Walter Sperling: Vor den Ruinen von Grosny
Leben und Überleben im multiethnischen Kaukasus
Walter Sperlings Geschichte von Grosny umspannt knapp 200 Jahre, beginnend mit der Gründung der Stadt 1818 als militärischer Vorposten des Zarenreichs: Grosnaja, die »Furchterregende«. Im Russischen Bürgerkrieg war sie als »Boomtown des Öls« heftig umkämpft, ebenso im Zweiten Weltkrieg. In der Sowjetunion wurde Grosny Hauptstadt der Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, auf die nach dem Ende der UdSSR die Republik Tschetschenien folgte. Das sehr zugänglich geschriebene Buch ist für alle, die mehr wissen wollen über die komplizierte Geschichte des Kaukasus, darüber, welche Rolle Russland darin spielt, welche der Islam, welche der Nationalismus und welche die Deportation, Umsiedlung und Wiederansiedlung von riesigen Menschengruppen.
Vor den Ruinen von Grosny ist auch eine Geschichte über das Verhältnis von Stadt und Land, von russischem imperialem Zentrum und kolonisierter Peripherie; eine Geschichte über gelebte Völkerfreundschaft – und ihre Mythen; über Frauenemanzipation und stalinistischen Terror; über die Rolle von fossilen Ressourcen und ökonomischen Zwängen, im Alltag wie im Krieg; über nationalistische Radikalisierung und Eskalation, in deren Verlauf uralte und beinahe vergessene Vorurteile über die »Anderen« plötzlich wieder Konjunktur haben.
Sperling legt die großen Linien der komplexen Geschichte frei, er zoomt aber auch immer wieder hinein in das Leben einzelner Menschen im Strudel der großen historischen Ereignisse. Das Buch erzählt vom Alltag in Chaos und Gewalt, von Menschen, die auf Ausgleich bedacht waren, die einfach nur ein normales Leben in ihrer Stadt wollten; die nach Kriegen und Bürgerkriegen immer wieder zu einem respektvollen Miteinander zurück fanden; die eine lebendige Kulturszene schufen und traditionelle Kleidungsvorschriften mitunter modisch eigenwillig interpretierten. Aus der Perspektive der Dekolonisierung richtet Walter Sperling seinen Blick auf den Eigensinn der Menschen, der politische und kulturelle Hegemonieansprüche unterläuft. Auch die zahlreichen Fotos im Buch, viele davon aus privaten Alben, geben Einblick in das Alltagsleben in Grosny.
Das letzte Kapitel des Buches behandelt den Beginn des ersten Tschetschenienkriegs 1994. Hier zeigt Walter Sperling besonders eindrücklich, wie die Politisierung des Nationalen in Gewalt umschlug, wie nationalistische Kundgebungen zu Orten wurden, an denen die im Alltag zurückgetretene ethnische Zugehörigkeit als Gemeinschaft neu erfahren wurde. Im Zuge der Tschetschenienkriege sind erneut zahlreiche Bewohner:innen aus der Stadt geflohen und wohnen heute in aller Welt.
Mit Ausgewanderten und mit Menschen, die vor Ort geblieben sind, hat der in Karaganda geborene Osteuropa-Historiker lange Interviews geführt. Der Epilog des Buches begleitet eine Reihe dieser Menschen, die mit der Zerstörung Grosnys nicht nur Angehörige und Bekannte verloren haben, sondern auch ihre Kindheit und Jugend. Ihr Leben ist von nostalgischer Sehnsucht geprägt, sie haben sich deswegen vernetzt, ein Schultreffen organisiert, bei dem sich Menschen wiedersahen, die während der Kriege teils auf verschiedenen Seiten standen. Nun betrauerten sie gemeinsam ihre Stadt und lagen sich weinend in den Armen: Tschetschenen, Inguschinnen, Tataren, Jüdinnen, Russen, Ukrainerinnen. »Das Buch ist um Verstehen und um Verständigung bemüht«, schreibt Walter Sperling. Das gelingt ihm mit großer Empathie und klarer Sprache ebenso wie mit genauer Quellenkritik und differenzierter Analyse.