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Buchtipps - Romane/Erzählungen

Ein Tor zum Meer versammelt die Lebensgeschichten von zehn homosexuellen arabischen Männern unterschiedlicher Konfession aus verschiedenen Ländern und sozialen Klassen. Der Autor nennt es „Dossier“, ich würde es eher als eine Novellensammlung bezeichnen. Khaled Alesmael spielt die literarische Qualität seines Buches aber nicht aus falscher Bescheidenheit herunter, sondern um sein politisches Anliegen in den Vordergrund zu rücken.

Allen, die in der Schule vor Langeweile umkamen oder zu Haus weinten, die in der Kindheit von ihren Lehrern tyrannisiert oder von ihren Eltern verprügelt wurden, widme ich dieses Buch. Jules Vallès Paris  

Gabriele Riedle erzählt von einer, die von Berufs wegen losgeschickt wird, durch Kriegs- und Elendsregionen in Afghanistan, Inguschetien, Liberia und anderswo zu stolpern, um dort die Begegnung mit dem krass Anderen zu suchen und das Gesehene und Gehörte alsdann so aufzubereiten, dass es den Daheimgebliebenen den doppelten Genuss von „Abenteuer & Aufklärung“ bereiten möge. Riedle berichtet von Dingen, die sie selbst erlebt hat, und eingangs fragt man sich vielleicht, warum sie das „Roman“ nennt.

Der Wunsch, das Gesicht einer anderen zu haben, ist heute erfüllbar, auch in Korea. Die OPs sind zwar teuer, riskant und schmerzhaft und die Heilung dauert ewig, aber Sujin ist entschlossen: Mit abgeschliffenem Unterkiefer und neuer Lidfalte wird sie sich nicht länger im Nagelstudio verdingen müssen, sondern eine Karriere als Room-Saloon-Mädchen starten. Sie will es, obwohl sie von ihrer Nachbarin Kyuri, die den Zenit ihrer Karriere als Prostituierte gerade überschreitet, um die Nachtseiten dieses Berufs weiß.

Bügelnd, betrunken, fiebernd, sterbend. Tillie Olsens Storys aus den 1950er Jahren handeln von gewöhnlichen Menschen in ebenso gewöhnlichen Zuständen der Entrückung, zwischen Tran und Trance. Rausch, Traum und Delirium erweitern das Erzählte und das Erzählbare, an ihnen bricht sich die Wirklichkeit und splittert auf. Olsen hat das Schreiben, ihr schmales, aber unglaublich kunstvolles Werk, wortwörtlich dem Leben abgerungen, einem Leben bestimmt von Geldmangel, Arbeit, politischer Aktivität, vielen geliebten Kindern und viel zu wenig Zeit.

Wer verblüffende historische Romane mit linksrevolutionärem Gehalt liebt, wird entzückt sein von diesem nun erstmals ins Deutsche übersetzten Klassiker. Der polnisch-russische Schriftsteller Bruno Jasieński war futuristischer Poet und kommunistischer Aktivist. 1929 aus dem französischen Exil vertrieben, machte er in der Sowjetunion unter Stalin kurz Karriere, bevor er dort 1938 vor ein Schaugericht gestellt und ermordet wurde.

Ein mit leichter Hand geschriebener, bisweilen sarkastisch ausgelassener Roman über schlecht verteilte Care-Arbeit, die nervigen Seiten des Kinderhabens, die dunklen Seiten der Mutterschaft, Geburtshilfe und Klassenherrschaft auf einer rauen schottischen Insel. Eine befreundete Hebamme ist voll des Lobes: »Night waking is amazing!«  

Hinter manch sauber polierter Fassade und beflissenem Auftritt geht es drunter und drüber. Eine Chefsekretärin und ihre Konkurrentin sowie ein Working Girl und ein Exstudent werden am Samstagmittag aus ihrer Firma in die Ödnis des privaten Lebens entlassen. Matte Sehnsüchte erwachen, die einen phantasieren von Ausbruch, die anderen benehmen sich einfach daneben. Noch um die kleinste Freiheit, die sie selbst zu verantworten hätten, aber machen alle einen großen Bogen.

Der deutsche Kulturbetrieb ist zwar nicht gerade bekannt für Inklusivität und Diversity, aber es geschieht durchaus mal, dass auf irgendeinem künstlerischen Empfang ein Underdog ans Büffet gelangt. Wehe aber, ihm gleitet das Gürkchen vom Schnittchen und der Festivaldirektor rutscht darauf aus! Das ist der Auftakt zu einer Höllenfahrt durch die deutsche Kultur mit Goethe, Schäferhund, den Gebrüdern Grimm und allem, was den deutschen Geist erfreut.

Der von Schatten begrenzte Raum des Theaters war immer ihr Zuhause. Nachdem in der Türkei 1971 das Militär die Regie übernahm, zog es Emine Sevgi Özdamar an die Bühnen von Berlin, Paris, Bochum und anderswo, wo man mit Begeisterung Brecht’sches Theater machte. Von Schatten begrenzt ist auch der Raum des Exils, in dem das Leben der Erzählerin spielt.