Ginzburg: Faden und Fährte. Wahr falsch fiktiv. Wagenbach Verlag 2013, gebunden, 156 S., 22,90 €.

 

Der Frauenkörper als Medium imperialer Landnahme: Die „griechische Mythologie“  erzählt, wie Zeus, Poseidon, Apollon & Co. menschliche Königstöchter vergewaltigen, um in der Folge das Reich ihrer Königsväter in Besitz zu nehmen. Mit dem Textmarker auf der Landkarte folgt Theweleit den Spuren der „Göttermänner“, die ihn von Korinth über das Ende der Antiken Welt hinausführen. Medea wird zum mythohistorischen Prototyp für die Erzählungen von der Kolonisierung Amerikas. Wie Medea aus Liebe für dem Eroberer Iason den eigenen Vater verriet, so ließ sich die Aztekin Malinche auf eine amourös-politische Liaison mit dem Conqistador Hernan Cortes ein. Diese Story wird in zahllosen Versionen von Euripides über Walt Disney bis zu James Cameron immer wieder erzählt.  Theweleit ergänzt seine Analyse durch Bildmaterial vor allem aus der Tabakwerbung und der Renaissancemalerei.
Klaus Theweleit: Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung, vorhomerisch, amerikanisch. Pocahontas II. Stroemfeld Verlag 2013, kt., 736 S., 38,00 €.