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Buchtipps - Romane/Erzählungen

Seit dem Tod des Marschall-Vaters ist die spiroistische Partei desorganisiert wie ein geköpftes Huhn. Die verschiedenen Fraktionen bekämpfen sich gegenseitig, die Macht der Erstkämpferfamilien scheint hingegen ungebrochen. Die Jugend Crocutaniens verfällt unterdes dem illegalen Flipperspielen. Es entsteht eine klandestine Flipperszene, in der auch die in Gangs organisierten Mobilen mit ihren langen Haaren, tätowierten Fingern und Mopeds mitmischen.

Vom Totalitarismus „realsozialistischer“ Prägung handelt auch Maxim Billers neuester Roman. Der stalinistische Antisemitismus treibt die Billers in die Emigration, von Moskau nach Prag. Radon und Semjon ziehen mit ihren Kindern Maxim und Jelena weiter nach Hamburg, der ferne Onkel Lev ist schon längst in Brasilien. Über Kanada und Paris landen Onkel Dima und seine schöne Exfrau Natalja Gelernter in Zürich.

„Die Gerechten müssen den Verdammten ihren Platz zuweisen können“, so gebietet es das Gesetz der rassistischen Gesellschaft. Alonzo Hunt, genannt Fonny, ist ihm in die Fänge geraten. Ein bösartiger irischer Polizist hat beschlossen, ihm, dem jungen schwarzen Mann, der sich nicht einschüchtern ließ, die Vergewaltigung einer puertoricanischen Frau anzuhängen. Jetzt sitzt Fonny im Gefängnis und seine schwangere Freundin Tish erzählt ihre Geschichte.

Die Welt hat sich fundamental verändert – und auch wieder nicht. In Naomi Aldermans hoch spannendem Roman Die Gabe kehren sich innerhalb kürzester Zeit die Kräfte- und Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern um. Den Frauen ist ein neues Organ gewachsen, mit dessen Hilfe sie Stromstöße abgeben können – stimulierende, schmerzhafte, tödliche. Und die Mädchen und Frauen erinnern sich an das, was so viele Generationen von Frauen und sie selbst erlitten haben.

Der Sommer, in dem alles anders wurde etc. pp. Nach diesem Schema sind viele Coming-of-Age-Geschichten angefertigt. „Das erste Mal“ wird als Initiation, Entdeckung und Erweckung der Sexualität erzählt, die Grenzen zu sentimentalem oder softpornographischem Kitsch sind dabei schnell erreicht. Auch Annie Ernaux' Erinnerung eines Mädchens dreht sich um „das erste Mal“. Aber es ist, als sei über „das erste Mal“ zum ersten Mal aus weiblicher Perspektive geschrieben worden.

Zwischen Chioggia und Ravenna lebte einst Lord Byron mit seiner Geliebten, und Antonioni drehte hier sein Männerdrama Der Schrei. Yseut hat Bargeld beiseite gelegt, eine Waffe gekauft, sich ins Auto gesetzt und in einem angestaubten fürstlichen Landhaus eingemietet. Sie möchte noch einmal, allein, die Schauplätze der Geschichten von Byron und Antonioni aufsuchen. Während sie über Schnellstraßen und Dämme brettert, reisen ihre Gedanken zurück zu den Stationen ihres eigenen Lebens. Von Wien nach Kalifornien und wieder zurück.

Ein Arbeiter Mitte fünfzig teilt im Bistro sein Dessert mit einem jungen spanischen Maler. Die beiden verlieben sich, ziehen zusammen und zusammen durch die Stadt. Der Junge, ein Bürgersohn, sehnt sich nach dem Leben der Bohème, aber in der Welt des Arbeiters, in seinen Umarmungen, der winzigen Hinterhofwohnung und dem Leben im Takt von Maloche, Müdigkeit und Amüsement wird es ihm bald zu eng.

Die Warschauer Journalistin Alicja soll eine Reportage über das rätselhafte Verschwinden von Kindern in Wałbrzych schreiben. Nur widerwillig reist sie in ihre alte Heimat, eine vom neuen Kapitalismus und der jüngsten Deindustrialisierung gerupfte und gezupfte Bergarbeiterstadt. Hier gedeihen Verschwörungstheorien und blinder Hass, falsche Propheten haben leichtes Spiel. Alicjas Recherche befördert auch die schmerzhafte Wahrheit über ihre eigene Kindheit zu Tage.

Eine Frau in U-Haft, der Prozess läuft, aber das Urteil steht schon fest: Tod durch Steinigung. Das Delikt: Sie hat anstelle des alkoholisierten Muezzins zum Morgengebet gerufen und ist außerdem des Besitzes von Make-Up, Musikkassetten und Lyrikbänden überführt worden. Aber ihre Schuld ist eigentlich viel größer. Sie ist als Mädchen geboren worden. „Gerade mal eine Stunde alt und schon meines Geschlechts wegen angeklagt (...) Ich war eine Frau in einem Land, in dem es besser war, irgendetwas anderes zu sein, vorzugsweise geflügelt.“

Südstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im bürgerlichen Haushalt wird ausgebeutet was das Zeug hält. Diantha ist eine überaus vorbildliche Tochter und Verlobte, doch dem Unglück der häuslichen Ausbeutung will sie sich nicht beugen. Sie mausert sich zu einer Unternehmerin mit feministischer Guerillastrategie. Wo bisher persönliche Abhängigkeit, ein rassistisches Klassensystem und emotionale Erpressung herrschen, entdeckt Diantha den Markt für haushaltsnahe Dienstleistungen.