Nazir Hamad & Thierry Najman: Das Unbehagen in der Familie. Was in einer Kinderanalyse auf dem Spiel steht

Nazir Hamad hat sich als Psychoanalytiker auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert und war Direktor einer medizinisch-psychologisch-pädagogischen Ambulanz. Das Unbehagen in der Familie gibt Hamads Gespräche mit seinem Kollegen Thierry Najman wieder. Die beiden suchen den fachlichen Austausch, gehen auf theoretische und praktische Fragen der Kinderanalyse ein und auf die – nicht nur seelischen – Nöte, die Kleinfamilien heutzutage plagen. Ein ebenso besonnenes wie insistierendes Bemühen, die Dinge, Kinder und Eltern zu verstehen, zeichnet ihr Gespräch aus. Damit laden sie auch Laien zur Lektüre ein.

Ein Elternratgeber aber möchte Hamad explizit nicht sein. Denn er sieht überhaupt keinen Fortschritt darin, dass Expertenwissen heute ersetzen soll, was auf sich alleine gestellten, verunsicherten Eltern an Erfahrungen aus dem familiären Zusammenleben mehrerer Generationen fehlt. Er beobachtet Mütter und Väter, die sich Ratgebersätze um die Ohren hauen und dabei nur immer mehr die Verbindung zu ihrem Kind verlieren. Und je weniger sie sich selbst als Eltern zutrauen, desto weniger unterstellen sie auch ihrem Kind, ein Subjekt zu sein, ein Subjekt, das zwar von sich selbst wenig weiß, aber über ein eigenes Begehren und eigene Ausdrucksformen verfügt. (Oder die Eltern tauschen gleich die Rolle und verlangen von ihrem Kind, dass es ihnen die Antworten auf ihre Fragen gibt und ihnen doch bitte sagen möge, was es will.) Wenn es diesem Buch eine Lehre zu entnehmen gilt, so verdichtet sie sich in dem Satz „Jedem Kind sein eigenes Unbewusstes“. Eltern (die immer zu Projektionen neigen) mag er eine Mahnung sein, für die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet er eine unmittelbare Entlastung. Für die Psychoanalyse ist dieser Satz Ausgangshypothese und Arbeitsauftrag in einem. So geht es auch in den Fallbeispielen, die in dem Buch zur Sprache kommen, immer wieder um die Frage, was es Kindern, Müttern, Vätern und befragten Expert*innen ermöglicht, sich die anderen nicht einzuverleiben, dem Unbewussten zu begegnen und dem Lacan’schen großen Anderen seinen Platz einzuräumen: der Geschichte, in die wir alle eingeschrieben sind, und der Sprache, in der sich nichts und niemand auf eine einzige Bedeutung reduzieren lässt.

Hamad, Nazir/Najman, Thierry
Turia & Kant Verlag
ISBN/EAN: 9783851328653
24,00 €
Kategorie:
Psychoanalyse