Gertraud Klemm: Hippocampus

Bei den Seepferdchen (wissenschaftlich: Hippocampus) tragen die männlichen Tiere die Kinder aus. Der Teil des Gehirns, der für die Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis besonders wichtig ist, wird ebenfalls als Hippocampus bezeichnet. Mit dem Romantitel öffnet die österreichische Autorin Gertraud Klemm den geistigen Raum für ihre Erzählung.

 

Ihr neuester Roman widmet sich wieder der gesellschaftlichen Realität von Frauen. Diesmal geht es um Literaturbetrieb, Autorinnen- und Mutterschaft, um Repräsentation und darum, wer das Recht hat, in das gesellschaftliche Langzeitgedächtnis übernommen zu werden.

 

Elvira war einst Mitbewohnerin der verstorbenen Autorin Helene Schulze, sie zogen aus ihrer Frauen-WG los, um Reiterstatuen in Wien mit ihren Kunstaktionen zu bedenken. Diese Kunstaktionen sind ebenso wenig in der Öffentlichkeit aufgenommen worden, wie der Großteil des literarischen Schaffens von Helene Schulze. Nach ihrem Tod wird sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Die Maschinerie des Literatur- und Medienbetriebs setzt sich in Gang; Helene wird vermarktet.

 

Elvira klappert in einem alten Bus die Lebensstationen ihrer Jugendfreundin ab und will die Deutungshoheit über deren Biographie gewinnen und ihr Gerechtigkeit verschaffen. Mit dabei hat sie Adrian, aus dessen Perspektive der Roman abwechselnd mit der Perspektive Elviras geschrieben ist. Adrian gehört nicht nur einem anderen Geschlecht an, sondern auch einer anderen Generation. Dieses Spannungsfeld und die sich entwickelnde Beziehung der beiden ErzählerInnen treiben den Roman an und machen ihn zu einem ganz besonderen Roadtrip-Erlebnis.

 

Eine Gastrezension von Jana Kling aus der Jos Fritz Buchhandlung, Freiburg

Klemm, Gertraud
Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG Verlag
ISBN/EAN: 9783218011778
22,90 € (inkl. MwSt.)