Ralf Binswanger: Reden über Trieb, Sexualität und Gender
Die langen Kämpfe der LGBTIQ-Bewegungen um sexuelle Selbstbestimmung sowie allgemeine Tendenzen der sexuellen Liberalisierung haben in Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse und Sexualwissenschaft zu einer Infragestellung der eigenen Normen geführt. Sexuelle Orientierungen wurden weitgehend entpathologisiert: An ihnen ist nichts zu behandeln. Mit der Auflösung der Normen zeigt sich aber auch, wie unklar und zum Teil widersprüchlich die Vorstellungen vom Liebesleben der Menschen, in Freud’schen Begriffen: von der »menschlichen libidinösen Triebhaftigkeit« noch immer sind. Und es ist auch nicht so, dass sich mit der erkämpften Liberalisierung alles in Wohlgefallen auflösen würde in Sachen sexueller Lust und Unlust, Zwang und Hemmung, Aggression, Bindung und Identität. Sexualität bleibt tricky, und therapeutischen Bedarf gibt es weiterhin.
Vor allem braucht es, so Ralf Binswanger, »mehr Klarheit beim Reden« über Sexualität und Gender. Er möchte den fachlichen Diskussionen und der therapeutischen Praxis mit Klient:innen ein orientierendes begriffliches Gerüst geben. Wir empfehlen dieses zugängliche Fachbuch nachdrücklich auch allen, die an sexualpolitischer Bildung interessiert sind.
Das »methodische Modell« von Sexualität, das Binswanger entwickelt, zeichnet sich durch eine perspektivische Zweiteilung aus: Es unterscheidet zwischen »Sexualität per se« und »Sexualität in actu«. Sexualität per se meint die erwachsene Sexualorganisation als Teil der Persönlichkeitsstruktur. Welche Triebkomponenten mit welchen bevorzugten Zielen und Objekten sich darin auch immer individuell vereinen – sie sind, wie sie sind. Im Unterschied dazu betrachtet Sexualität in actu die sexuelle Aktivität der Person, wozu die ausgelebten Fantasien und das reale Verhalten gehören. Die gelebte Sexualität hat allerdings nicht nur sexuelle Funktionen, das heißt, es geht nie allein um Triebbefriedigung und Lusterzeugung. Freud zufolge ist die Differenzierung von sexuellen und nicht-sexuellen Triebfunktionen selbst ein dynamischer Prozess. Manche nicht-sexuellen Funktionen von Sex liegen nahe: die Befriedigung von Bindungsbedürfnissen, narzisstische Stabilisierung, die Abfuhr von Aggression oder die Verarbeitung früherer Trennungen. Ebenso kann Sex dazu dienen, Trauer abzuwehren oder ungelöste seelische Konflikte zu reinszenieren. Beim therapeutischen Reden über Sexualität in actu geht es darum herauszufinden, welche Funktionen leitend sind. »Wenn beim sexuellen Fantasieren und Verhalten nicht-sexuelle Funktionen das Primat haben«, so Binswangers These, handelt es sich um »einen sexuellen Ausdruck und Bewältigungsversuch von psychischem Leiden«. Hier kann Therapie hilfreich sein und verhindern, dass sexuelle Bewältigungsversuche weiteres Leid verursachen.
Die perspektivische Unterscheidung zwischen per se und in actu überträgt Binswanger auf Gender, worunter er das »psychische Geschlecht in einem umfassenden Sinne« versteht. Gender per se setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Gender in actu wird subjektiv erlebt und gestaltet, hier unterscheidet Binswanger zwischen Funktionen psychischer Integration und Abwehr. Jedes Gender in actu bildet demnach eine spannungsvolle Einheit. Problematisch wird es, wenn Abwehrfunktionen dominieren.
Ralf Binswanger erläutert und diskutiert – auch anhand von Fallbeispielen – seine hier nur kurz umrissenen Modelle ausführlich und ordnet sie in die Fachliteratur ein. Im zweiten Teil des Buchs unternimmt er, von seinem eigenen Konzept von Sexualität ausgehend, eine Neulektüre von Freuds Partialtriebtheorie und deren Verwendungen in der Psychoanalyse. Auch hier gewinnt die Leserin, was die Überschrift verspricht: »Mehr Klarheit beim Reden über den Trieb«.