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Elizabeth A. Wilson: Eingeweide, Pillen, Feminismus

Das sind starke Thesen, die Elizabeth A. Wilson in Eingeweide, Pillen, Feminismus vor uns ausbreitet. Wilsons Gut Feminism, so der englische Originaltitel, könnte einige festgefahrene feministische Debatten auf neue Spuren setzen: Der Antibiologismus des Feminismus hat seinen politischen Zweck, Geschlechterfragen von Vorstellungen natürlicher Bestimmung zu trennen, erfüllt. Wir können uns mit biologischen Daten befassen, ohne in deterministisches und reduktionistisches Denken zu verfallen. Der Körper als stoffwechselnder Organismus ist selbst weder statisch noch passiv, er ist ein plastisches, formbares wie formgebendes, ein bis in die komplexe Biochemie hinein überdeterminiertes Ding. Und gar nicht nur ein Ding, denn er ist beseelt, verarbeitet Stoffliches und Nicht-Stoffliches, Geistiges, Soziales.

Das festzustellen ist einerseits banal, weil offensichtlich, und gleichzeitig ist es immer noch eine Herausforderung für das moderne Denken. So lassen Theoretiker*innen, die nicht der Esoterik zuneigen und von der Psychoanalyse nichts wissen wollen, die Seele lieber beiseite und halten sich an die Kultur: Kultur konstruiere Körper, schreibe sich in sie ein, materialisiere sich in ihnen, produziere Affekte und sonstwas … Ja, klar – aber wie, bitteschön, läuft das ab?

Liefert die Neurowissenschaft neue Erkenntnisse? Auf keinen Fall solche, die Geisteswissenschaftler*innen unkritisch konsumieren sollten, meint Wilson. Schon die Annahme, dass sich alle Nerven, auf die es für Geist und Seele ankommt, oberhalb des Halses befänden, führe komplett in die Irre.

Bei Melanie Klein und Sandor Ferenczi, zwei frühen Vertreter*innen der Psychoanalyse, findet Wilson interessantere Konzepte. Als moderne Seelenkunde musste sich die Psychoanalyse zunächst, ähnlich wie der Feminismus auf dem Feld des Geschlechts, in einer antibiologistischen Wende von der Nervenheilkunde absetzen, um das Eigenleben der Psyche zu fassen. Ferenczi und Klein haben sich aber gedanklich weiter als Freud in Regionen vorgewagt, wo Körperliches und Seelisches sich nicht sauber und dichotom trennen lassen. Sie kamen dahin, dem organischen Leben eine protopsychische Aktivität oder gar eine Begabung zur Fantasiebildung zu unterstellen. Sie postulierten ein „biologisches Unbewusstes“, das die Grundlage differenzierter menschlicher Erfahrungsbezirke wie Bewegung, Empfindung und Vorstellung bilde. Das Rätsel, wie der „Sprung vom Seelischen ins Körperliche“ (Freud) erfolgt, ist damit nicht gelöst, sondern eher verdoppelt um die Frage, wie aus Physischem Seelisches entspringt. Als Paradigma von einer wechselseitigen Durchdringung auszugehen und an konkreten Problemen auf eine Engführung beider Dimensionen hinzuarbeiten, scheint jedenfalls sehr vielversprechend.

Wilson entwickelt ihre Hypothesen dicht am empirischen Material. Über unterschiedliche Zugänge nähert sie sich dem Komplex Melancholie/Depression/Verdauung/Essstörung/Psychopharmaka und führt daran vor, wie hilfreich Bündnisse mit biologischer Forschung für Feminist*innen heute sein können, wenn man naturwissenschaftliche Daten in „exzentrischer“ Weise nutzt.

Eingeweide, Pillen, Feminismus enthält noch ein zweites Plädoyer, das seinerseits auf einen mehrdeutigen Zusammenhang von Depression und feministischer Theorie verweist. Es lautet, kurz gefasst: Hört auf, die Realität von Feindseligkeit und Aggression im Gefühlsleben und in der Politik abzuspalten, dem Anderen zuzuschieben oder kleinzureden. Negativität und Hass entstehen nicht erst als Symptome oder Reaktionen auf destruktive Verhältnisse. Sie sind für nichts gut, sie sind auch nicht notwendig böse, sie sind so ursprünglich wie die Liebe, und sie sind unverzichtbar.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Wilsons Hinwendung zur Aggression noch mehr Abwehr hervorruft als ihr Interesse an der Biologie. Das wäre schade, unsereins hatte lange nicht mehr solche Freude an der Auseinandersetzung mit feministischer Lektüre.

EPF Essays 2
Einband: kartoniertes Buch
EAN: 9783907236369
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