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Suche konnte nicht ausgeführt werden. Bitte versuchen Sie es später erneut.Dagmar Herzog: Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte
Herzogs Geschichte des eugenischen Denkens und Fühlens beginnt im 19. Jahrhundert. Die Autorin vollzieht den vielschichtigen Prozess nach, durch den Menschen mit Behinderungen nach Kosten-Nutzen-Kalkülen sortiert und aussortiert wurden. Sie wurden sozialer Feindseligkeit ausgesetzt und schließlich zum Objekt einer Rassenangst, die mit dem antisemitischen Rassenhass verbunden ist und in der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« im Nationalsozialismus gipfelte.
Im postfaschistischen Deutschland änderte sich die Haltung vor allem gegenüber Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen erst einmal wenig. Die Aufarbeitung der Euthanasiemorde wurde abgewehrt, Sterilisationen mit eugenischen Motiven waren weiterhin gängig. Sonderpädagogik und Anstaltsverwahrung führten eine selektierende Praxis in der BRD und in der DDR noch lange fort. Den feindseligen Affekt, die eigene existenzielle Verletzlichkeit und Schwäche auf andere zu projizieren, sie ab- und auszustoßen, kennen wir noch immer. Sie setzt der Menschlichkeit weiterhin Grenzen: Alltäglich wird unverblümt und brutal über den Wert anderer Leben geurteilt.
Umso wichtiger sind die Fragen, die Herzog im größeren Teil des Buchs, der sich mit der Geschichte nach 1945 befasst, verfolgt: Wem gelang es mit welchem Einsatz, welchen Mitteln und welcher Argumentation, den Status quo erfolgreich anzufechten? »Rebellische Minderheiten« und Einzelpersonen haben Entscheidendes bewirkt, um die Verbrechen gegen Menschen mit Behinderung als solche sichtbar zu machen und langsam eine gesellschaftliche Gegenbewegung voranzubringen. Dazu gehören unter anderen der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der Psychiater Gerhard Schmidt, der 1945 in die bayerische Anstalt Eglfing-Haar kam und die Vernichtungspraxis dokumentierte, und der Journalist Ernst Klee, dessen Reportagen darauf zielten, die Kälte der Euthanasieverbrechen erfahrbar zu machen. Der Psychiater Klaus Dörner und die Historikerin Gisela Bock schafften es zusammen mit Überlebenden gegen große Widerstände, den Petitionsausschuss des Bundestags dazu zu bringen, sich mit dem Unrecht der Zwangssterilisationen zu befassen. Ohne die Krüppelbewegung, ohne Elterninitiativen und ohne die Menschen, die im Osten wie im Westen anstelle von Anstalten »Inseln« des Zusammenlebens schufen und das Bedürfnis nach Geborgenheit allem anderen voranstellten, wären wir heute noch viel weiter davon entfernt zu wissen, wie selbstverständlich Leben mit Behinderungen ist und sein sollte.