Die Säbelschwadron (gebundenes Buch)

Roman, Almosen fürs Vergessen 3
ISBN/EAN: 9783961600120
Sprache: Deutsch
Umfang: 280 S.
Format (T/L/B): 2 x 21 x 13 cm
Einband: gebundenes Buch
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Mit gemischten Gefühlen begibt sich der jüdische Wissenschaftler Daniel Mond auf Geheiß seines Doktorvaters 1952 von Cambridge aus nach Göttingen, wo der rätselhafte Nachlass eines deutschen Mathematikers lagert, der Mond bei seiner eigenen Arbeit weiterhelfen soll. Auch die Vertreter einiger Geheimdienste interessieren sich für das Geheimnis hinter den Aufzeichnungen: Ein amerikanischer Historiker mit erstaunlich viel Zeit, ein dubioser ehemaliger Wehrmachtsoffizier, ein diabolischer englischer Füsilier und ein Göttinger Mathematiker, der selbst an der Entschlüsselung der Schrift gescheitert ist - sie alle suchen Monds Nähe. Eigentlich ein erklärter Pazifist, freundet dieser sich aber ausgerechnet mit Soldaten eines Panzerregiments an, die in einem Militärmanöver zwischen Bielefeld und Baden-Baden die Kriegsführung nach einem atomaren Angriff üben. Als Mond kurz vor der Vollendung seiner Arbeit in immer merkwürdigere und bedrohlichere Situationen gerät, bittet er seinen Freund Fielding Gray, den Kommandeur der Panzerschwadron, um einen großen Gefallen. - Im aufkommenden Kalten Krieg wird das beschauliche Göttingen zu einem Ort, an dem zwei britische Traditionsregimenter aus ihrer prunkvollen Vergangenheit ins Atomzeitalter taumeln und an dem antikommunistische Amerikaner ebenso mit alten Nazis anbandeln wie britische Antiamerikaner. "Die Säbelschwadron" ist ein unterhaltsamer Roman über den Besitz von Wissen im Kampf der Mächte - und darüber, wie sich althergebrachte Werte und nostalgisch gepflegte Traditionen in der modernen Zeit bewähren.
Simon Raven (1927-2001) besuchte als Spross einer Strumpffabrikantenfamilie die elitäre Charterhouse School, von der er 1945 wegen homosexueller Handlungen relegiert wurde. Unter seinen Mitschülern waren u. a. James Prior (später Minister im Kabinett von Margaret Thatcher) sowie der spätere Herausgeber der "Times", William Rees-Mogg (dessen Sohn Jacob heute dem Kabinett von Boris Johnson angehört). Beide hat er in der Romanreihe "Almosen fürs Vergessen" literarisch verewigt. Nach seinem Militärdienst, den Raven als Offiziersanwärter in Indien ableistete, studierte er ab 1948 am King's College in Cambridge Altphilologie. Er wurde Vater eines Sohnes und heiratete widerwillig. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, trat er erneut in die Armee ein, wurde in Deutschland und in Kenia stationiert, quittierte den Dienst aber schließlich, um eine unehrenhafte Entlassung wegen Wettschulden abzuwenden. Fortan widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete als Literaturkritiker, bis ihn der Verleger Anthony Blond 1958 unter der Bedingung, mindestens 50 Meilen von Londons Vergnügungsstätten entfernt zu wohnen, unter Vertrag nahm - ein Arrangement, das drei Jahrzehnte währen sollte. Ein ausschweifender Lebenswandel, kühne Meinungen, seine offen ausgelebte Bisexualität und die Tatsache, dass er das Material für seine Bücher aus dem unmittelbaren Freundeskreis gewann und mit freizügigen Sexszenen und scharfzüngigen Urteilen über die Gesellschaft kombinierte, verschafften ihm einen Ruf als Schandmaul unter den englischen Nachkriegsautoren. Zeitgenossen schmähten ihn als Verfasser des "wohl schmutzigsten Cricketbuchs aller Zeiten", und sein Roman "Fielding Gray" verdiene eigentlich den Namen "Brideshead Revilified". Zur gleichen Zeit wurde er von namhaften Kollegen wie etwa Anthony Powell nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als Literat geschätzt. Sein 10-bändiger Romanzyklus "Alms for Oblivion" (1964-1976) wird heute mit dem Werk von Lawrence Durrell, Graham Greene, Anthony Powell und Evelyn Waugh verglichen und Raven als "einer der brillantesten Romanciers seiner Generation" bewertet (Patrick Newley). Einem größeren Publikum bekannt geworden war Raven allerdings zunächst durch Arbeiten fürs Fernsehen, wie die Verfilmung von Trollopes "The Pallisers" (1974) und die Serie "Edward and Mrs. Simpson" (1978), sowie die Mitarbeit am Drehbuch für den James-Bond-Film "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" (1969). Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete er mit dem Hinweis, er schreibe "für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch".
"Was Sie nicht verstehen", sagte Major Glastonbury soeben zu Doktor Motley, "ist, dass Pferderennen nicht einfach bloß zur Belustigung des Publikums da sind. Dahinter steht eine lange Tradition; es gibt Standards, die gewahrt werden müssen. Wenn Sie die Rennstrecke im Grand National entschärfen, dann sinken mit der Höhe der Hindernisse zugleich auch die Standards." "Und was Sie nicht verstehen", sagte Motley, "ist, dass heutzutage das Publikum - das zahlende Publikum - darauf besteht, ein Wörtchen mitzureden. Das Publikum will, dass die Hindernisse heruntergesetzt werden, weil ihnen die Pferde leidtun." "Mitleid schadet den Standards", warf Julian genüsslich ein. "Wenn man eine Straßburger Gänseleberpastete haben will, muss man die Gans quälen." "Das ist auch der Grund, warum die öffentliche Meinung gegen Straßburger Gänseleberpastete ist." "Nein, ist es nicht. Das gemeine Volk kann sie sich nicht leisten. Es ist Neid." "Falsch!", sagte Glastonbury. "Der Grund ist, dass die Öffentlichkeit der Perfektion misstraut. Um Perfektion angemessen würdigen zu können, und sie auch zu verdienen, braucht man einen geschulten Gaumen, ein geschultes Auge, einen geschulten Geist - erlesenen Geschmack, kurz gesagt. Und das ist natürlich eine Beleidigung für die populäre Vorstellung von Gleichheit." "Das trifft es nicht so ganz", sagte Daniel unglücklich in seiner gewissenhaften Art. "Es herrscht vielmehr allgemein die Auffassung, dass man, um in Julians Bild zu bleiben, erst mal hungernden Kindern etwas zu essen geben sollte, bevor geschulte Gaumen mit Straßburger Gänseleberpastete gekitzelt werden." Glastonbury und Motley nickten einmütig, ihm somit in diesem Punkt durchaus Recht gebend und zugleich Gott dankend, dass man sich derzeit Straßburger Gänseleberpastete noch auf der Zunge zergehen lassen konnte.