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Was in zwei Koffer paßt

Klosterjahre

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783442311163
Sprache: Deutsch
Umfang: 256 S.
Format (T/L/B): 2.5 x 22 x 14.5 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

"Das Buch offeriert einfach alles, was man sich wünscht: Es ist spannend wie ein Abenteuer-Schmöker, unterhaltsam wie ein Liebesroman, interessant wie ein Sachbuch." Stern "Ungeschminkt, frisch und lebendig. Viele Anekdoten der geschickt in Vor- und Rückblenden aufbereiteten Geschichte sind äußerst amüsant. Vor allem jene, in denen der schnöde weltliche Alltag in seinen eigentümlichsten Ausformungen in das geregelte Dasein hinter den Mauern eindringt. Das liegt auch an der Gabe der Autorin, alle Erlebnisse stets mit einer heiter-ironischen Distanz zu erleben und zu erzählen." Münchner Merkur "Ihr Buch ist ein nachdenkliches, manchmal lakonisches, manchmal humorvolles, sehr ehrliches Buch - ein stilles Meisterwerk." bücher

Autorenportrait

Veronika Peters, geboren 1966 in Gießen, verbrachte ihre Kindheit in Deutschland und Afrika, wo ihr Vater als Lehrer tätig war. Im Alter von fünfzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus, absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitete in einem psyc

Leseprobe

1. Aufbruch, Ankunft und der Weg an die Grenze Mit Abschieden habe ich mich nie lange aufgehalten. Gerade mal einundzwanzig Jahre alt, werfe ich zwei Koffer in meinen alten Käfer und mache mich auf den Weg. »Muß das unbedingt sein?« Meine Freundin Lina steht am Straßenrand und weint, als ginge ich in den sicheren Tod. Auf der Fahrt denke ich, daß sie recht hat, ich muß völlig verrückt sein, mich auf so etwas einzulassen. Warum wirft eine wie ich, die mit fünfzehn das von einem cholerischen Alkoholiker beherrschte Elternhaus verläßt und sich fortan allein durchschlägt, zu dem Zeitpunkt, als sie mit Job, Auto und Wohnung einen nach bürgerlichen Maßstäben geregelten Alltag zu führen beginnt, alles hin, um die merkwürdigste Art gemeinschaftlichen Lebens zu versuchen, von der sie je gehört hat? »Soll ich deine Sachen für dich einlagern, falls du sie wieder brauchst?« fragt Stefan an unserem letzten Abend. »Keine Rückversicherung, keine Altlasten.« »Tu, was du nicht lassen kannst, Mädchen. Ruf an, wenn ich dich abholen soll.« Lina wird denen, die nach mir fragen, Auskunft geben. Der Versuchung widerstehend, noch eine letzte Beruhigungszigarette zu rauchen, werfe ich das halbvolle Päckchen aus dem Fenster und bin lange vor der vereinbarten Zeit an der Stelle, wo sich rechts eine schmale Straße, nicht mehr als ein asphaltierter Feldweg, in Richtung Kloster windet. Hinter hochgewachsenen Pappeln tauchen bald die roten Dächer von Gästehaus und Ostflügel auf, überragt vom schiefergedeckten Kirchendach, auf dem ein kleiner Dachreiter die Glocken beherbergt. »Zisterziensische Bautradition«, erinnere ich mich im Prospekt gelesen zu haben und schalte das Radio aus, wo eine gutgelaunte Sprecherin dabei ist, Empfehlungen für Jazzveranstaltungen am Wochenende auszusprechen. Neben der Einfahrt steht in großen handgeschmiedeten Lettern »Benedicite!« - Seid gesegnet! »Wollen wir's hoffen«, murmle ich vor mich hin, während ich mein Auto unter die alte Kastanie lenke, an der ein verbeultes Schild »Parken auf eigene Gefahr« angebracht ist. Soll ich eine Stunde spazierengehen, zurück ins Dorf fahren, doch noch eine Packung Gitanes kaufen? Was soll's, ich klingle an der Klosterpforte. Nachdem Schwester Placida mir erklärt hat, daß sie mich von jetzt an konsequent siezen wird, weil das innerhalb der Gemeinschaft so üblich ist, drückt sie mir einen Becher Kaffee in die Hand und sagt: »Mit dem engen Rock wirst du dich bei der Kniebeuge ganz schön auf die Nase legen, wenn du nicht aufpaßt.« Sie betreut das Gästehaus und kennt mich, seit ich das erste Mal für ein Wochenende herkam, um mir das Kloster anzusehen. »Ich habe gewußt, daß du eines Tages zu uns gehören wirst.« »Ich nicht«, will ich gerade sagen, als sie nach dem Telefonhörer greift. »Schwester Hildegard kommt gleich; sie bringt dich in deine Zelle im Haus der Novizen. « Sie sagen tatsächlich »Zelle«; ich hätte doch noch eine rauchen sollen. Hildegard, die ich für eine harmlose Person gehalten habe, bis sie »von heute an bin ich als Magistra für Sie zuständig« sagt, klappert mit dem Schlüsselbund, winkt mir, ihr zu folgen, und ich bin drin. Die Klausur, der abgeschlossene, nur für die Nonnen zugängliche Bereich, verbirgt sich hinter einer schlichten Tür aus gemustertem Glas, nicht unähnlich der, die Linas Oma immer scheppernd hinter sich zuschlägt, wenn sie sich geärgert hat. »Schwester Antonia wird Ihnen am Nachmittag das Haus und den Garten zeigen. Wir holen erst einmal den Rest Ihres Gepäcks.« Sie sieht mich ungläubig an, als ich ihr zu verstehen gebe, daß es keinen Rest gibt, weil ich »nur das Notwendigste« wörtlich genommen habe. »Löblich«, murmelt sie im Weitergehen, »es gab welche, die sind mit dem Möbelwagen hier angekommen.« Ich verkneife mir die Bemerkung, daß es mich beruhigt, meine Sachen in kurzer Zeit zusammenraffen und verschwinden zu können. Meine »Zelle« stellt sich als freundliches kleines Zimmer unter dem Dach Leseprobe