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1. Auflage 2025
20.03.2025
Deutsch
295 S.
2.3 x 19.7 x 12.9 cm
PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG
mail@papyrossa.de
Luxemburger Str. 202
DE 50937 Köln
Bodenlos - Wer wird die Welt ernähren?
Umbrüche in Agrobusiness und Tierindustrie, Neue Kleine Bibliothek 336
Unser Tipp für Sie
Dieses Buch füllt eine große Lücke im linken Bücherregal: Es liefert eine verständige, fundierte und sehr gut lesbare Einführung in das Agrarsystem und seine Strukturprobleme, und es zeigt realistische Entwicklungsmöglichkeiten auf.
Um die Landwirtschaft ist es unübersehbar schlecht bestellt. Landbau und Tierproduktion unter kapitalistischen Vorgaben haben den Raubbau an der Natur massiv vorangetrieben. Mittlerweile sind es die kumulierten Schädigungen der Ökosysteme – Klimawandel, Artensterben, Bodendegeneration und neue Krankheitserreger –, die ihrerseits die Landwirtschaft heimsuchen und zu Kompensations- und Ausweichmanövern treiben, bisher ohne Aussicht auf einen Ausweg aus der Spirale. Knappheiten und steigende Preise auf den Nahrungsmärkten sind die Folge. Die wiederum wirken sich ebenso auf die globale Politik aus, wie sie innerhalb von Staaten zum Problem werden: Steigende Reproduktionskosten hemmen die Kapitalverwertung in allen Wirtschaftsbereichen, und sie gefährden den Klassenfrieden. Neue, progressive Arbeiter- und Bäuerinnenbündnisse sucht man aber bisher (fast) vergeblich. Der jüngste Aufstand der Bäuerinnen und Bauern in der BRD konnte definitiv nicht hoffnungsvoll stimmen. Becker bezieht die janusköpfigen Bauernproteste, die als EU-Phänomen eine lange Tradition haben, auf die besondere Klassenlage und ökonomische Position der Agrarproduzent:innen. Die Agrarstruktur ist immer noch kleinbürgerlich geprägt, von Betriebsbesitzer:innen, die selbst wirtschaften, auch wenn viele dieser Betriebe hochtechnisiert und hochverschuldet sind. Das kleinbürgerliche Bauerntum wurde immer staatlich gestützt.
Dass man die eigentliche Land- und Stallwirtschaft Familienbetrieben überlassen hat, liegt auch an der Besonderheit der Agrarproduktion, in der ganz andere Naturabhängigkeiten gegeben sind als in anderen Produktionsbereichen. In der Landwirtschaft sind, wie Becker ausführt, der Subsumtion von Natur und Arbeit unter das Kapital engere Grenzen gesetzt und die Profitmargen mit unkalkulierbaren Schwankungen und Risiken behaftet. Deshalb hat sich ein agrarindustrielles System herausgebildet, in dem sich die gewinnträchtigen Bereiche verselbstständigt haben und die Erzeuger eingeklemmt wurden zwischen industriellen Betriebsmittelherstellern von Düngern, Saatgut, Pestiziden und Maschinen auf der einen Seite, den Abnehmern, also der Lebensmittelindustrie, auf der anderen Seite und den Grundstücksbesitzer:innen. Böden sind global zu einer begehrten Ressource geworden und zu einer attraktiven Anlage für Finanzkapital.
Naturseitig werden sich die Produktionsbedingungen weiter verschlechtern, in vielen Bereichen werden herkömmliche Anbaumethoden nicht mehr funktionieren, Katastrophen werden zunehmen, der Anpassungsdruck wird steigen. Es wird aufgezwungene, dirigierte und improvisierte Anpassungen geben. Aber, schreibt Becker, »es ist nicht irgendwann zu spät, um für eine vernünftige, bessere Anpassung zu kämpfen«.
In mehreren Kapiteln trägt er zusammen, welche Innovationen und Reformideen für den Agrarsektor erprobt und diskutiert werden, um zukünftig die Ernährung zu sichern, von Hochleistungs-Biotechnologie wie Vertical Farming bis Degrowth, Direktsaat und Strukturmaßnahmen. Müssen wir die Produktivkräfte steigern oder zügeln? Diese Frage geht von falschen, ideologisch überfrachteten Grundsätzen aus, befindet Becker. Um sinnvolle und notwendige Maßnahmen von unsinnigen und schädlichen zu trennen, tun wir gut daran, uns von ihr frei zu machen. Sein Fazit: Solawis werden die Welt nicht ernähren können, aber es gibt »durchaus Möglichkeiten, gute Nahrung mit guter Arbeit für alle zu erzeugen« – wenn sich denn die gesellschaftlichen Kräfte zusammenfinden, die daran ein Interesse haben.