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Buchtipps

Im Jahr 1934 erschien allen amtlichen Zensurversuchen zum Trotz in den Niederlanden Anton de Koms Wij Slaven van Suriname als eines der ersten Bücher, das die Geschichte des Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert aus der Perspektive der Ausgebeuteten und ihres Widerstands schreibt. Suriname, erst seit 1975 unabhängig, ist das kleinste Land Südamerikas. Als Exempel des Kolonialismus ist es die sprichwörtliche Nussschale, deren groteske Formen unter dem scharfen Blick de Koms sichtbar werden.   

Es beginnt mit einem ganz gewöhnlichen Femizid. Eine Frau beendet eine Affäre, der Mann erwürgt sie im Affekt, kotzt und fühlt sich kühn und entwendet ihr Notizbuch. Was er nicht ahnt: Die Frau arbeitete als Spionin für eine hochgeheime Internationale Organisation umstürzlerischer Kräfte, die ihre Leute auch in den offiziellen Sicherheitsapparaten hat, und das Notizbuch enthält äußerst sensible chiffrierte Informationen. Das reicht, um eine Verfolgungsjagd ins Rollen zu bringen, in der sich der Mörder, der nicht weiß wie ihm geschieht, kaum auf den Beinen halten kann. 

Anne Boyer hat aus ihrer Brustkrebserkrankung ein Buch gemacht, das eine Streitaxt ist. Sie reißt dem Brustkrebs die rosa Schleifchen ab, kritisiert die politische Onkologie und besteht darauf, dass, so persönlich und existentiell der Krebs ist, „über den Tode nachzudenken, heißt, über alle nachzudenken“. All die Überlebendengeschichten, die Trostliteratur und Ratgeber dröhnen über wesentliche Erfahrungen hinweg.

Schauplatz dieses atmosphärischen und spannenden Romans ist ein großes, altes Haus an der schottischen Küste. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zieht Ruth mit ihrem Mann und dessen beiden Söhnen aus erster Ehe ein. Für die Londonerin ist es ungewohnt, dass genau beobachtet wird, wie oft sie das Café und wie selten sie die Messe besucht. Auch die lokalen Bräuche findet sie verstörend. Die Stiefsöhne gehen ins Internat, der Mann zu einer anderen. Ruth sucht Zuflucht beim Whisky und findet die Freundschaft der Haushälterin Betty.

Der Verbrecher Verlag hat unter dem Titel kurze form eine neue Reihe gestartet. Als zweiter Band sind nun Erzählungen von einer jungen Zagreber Autorin erschienen. Ein begeisterter Rezensent erkennt in Bakić schon die Nachfolgerin von Edgar Allan Poe und den Brüdern Strugatzki. 

Nach Adorno kann man auch mit den Ohren denken. In ihrem biografischen Essay betrachtet ihn Iris Dankemeyer also von der Seite mit Blick auf das Ohr „als Organ einer dialektisch vermittelten Erkenntnis, die unleiblichen Geist und leibhafte Sinnlichkeit nicht als getrennt voneinander denkt, sondern sie im Bewusstsein von Freiheit und Notwendigkeit vereint“. Die „Erotik des Ohrs“, so Dankemeyer weiter, „ist weder eine kontemplative Haltung noch eine direkte Aktion, sondern deren Vermischung: ein Verhalten“.

Es hilft nicht, aus Verzweiflung über virale Verschwörungstheorien, Fake-Wissen und Wirklichkeitsverleugner*innen auf die Wissenschaft zu pochen. Denn die Wissenschaft ist keine „Fahne, unter der man sich versammeln könnte“, kein Goldstandard, keine harte Währung in politischen Auseinandersetzungen, und am allerwenigsten ist, was Wissenschaft ist, selbstevident.

In den 1990er Jahren kursierte es schon als heißer Tipp zum Thema Staatskritik, aber an das Buch war kaum ranzukommen: Staatsfeinde, Pierre Clastres Studien zur politischen Anthropologie, in Frankreich 1974 erstmals erschienen. Im Jahr 2020 ist das Werk von konstanz university press neu aufgelegt worden. Andreas Gehrlach und Morten Paul haben ein sehr gutes, ein- und weiterführendes Nachwort dazu verfasst.

Viele Intellektuelle haben ziemlich schräge Vorstellungen von dem, was sie vermeintlich am besten tun: denken. Sie sehen sich gegenüber denen, die mit mehr Körpereinsatz arbeiten, auf der Gewinnerseite einer Ungleichung. Ihren gebildeten Geist betrachten sie als etwas, das untrennbar zu ihnen gehört, als ihren ureigenen Besitz. Körperliche Arbeit hingegen wird als ein Vermögen betrachtet, das man entäußert, verbraucht und verkauft.

Mit 21 Jahren brach Martha Gellhorn ihr Studium ab und machte sich mit ihrer Schreibmaschine auf nach Paris, um Schriftstellerin zu werden. Berühmt wurde sie auch für ihre Zeitungsreportagen und Reiseberichte aus Kriegen, Krisengebieten und Gesellschaften im Umbruch. Gellhorn war nicht nur eine mutige Reporterin, ihre Berichte ragen heraus, weil sie ihren Auftrag herauszufinden, was los ist, mit solch aufrichtiger und gewissenhafter Neugier verfolgt.