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Anton de Kom: Wir Sklaven von Suriname

Im Jahr 1934 erschien allen amtlichen Zensurversuchen zum Trotz in den Niederlanden Anton de Koms Wij Slaven van Suriname als eines der ersten Bücher, das die Geschichte des Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert aus der Perspektive der Ausgebeuteten und ihres Widerstands schreibt. Suriname, erst seit 1975 unabhängig, ist das kleinste Land Südamerikas. Als Exempel des Kolonialismus ist es die sprichwörtliche Nussschale, deren groteske Formen unter dem scharfen Blick de Koms sichtbar werden.   

Wirtschaftlich betrachtet stellt sich die Entwicklung Surinames bis ins 20. Jahrhundert als eine Serie hochsubventionierter Plünderungen dar. In der kolonialen Fruchtfolge Gold – Zucker – Kaffee/ Kakao/Tabak/Baumwolle – Kautschuk – Bananen wurden nach den Ernten des 17. und 18. Jahrhunderts einige unternehmerische Fiaskos eingefahren, und trotzdem schoss die holländische Staatskasse mehr und mehr Gulden nach, um dem Plantagenkapital noch bessere Anlagemöglichkeiten zu verschaffen. Für dieses „Millionenmärchen“ hat de Kom nur spöttische Ironie übrig. 

Das Regime der Sklaverei, das die holländischen Kolonialherr*innen errichteten, gehörte zu den brutalsten der Zeit. Sie verteidigten ihr Recht, die Menschen, die sie als ihr Eigentum betrachteten, bis auf’s Blut ausbeuten, sadistisch quälen und töten zu dürfen bis 1863, und dann noch ließen sie sich für jede und jeden, den sie freiließen, entschädigen und verpflichteten die vormals Versklavten, weiter auf den Plantagen zu arbeiten. 

Anton de Kom ging es vor allem um den menschlichen Faktor, der das Kolonialsystem zum Scheitern brachte: um den sich immer wieder neu organisierenden Widerstand der aus Afrika verschleppten, später auch aus Asien und Europa hergeschafften Arbeitskräfte. Die schwarzen „Marrons“, zu deren Nachkommen sich heute mehr als ein Fünftel der surinamischen Bevölkerung zählen, waren diejenigen, „die trotz Ketten und Bewachung von den Plantagen entkommen konnten; die Rebellen, die den brutalen Strafen und Drohungen der Weißen trotzten; die Aufständischen, die lieber die Schrecknisse des Urwalds auf sich nahmen, um am Ende ihres schweren Wegs den Tod oder die Freiheit zu finden“. Sie errichteten befestigte Siedlungen, die nur über Flüsse und verborgene Schleichwege zu erreichen waren. Die Dörfer überfielen Plantagen und nahmen alle auf, die fliehen konnten. Auch nachdem sie mit der holländischen Kolonialregierung einen Waffenstillstand ausgehandelt hatten, blieben die Dörfer das unruhige Hinterland, das über Generationen Männern und Frauen, die sich der Kolonialmacht widersetzten, Rückhalt gab. Die Geschichte der kleinen und großen Aufstände hat de Kom aus den übermittelten Erinnerungen seiner Vorfahren und den Akten der Kolonisatoren detailreich rekonstruiert. 

Anton de Kom war Kommunist und sein Ziel war es, das ethnisch, auch durch die koloniale Politik des Teile und Herrsche gespaltene Proletariat Surinames zu vereinen. Die in der herrschenden Geschichtsschreibung gelöschte Geschichte der Kämpfe zu vergegenwärtigen ist das eine, was sein Buch dazu leistet. Es legt darüber hinaus die Lüge der sogenannten „Freiheit“ offen, die für die meisten unfreien Arbeiter*innen, aus denen Vertragsarbeiter*innen und Tagelöhner*innen wurden, nicht mehr und nicht weniger bedeutete, als „dass anstelle von körperlichen Qualen [...] Seelenqualen, Armut und Mangel [entstanden]. Als hätte man uns aus dem Feuer geholt und uns, ohne dass wir schwimmen könnten, in die Wellen des Atlantiks geworfen.“ Die Arbeitsregimes, die auf die Sklaverei folgten, hatten ihre eigenen Knebeltechniken, durch die „der Surinamer, der Mann mit der schwarzen Haut“ auch als besitzloser Proletarier ohnmächtig gemacht werden sollte. Das N.-Wort bezeichnet bei de Kom diesen aufgezwungenen Status. 

Im Jahr 1933 wurde de Kom unter dem Vorwurf, er plane einen Umsturz, in Paramaribo festgenommen und in die Niederlande ausgewiesen. Nach 1940 schloss er sich dort dem Widerstand gegen das NS-Besatzungsregime an. 1944 wurde Anton de Kom an die Gestapo verraten und starb im April 1945 im Alter von 46 Jahren an den Folgen von Zwangsarbeit und KZ-Haft in Deutschland.  

Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783887473839
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Kategorie: Geschichte