Harald Darer: Blaumann

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Wer je selbst einmal Lehrling war, kennt diese Wendung bis zum Überdruss. Wenn solche seit Jahrzehnten wiederholten, schwachsinnigen und im Grunde bösartigen Phrasen, zu denen auch „Arbeit adelt“ gehört, wenn solche Phrasen überhaupt ein Gran Wahrheit enthalten, dann dies, dass die Berufsausbildung in einem der regelmäßig als Arbeitsplatzgaranten und Herz „unserer Wirtschaft“ gepriesenen mittelständischen Familienunternehmen an feudale Verhältnisse erinnert und der oft noch minderjährige Auszubildende nicht etwa als doppelt freier Lohnarbeiter mit formal gleichen Bürgerrechten wie der Lehrherr, sondern als eine Art Hausknecht angesehen wird.

So ergeht es auch dem Helden und Ich-Erzähler im Blaumann. Er geht bei Elektro Geier in die Lehre. Pfusch am Bau, illegale Sondermüllentsorgung und peinliche Einblicke in das abgründige Familienleben von Juniorchef, Juniorchefin und Seniorchefin prägen den Alltag. Von Gewerkschaft, Arbeitssicherheit und Ausbildungspflicht hat deren Welt noch nichts vernommen.

Der Ich-Erzähler muss monatelang in einem Mietshaus Wände aufstemmen, eine Knochenarbeit, die ihm schmerzhafte und beschämende Hämorrhoiden einträgt. Während der nicht enden wollenden Sanierungsarbeiten geht er in den noch bewohnten Wohnungen ein und aus und wird eine Art Mitglied der Hausgemeinschaft. So bekommt er immerhin eine Jause und vereinsamt nicht völlig.

Denn das Privatleben leidet gehörig unter der Arbeit. Die Männer, die sich im Werk, im Betrieb und im Arbeitslosenkurs verschleißen, werden im Laufe ihrer Karriere zu versagenden Vätern und frustrierenden Ehemännern. Glücklich machen sie höchstens den Kneipenwirt. Obwohl er nicht „im großen Anschauungsunterricht der Fabrik“ (Brecht), sondern in einer Klitsche, über der der Pleitegeier kreist, nichts lernt, begreift der Lehrling, dass die Arbeit Pfusch erzeugt und stumpfe und kranke Menschen, die dennoch nichts Schlimmeres über einander zu sagen haben, als dass jemand noch keinen Tag im Leben gearbeitet habe.

Das Thema Berufsausbildung ist in der Literatur selten. Das bekannteste deutschsprachige Buch darüber ist wohl Der Keller. Eine Entziehung, in dem Thomas Bernhard seine Erfahrungen als Lehrling in einer Kolonialwarenhandlung verarbeitet. Ähnlich wie Bernhard arbeitet Darer mit der österreichischen Alltagssprache abgelauschtem Witz und Stilmitteln wie Abschweifungen, Wiederholungen, Tiraden. Aus Verzweiflung geschürfte Hochkomik!

 

Darer, Harald
Picus Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783711720757
20,00 € (inkl. MwSt.)