Fran Ross: Oreo

Schwarz und weiß getrennt, rund geschliffen, in Scheiben geschnitten und säuberlich geschichtet? Für Christine, Spross einer Familie, in der jiddische und afroamerikanische Kultur vielfach miteinander verbunden sind, gehört eine solche verkekste Logik zu den Zumutungen, mit denen man sich in dieser Welt rumschlagen muss. In der opulenten Fusion-Küche ihrer Großmutter, bei der Christine aufwächst, kommen Oreos jedenfalls nicht vor.

 

Wie die Menschen im Roman hat auch die Autorin Fran Ross großes Vergnügen daran, ein Wort „durch die Mangel“ zu drehen, „bis es was anderes bedeutet“. Die kurze Geschichte, wie ausgerechnet Oreo zu Christines Spitznamen wurde, enthält schon mehrfache Umdeutungen. Der ganze Roman besteht aus kuriosen, überraschenden und extrem komischen Episoden und Erzählschleifchen. Denn nur auf Umwegen kommen wir zum Ziel, wie schon die alten Griech*innen wussten. Ross hat einen klassischen Stoff neu inszeniert: Christine/Oreo ist berufen, in einer modernen Adaption des Theseus-Mythos die Heldin zu spielen (keine Sorge, für „Schnellleser und Antikenferne“ hat die Autorin eine Kurzversion von Theseus' Abenteuern angehängt).

 

Oreos Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht und ihr nur einen verrätselten Suchauftrag hinterlassen. Da der Motherfucker nun einmal ihr Motherfucker ist, macht sich Oreo, als die Zeit gekommen ist, auf nach New York, um Abenteuer zu bestehen und ihren Vater zu finden. Ausgerüstet ist sie mit Bettsocken und Mesúse, mit dem Feminismus ihrer Mutter Helena, mit der von ihr selbst entwickelten Selbstverteidigungsmethode WITZ – dem „Weg des Interstitiell Treffsicheren Zorns“ –, zu der „Bumse“ wie „Kop-Zang, „Schu-Kik“ und „Aug-Pihk“ gehören – und natürlich mit einer gehörigen Portion Mut und Schläue. Oreo schlägt sich brillant durch, und wo kaputtlachen nicht reicht, erteilt sie Lektionen.

 

Ein rundherum toller Roman! Mit kongenialem Wortwitz übersetzt von Pieke Biermann und mit einem Nachwort von Max Czollek, der die Wiederentdeckung des Werks der jung verstorbenen Autorin Fran Ross als Teil jüdischer und schwarzer Literaturgeschichte würdigt: „Wir wussten es nicht, aber wir haben auf dieses Buch gewartet.“

Ross, Fran
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423281973
22,00 € (inkl. MwSt.)