Felix Jackson: Berlin, April 1933

Seit er vor acht Jahren mit seinen beiden Kompagnons die Anwaltskanzlei eröffnet hat, hat Hans Bauer keinen Urlaub gemacht. Seine Liebesbeziehung dümpelt so vor sich hin, er ist dreiunddreißig Jahre alt, sieht aber zehn Jahre älter aus, und so beherzigt Hans den Rat seines Arztes, einen längeren Urlaub zu machen. Nach vier Monaten in den Schweizer Bergen kehrt er Ende April 1933 zurück nach Berlin, im Gepäck ein ungutes Gefühl, aber noch keine Vorstellung davon, was ihm bevorsteht.

 

Vier Monate sind für einen Urlaub eine lange Zeit, doch eine kurze in Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen. Im April 1933 geht alles sehr schnell. Hans beobachtet, wie sich seine Umgebung in rasantem Tempo auf das neue gesellschaftliche Ziel einrichtet, einen „inneren Feind“ zu vernichten. Auf der Straße, in der Bahn werden Jüdinnen und Juden von Uniformierten schikaniert und geschlagen. Linke verschwinden, ins Ausland oder in die Zuchthäuser und Konzentrationslager. Sein Hausarzt darf keine arischen Patienten mehr behandeln. Der Sohn des Hausmeisters denunziert seine Eltern. Das Hausmädchen soll sich von ihrem jüdischen Verlobten trennen.

 

Als juristischer Experte für Kulturfragen bewegt sich Hans im Milieu der Theater- und Filmleute, die sich neuerdings – und bis heute* – „Kulturschaffende“ nennen. Auf ihren mondänen Partys tauchen auf einmal Banausen in albernen Uniformen auf, die früher niemals Zutritt zu diesen Kreisen hatten. Noch mokiert man sich über sie, aber schon hinter vorgehaltener Hand.

 

Sein Angestellter taucht im Braunhemd in der Kanzlei auf und gebärdet sich arrogant und anmaßend. Gewohnt, mit Gesetzen und Verordnungen souverän umzugehen, müssen Hans und seine Kompagnons feststellen, dass sie das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 vor ein unlösbares Problem stellt. Demnach verliert seine anwaltliche Zulassung, wer als jüdisch definiert wird. Der älteste Kompagnon ist Jude und muss nun aus der Kanzlei ausscheiden. Dann trifft es, völlig unvorbereitet, auch Hans selbst: Es stellt sich heraus, dass eine seiner Großmütter Jüdin war. Die Freundin seiner Freundin ist ganz dicke mit einem mächtigen SS-Mann, der Hans anbietet, das Problem mit dem Ariernachweis für ihn zu regeln. Damit aber würde er sich erpressbar machen, er zögert.

 

Er sucht nach einem Ausweg und durchläuft gleichzeitig eine heftige innere Wandlung. Die jüdische Identität, die ihm zugewiesen wird, kann für ihn, der keine Ahnung vom Judentum hat und selbst nicht frei von antisemitischem Ressentiment ist, keinerlei positiven Gehalt haben. Zum Feind erklärt und zur Vernichtung freigegeben, nimmt er diese negative Identität an und stellt sich auf die Seite derer, die die Gesellschaft, als deren Teil er sich bis dahin selbstverständlich empfunden hat, ausgestoßen hat. Nur so kann er sich selbst und andere zu retten versuchen.

 

Der Roman ist unverkennbar autobiografisch. Felix Jackson ist als Felix Joachimsen in Deutschland geboren worden, wo er als Drehbuchautor arbeitete. Es gelang ihm die Emigration, aus der er für eine kurze Zeit Mitte der Dreißiger Jahre nach Deutschland zurückkehrte. Man kann sich gut vorstellen, dass er seine Tagebuchnotizen von dieser Reise als Material benutzt hat. Der Text hat stellenweise die Anmutung eines Schlüsselromans, unwillkürlich versucht man zu erraten, welche historische Person für welche Figur Vorbild gestanden hat. Das beschriebene Konzentrationslager ist als Oranienburg zu erkennen.

 

Berlin, April 1933 ist das Zeugnis eines Entkommenen. Von der Form her aber ist es ein nach allen Regeln der unterhaltungsindustriellen Kunst gefertigter Thriller. Der „Stoff“ dieses Romans ist die Erfahrung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, eine Erfahrung, die nicht kommensurabel ist. Es ist verstörend, dass man hervorragend unterhalten wird, das Buch nicht aus der Hand legen will, wo man doch weiß – nicht, wie es weitergeht, sondern wie es weitergegangen ist, und dieses Wissen erzeugt eine existenzielle Angst.

 

Dies ist in wesentlicher Hinsicht die gegenteilige Wirkung des kathartischen Thrills, den Detlev Claussen anhand des Kinoerfolgs Schindlers Liste stellvertretend für alle Produkte der Kulturindustrie einschließlich der Hochkultur und der Theorie präzise analysiert hat:

„Was psychologisch nicht bewältigbar ist, erhält die sinnvolle Struktur eines Alptraums […] Auschwitz, die auf einen weltgeschichtlichen Augenblick zusammengezogene Erfahrung von Ohnmacht und Sinnlosigkeit, wird mit massenmedialen Tricks in eine Success Story von Überlebenden […] der Schrecken totaler Vernichtung wird in das eingelöste Versprechen der Erlösung verwandelt“. Das Unfassliche, was sich in den Zuchthäusern, in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ereignete, wird gefiltert durch kulturindustrielle Schemata erträglich gemacht und bereinigt von dem, was sich nicht aushalten lässt. Das hingegen, was man erklären kann – wie die Nazis an die Macht kamen, wie und warum sich NS-Deutschland einen „inneren Feind“ schuf und diesen vernichten wollte und warum es einen Weltkrieg anzettelte – wird „als völlig unverständliche verdinglichte Tatsache vorausgesetzt“ und mystifiziert.**

 

Dass Jackson authentisch und glaubhaft berichtet, wie sich die Berliner Gesellschaft den Nationalsozialismus implementiert hat, bricht das Schema und bestärkt doch die nur bis zu einer Grenze mögliche Identifikation der Leserinnen und Leser mit dem Verfolgten. Man kann es sich leider nur zu gut vorstellen. Es fühlt sich unheimlich nah an. „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“, hat Primo Levi gesagt. Und so macht der Verleger Stefan Weidle in seinem sehr engagierten und interessanten Nachwort auch das Motto stark, das Jackson seinem Roman vorangestellt hat: „Wenn wir über gestern reden, sprechen wir von heute und morgen.“

 

* Matthias Heine: Verbrannte Wörter. Wo wir noch reden wie die Nazis Duden Verlag 2019, geb., 224 S., 18,00 €

 

** Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus Fischer Taschenbuch 2005, 288 S., 12,90 €

Jackson, Felix
Weidle Verlag
ISBN/EAN: 9783938803882
23,00 € (inkl. MwSt.)
,
Heine, Matthias
Bibliographisches Institut GmbH
ISBN/EAN: 9783411742660
18,00 € (inkl. MwSt.)
,
Claussen, Detlev (Prof. Dr. phil.)
Fischer, S. Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783596163892
12,90 € (inkl. MwSt.)