Maxim Biller: Sechs Koffer

Vom Totalitarismus „realsozialistischer“ Prägung handelt auch Maxim Billers neuester Roman. Der stalinistische Antisemitismus treibt die Billers in die Emigration, von Moskau nach Prag. Radon und Semjon ziehen mit ihren Kindern Maxim und Jelena weiter nach Hamburg, der ferne Onkel Lev ist schon längst in Brasilien. Über Kanada und Paris landen Onkel Dima und seine schöne Exfrau Natalja Gelernter in Zürich.

Das Gepäck ist schwer von Misstrauen, Verrat, Zweifel an den anderen und an sich selbst. Wer hat Schmil Billers Schwarzmarktgeschäfte verraten und zu verantworten, dass der Großvater 1960 in der Sowjetunion hingerichtet worden ist? Wer hat Fluchtpläne denunziert, geschmuggelte Devisen unterschlagen und wer weiß was noch verbrochen?

Fragen, die auch die nächste Generation, den Ich-Erzähler, inzwischen fünfzehn Jahre alt, umtreiben. Als er die StB-Akte von Onkel Dima findet, weiß er noch weniger, was er glauben soll. Hat der Onkel wirklich all diese Untaten begangen? Oder waren das nur Erfindungen bösartiger, unterbeschäftigter Geheimdienstleute?

In einer kunstvollen, nur scheinbar einfachen Komposition werden die Billerschen Familiengeheimnisse aus sechs Perspektiven beleuchtet und verdunkelt. Besonders beeindruckend ist die Figur der Tante Natalja gezeichnet, eine Filmemacherin, glamourös, exaltiert, unglücklich, zugleich eine Hommage an und Satire auf das Kino der Tschechoslowakischen Neuen Welle.

Biller treibt ein herrliches Spiel mit der Wahrhaftigkeit der Fiktion, dem Zweifelhaften des Autobiografischen und der Wirklichkeit jenseits der Buchdeckel. Er treibt es so weit, dass er zur Aufklärung der schrecklichen Familiengeheimnisse auf ein Radiointerview seiner großen Schwester verweist: Sie erzähle, „wie es wirklich war“. Jelena bzw. Elena Lappin, wie Bruder Maxim und Mutter Rada Schriftstellerin, hat ihrerseits einen Familie-Biller-Roman geschrieben.* In Anbetracht dieser Familiengeschichte ist die Geste brüderlichen Vertrauens in ihr Vermögen, die Wahrheit zu erkennen, einerseits ironisch, andererseits anrührend schön.

*Jelena Lappin: In welcher Sprache träume ich. Die Geschichte meiner Familie

Kiepenheuer & Witsch 2017, gebunden, 352 S., 19,99 €

Biller, Maxim
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462050868
19,00 € (inkl. MwSt.)
Lappin, Elena
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462050455
23,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Romane/Erzählungen

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