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George Orwell: Tage in Burma

Neuübersetzung von  Manfred Allié. Myanmar hieß in den 1920er Jahren Burma und stand als Teil von Indien unter britischer Kolonialherrschaft. Ein Rädchen des Empire war der Polizist Eric Arthur Blair, der auf einem Heimaturlaub in England den Kolonialdienst quittierte, um unter dem Namen George Orwell Journalist und Schriftsteller zu werden. Vor allem sein Bericht über seinen Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg und seine dystopischen Romane werden bis heute viel gelesen. Weniger bekannt sind seine frühen literarischen Arbeiten: Eine Sozialreportage über das Subproletariat in London und Paris und eine unversöhnliche Abrechnung mit dem Kolonialismus in Romanform, Tage in Burma, die jetzt in neuer Übersetzung erschienen ist.

So groß das britische Empire war, so klein ist die Welt seiner Vertreter in dem fiktiven burmesischen Distrikt Kyauktada. Ein knappes Dutzend jämmerlicher Gestalten, die sich wie die Herren der Welt gebärden, dient dort Krone und Kapital. Einer von ihnen ist der junge Holzhändler John Flory, den das Leben in der Kolonie zwar anwidert, der sich aber zur Rückkehr nicht aufraffen kann, weil in England seine soziale und wirtschaftliche Situation weit weniger komfortabel wäre. Das allabendliche Besäufnis im „Europäischen Club“ lindert seine Einsamkeit nicht. Die Begegnungen mit Dr. Veraswamy sind ihm der einzige beglückende menschliche Kontakt. Der Arzt ist ein großer Bewunderer westlicher Aufklärung und britischer Kultur, Flory hingegen hasst und verachtet das britische Kolonialsystem. Das ergibt unerschöpflichen Stoff für lange, angeregte Diskussionen und dem Autor eine wunderbare Vorlage für die (Selbst-)Persiflage des kolonialkritischen Kolonisators. Die Männerfreundschaft wird nicht gern gesehen, weder von der einheimischen Elite, die eine groß angelegte Intrige gegen Dr. Veraswamy spinnt, noch im Europäischen Club. Den Kolonialrassismus der Europäer verachtet Flory als dumm, brutal und ignorant. Er hingegen interessiert sich für die einheimische Kultur. Doch seine halbherzigen Annäherungsversuche an die burmesische Gesellschaft steigern nur seinen Verdruss und auch darin ähnelt Flory dem kultursensiblen, fernreisenden Individualtouristen der Gegenwart, eine Figur, die Orwell noch gar nicht kennen konnte. 

Neuen Lebensmut fasst Flory, als sich Elizabeth Lackersteen, ein Neuankömmling aus England, der kleinen Zwangsgemeinschaft zugesellt. Mit ihr könnte er endlich der vom Alkohol getrübten Lethargie und Einsamkeit entkommen, ein sinnvolles Leben führen! Wir Leser-innen und Leser wissen sofort: Das wird nichts. Ja, hoffen es fast, denn eine Liebe, die nur aus Illusion, Verzweiflung und eiskalter Berechnung erwächst, soll auch nicht gedeihen. Da Orwell das Ganze aber im Stil einer tragischen Romanze erzählt, in der die Liebenden jede Menge Hindernisse überwinden müssen, und uns unwiderstehlich zur Identifikation mit Flory einlädt, wünschen wir uns wider besseres Wissen ein Happy End. Wir werden frus-triert und dabei prächtig unterhalten!

Weiterhin lieferbar ist die Übersetzung von Susanna Rademacher als DiogenesTaschenbuch

 

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Kategorie: Romane/Erzählungen