Peter Schneider: Follow the science? Plädoyer gegen die wissenschaftsphilosophische Verdummung und für die wissenschaftliche Artenvielfalt

Es hilft nicht, aus Verzweiflung über virale Verschwörungstheorien, Fake-Wissen und Wirklichkeitsverleugner*innen auf die Wissenschaft zu pochen. Denn die Wissenschaft ist keine „Fahne, unter der man sich versammeln könnte“, kein Goldstandard, keine harte Währung in politischen Auseinandersetzungen, und am allerwenigsten ist, was Wissenschaft ist, selbstevident.

Der Psychoanalytiker und Kolumnist Peter Schneider hat ein Faible für die Wissenschaftsforschung, und er tritt in dieser kleinen, pointiert und ja: amüsant verfassten Streitschrift an, die Wissenschaft gegen ihre Freunde zu verteidigen – und gegen ihre Feinde sowieso.

Die Feststellung, dass es ein System Wissenschaft in Reinform nicht gibt, ist in vieler Hinsicht wahr: Offensichtlich sind in der Forschung wirtschaftliche und wissenschaftliche Interessen verquickt, siehe Publikationsdruck und zugehörige Skandale. Und natürlich instrumentalisieren Regierungen, die sich auf Wissenschaft stützen, diese zugleich. Gute Gründe für Skepsis, zumal wir als Einzelne die Stichhaltigkeit dieses oder jenes wissenschaftlichen Arguments in den meisten Fällen gar nicht überprüfen können: „Unsere selbständigen Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt. Meistens sind wir darauf angewiesen, kontrollieren zu lassen.“ Auch für wissenschaftliche Aufklärung braucht es also Vertrauen in Gesellschaft und gesellschaftliche Institutionen. Wenn dieser so softe und doch so grundlegende Faktor schwindet, und das „Selberdenken“ zur Kampfansage wird, grassiert der Irrsinn.

Selbst innerhalb der freiesten Wissenschaft hat die Praxis mit dem Ideal des Erkenntnisgewinns anhand falsifizierbarer Hypothesen, permanenter Selbstüberprüfung usw. sehr wenig zu tun. Wissenschaftliche Praxis schält keine Wahrheiten aus der Wirklichkeit heraus. Diese Vorstellung ist genauso unzutreffend wie die modische Gegenposition, Wissenschaft würde Wahrheiten, irgendwie kulturell bedingt, erfinden. Was Wissenschaft tut ist: Sie verleiht Realität geformten Ausdruck. Zu diesen Ausdrucksformen zählt vieles, von Stoffproben im Labor über Daten und ihre Auswertungen bis zu theoretischen Abhandlungen. Wissenschaftlich ist der Output, weil und solange die Daten und Fakten in methodisch kontrollierte und darum (für die, die es können) auch rückverfolgbare Referenzketten eingespannt sind. Sinn und Nutzen dessen, was Wissenschaft erforscht und herausfindet, sind damit keineswegs gesichert.

Peter Schneider stützt sich auf die Science Studies von Bruno Latour, Steve Woolgar, Ian Hacking und anderen. Er bereichert die Wissenschaft um eine ordentliche Portion Komplexität, mit der sich politisch viel anfangen lässt.

Schneider, Peter
Edition Tiamat
ISBN/EAN: 9783893202676
16,00 € (inkl. MwSt.)