Maria Kanitz und Lukas Geck: Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis

Popmusik ist Spaß, Glamour und Attitüde, eigentlich eine gute Sache. Aber leider gibt es in der Popwelt ein massives Problem mit Antisemitismus: Roger Waters’ Bühneninszenierungen enthalten ästhetische Reminiszenzen an den Nationalsozialismus. Macklemore verkleidet sich selbst als antisemitische Karikatur im Stil der Nazizeitung »Stürmer«. Kanye West kokettiert mit Hitler, unter dem Absingen seiner Songs wurden Synagogen angegriffen. Der schwedische antizionistische Agitprop-Song »Leve Palestina« aus den 1970er Jahren verdankt der TikTok-Intifada ein erstaunliches Comeback. Etliche Rapper verbreiten in ihren Texten verschwörungstheoretisches Geschwurbel und offenen Judenhass oft im Einklang mit Misogynie. Musikikonen wie Patti Smith und Björk bekennen sich zur BDS-Kampagne, die das Ziel verfolgt, Israel von der Landkarte zu streichen. Konzerte verwandeln sich in israelfeindliche Kundgebungen. Anhand zahlreicher Beispiele zeigen Kanitz und Geck auf, wie verbreitet Antisemitismus in der Popwelt ist, man lernt die Stars von ihrer hässlichsten Seite kennen.

Israelische, jüdische und nicht-jüdische Artists und Veranstalter:innen werden unter Druck gesetzt und gecancelt, sofern sie in den Hassgesang nicht einstimmen und manchmal einfach nur, weil sie jüdisch sind. Man denke nur an die letzten beiden Eurovision Song Contests oder das erbärmliche Gebaren der Fusion-Veranstalter:innen. Die Teile der Musikindustrie und der Fans, die dabei durchaus Unbehagen empfinden, reagieren oft hilflos. Das Problem hat zwei Seiten: Antisemitismus wird zelebriert und das wird toleriert.

Die gängigste zeitgenössische Variante des Antisemitismus kommt als menschenrechtlich verbrämtes, vage progressives Engagement daher. Man stilisiert sich als rebellisch, indem man gegen die jüdische Minderheit hetzt. Die gigantischen Reichweiten der Popstars, ihre Vorbildfunktion für die Fans und die affektive und identitätsstiftende Macht von Musik sind enorme Verstärker des judenfeindlichen Ressentiments. Kanitz und Geck schreiben: »Was an vielen Stellen leider immer noch nicht ankommt, ist, dass antisemitische Songtexte, Live-Shows oder Social-Media-Statements von Musiker:innen reale Konsequenzen haben, die in Gewalt, Beleidigungen, Drohungen, dem Ausschluss von Musiker:innen oder gezielten Sachbeschädigungen münden. Zeit, dass sich das ändert.«

Eine der vielen Stärken des Buches ist, dass es sich gerade auch an ein Publikum richtet, das von Popmusik begeistert ist und sich mit dem Thema Antisemitismus vielleicht noch nicht intensiv beschäftigt hat. Es gibt darin, wie Autor Lukas Geck bemerkt, keine Adorno-Zitate. Das theoretische Rüstzeug wird am konkreten Beispiel geliefert, und zwar ebenso kurz wie begrifflich präzise. Dass die beiden Autor:innen den lauten Hass ziemlich lässig, in oft humor- und auch hoffnungsvollem Ton parieren, hilft, sich mit dem deprimierenden Thema zu beschäftigen.


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