Iris Dankemeyer: Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno

Nach Adorno kann man auch mit den Ohren denken. In ihrem biografischen Essay betrachtet ihn Iris Dankemeyer also von der Seite mit Blick auf das Ohr „als Organ einer dialektisch vermittelten Erkenntnis, die unleiblichen Geist und leibhafte Sinnlichkeit nicht als getrennt voneinander denkt, sondern sie im Bewusstsein von Freiheit und Notwendigkeit vereint“. Die „Erotik des Ohrs“, so Dankemeyer weiter, „ist weder eine kontemplative Haltung noch eine direkte Aktion, sondern deren Vermischung: ein Verhalten“.

Das Buch folgt Adorno an vier Schauplätze seines Lebens: Wien, New York, Los Angeles und schließlich Darmstadt. Nach Wien ging er, um bei Alban Berg Komposition zu studieren. Nach Amerika floh er, um sein Leben zu retten. In New York, dem Zentrum der Radioproduktion, durch die Populärkultur in vorher nicht gekannter Weise massenmedial verbreitet wird, erlebt Adorno eine „Urbanisierung der Ohren“. Beim Radio Research Project, das von Paul Lazarsfeld, ebenfalls ein Exilant, geleitet wurde, forschte Adorno u. a. zu „atomisiertem Hören“, kündigte den Job aber irgendwann frustriert. Im Los Angeles-Kapitel geht es nicht nur um Adornos Liebe zur Musik, sondern auch – mit dem gebotenen Takt - zu Gretel Karplus/Adorno. Von Kalifornien aus erlebten die Exilierten den Zivilisationsbruch. In dieser Zeit arbeitete das Ehepaar Adorno mit Max Horkheimer an der „Dialektik der Aufklärung“. Nach der Remigration in die Bundesrepublik hielt Adorno in Darmstadt Vorträge bei den „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“. Seine Vortragstätigkeit gerade auch außerhalb der Universität, in der hessischen Provinz oder im Hessischen Rundfunk, war sein praktischer Beitrag zu einer „ästhetischen Reeducation“.

Die Erotik des Ohrs ist keine Hagiografie, eher schon eine Streitschrift gegen den Traditionsverlust der Kritischen Theorie. Diese ist in einer bestimmten historischen Situation und in Kollektivarbeit entstanden. Das Institut für Sozialforschung war ein marxistischer Think-Tank, in seinen Ursprüngen eine Bildungseinrichtung der Arbeiterbewegung. Mit der Hinwendung zur Philosophie reagierte man auf das Scheitern „der determinationsmarxistischen Politik der latent autoritären Arbeiterbewegung.“ Als Wiener Kompositionsschüler war Adorno wohl schon einem „luxurierenden Linksradikalismus“ begegnet, aber erst mit seinem Eintritt ins Institut für Sozialforschung wurde er selbst Mitglied einer Organisation, deren politisches Ziel individuelle und gesellschaftliche Emanzipation ist.

Die Disziplinen, die heute unter „critical theories“ firmieren, haben ein komplett anderes Verständnis von Emanzipation als die Kritische Theorie: „Beide Ansätze sind zu konfrontieren, aber nicht zu kombinieren.“

So militant ihre Haltung, so elegant und spielerisch ist der Stil. Dankemeyer schreibt mit Witz und antiautoritärer Verve und erinnert daran, dass es beim Philosophieren nicht nur darum geht, die Welt zu interpretieren: „Wer sich philosophischer Lektüre zuwendet, muss genauer wissen wollen, was jede Person auch ohne Studium erkennen kann: dass doch nicht wahr sein kann, was in der Welt geschieht. Warum aber ist es dennoch so? Und wie wäre es um Himmels willen zu ändern?“

Dankemeyer, Iris
Edition Tiamat
ISBN/EAN: 9783893202577
30,00 € (inkl. MwSt.)