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Khaled Alesmael: Ein Tor zum Meer

Ein Tor zum Meer versammelt die Lebensgeschichten von zehn homosexuellen arabischen Männern unterschiedlicher Konfession aus verschiedenen Ländern und sozialen Klassen. Der Autor nennt es „Dossier“, ich würde es eher als eine Novellensammlung bezeichnen. Khaled Alesmael spielt die literarische Qualität seines Buches aber nicht aus falscher Bescheidenheit herunter, sondern um sein politisches Anliegen in den Vordergrund zu rücken. Der Journalist und Schriftsteller, selbst schwul und aus Syrien nach Schweden geflohen, schreibt im Nachwort, „ich war es nicht gewohnt, das Regenbogenbanner zu tragen oder in meinem Umfeld zu finden, daher habe ich eine gewisse Zeit gebraucht, um eine Beziehung dazu herzustellen. Zu diesem Zweck steht es nun auf meinem Schreibtisch. Jedes Mal, wenn ich es ansehe, muss ich an einen Satz von Martin Luther King denken: ‚Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.‘ Analog dazu sage ich: ‚Die Homosexuellen an irgendeinem Ort sind verantwortlich für die Freiheit der Homosexuellen an jedem anderen.‘“

Weil „Heimat“ für Alesmael kein „geografischer, durch Grenzen geprägter Begriff ist“, hat er „in den Herzen der Homosexuellen nach einer Heimat gesucht“. Viele haben ihm ihr Herz geöffnet, was gewiss nicht immer leicht war. Neben Schuldgefühlen und Selbstentfremdung lähmt auch die Androhung von Verfolgung die Zunge. In den arabischen Staaten sind homosexuelle Handlungen kriminalisiert, und auch im europäischen Exil ist man Bedrohungen ausgesetzt durch Familie und – wie etwa ein Libanese und sein jüdisch-israelischer Ehemann in Berlin – durch Islamisten. Trotzdem vertrauten die Männer sich Alesmael an, berichteten von ihren Erlebnissen in homosexuellen Subkulturen in Kairo, Beirut und Damaskus zwischen entwürdigender Klandestinität und hedonistischer Dekadenz, von Sex in schmuddeligen Hammams und glamourösen Nachtklubs. Sie erzählen von Liebe und Zärtlichkeit, von Einsamkeit und unverhofftem Glück im Exil. Einige Männer haben sich prostituiert, viele erfuhren Missbrauch durch ältere Männer und Familienmitglieder. Die verstörende und teils tragische Verschränkung von Begehren und Brutalität ergibt sich in von Männlichkeitswahn, Krieg und Islamismus geprägten Gesellschaften mit einer gewissen Konsequenz.

Schwule Liebe kann aber auch ein Refugium vor Gewalt sein, wie die anrührende Liebesgeschichte von Semiramis und seinem Freund Tariq aus Bagdad zeigt. In ihrer Liebe finden die beiden Jungen etwas, das über den Kriegszustand, der im Irak zur scheinbaren Normalität geworden ist, hinausweist. Zumindest vorübergehend. Semiramis muss schließlich nach Damaskus fliehen, Tariq fällt einem Bombenattentat zum Opfer. Krieg und Flucht prägen beinahe alle Geschichten. Fadi erzählt: „Wenn du in einem engen Vorstadtviertel mit lauter aneinander gepappten, illegal gebauten Häusern lebtest, das von kräftigen Männern mit dichten Bärten wimmelte, die meist in voller Militärmontur herumliefen, zumindest aber in Cargohosen, hättest du zwei Möglichkeiten damit umzugehen: entweder einer von ihnen, also Soldat zu werden. Oder von diesen Bildern total abgestoßen zu sein und nur noch den einen Wunsch zu hegen: eins der Flugzeuge zu besteigen, die über Beirut flogen, und nichts wie weg, bis du im fernen blauen Himmel verschwunden wärest.“ Eine dritte Möglichkeit findet er dann aber in einem Nachtklub mit Tanz, ausländischer Musik, Alkohol, Männern, Küssen und aufgerichteten Schwänzen unter der Jeans. „Damals erfuhr ich, dass das, was wir am Strand der Vorstadt und auf unseren Häuserdächern taten, nichts Perverses oder dem Stamme Lots Vergleichbares war, sondern dass es dabei um Sehnsüchte und Empfindungen ging, die vielen Männern auf der ganzen Welt zu eigen waren.“

Briefe von arabischen Homosexuellen, Albino
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783863003425
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Kategorie: Romane/Erzählungen