James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten

Eine neue Erklärung, wie denn nun zu Urzeiten der Staat der Geschichte entsprungen ist, liefert dieses Buch nicht. Zunächst, weil es den einen Anfang nicht gibt. Der Politologe und Anarchist James C. Scott fasst „Staatlichkeit“ als „institutionelles Kontinuum“, „weniger ein Entweder-oder als ein Mehr oder Weniger“. So sind aus den Gemeinwesen des frühen Mesopotamien, Orten wie Ur, Uruk und Eridu, auf die sich Scotts Untersuchung vor allem bezieht, zwischen 6500 und 3000 v. Chr. erst ganz allmählich ummauerte Kleinstaaten geworden. Schon die vorausgehende neolithische Revolution, die „Domestizierung von Pflanzen, Tieren und Menschen“, an deren Ende das agrarische Dorf steht, hat schlappe 5000 Jahre gedauert, mindestens. Dies ist allgemeiner Stand der Wissenschaft. Originell ist, wie Scott in Die Mühlen der Zivilisation die Befunde der Archäologie zu einer Geschichte kombiniert, in der sich überaus wenig zwangsläufig ergeben hat.

 

Knapp zusammengefasst: Das Delta von Euphrat und Tigris war einst ein üppiges Feuchtgebiet, in dem sich Menschen bevorzugt niederließen, weil sie hier Gartenbau betreiben, sammeln und züchten, jagen und fischen konnten und sich nicht auf eine einzige Subsistenzstrategie verlassen mussten. Die Zivilisation hat in dieser Hinsicht keine Verbesserung gebracht, sie hat die Landschaft nicht fruchtbar gemacht, sondern hat sie – unterstützt durch einen Klimawandel – trockengelegt und kanalisiert, vorrangig für den Feldanbau von Getreide. Diese „verhäuslichte“ Landwirtschaft bedeutete aber, wie Scott ausführlich darlegt, eine schlechtere Nahrungsversorgung und härtere Arbeit für weniger Ertrag. Obendrein breiteten sich durch das enge Zusammenleben von Menschen und Tieren Epidemien aus.

 

Angesichts dieser geballten Nachteile muss der Grund, warum die Ackerweidewirtschaft zur dominanten Form der Landnutzung wurde, anderswo gelegen haben. Laut Scott war es ein politischer: Gemeinwesen sesshafter Bauern bereiteten einem embryonalen Staat nicht einfach die Grundlage, vielmehr wurde der bewässerungsabhängige Getreideanbau selbst zum Mittel von staatlicher Kontrolle und Aneignung. Feldanbau ist sichtbar, messbar, schätzbar und entsprechend einfach zu überwachen, Zerealien sind überdies speicherbar, transportierbar und rationierbar, folglich lassen sie sich gut besteuern, horten und handeln. Der ganze Aufwand ergibt Sinn – wenn man ihn aus der Perspektive eines babylonischen Steuerbeamten betrachtet. Ebenso die Errichtung von Stadtmauern und befestigten Staatsgrenzen, denn ohne diese und ohne Raubzüge in andere Kleinstaaten, mutmaßt Scott, hätte sich das Angebot an Menschen, die man zwingen konnte, Mehrarbeit für eine herrschende Klasse zu leisten, schnell verflüchtigt. „Jeder der frühesten Staaten entwickelte seine eigene Mixtur von Zwangsarbeit“, von Frondiensten bis Sklaverei.

 

Scotts Befunde basieren, wie schon gesagt, auf Forschungen anderer, und sie enthalten, wie jede Archäologie, ein gutes Maß an Spekulation, nur dass er seine Wette nicht mit, sondern gegen den Staat bzw. Against the Grain macht (so der englische Originaltitel, dessen rebellischer Doppelsinn in den Mühlen der Zivilisation leider zerrieben wurde).

 

Die frühen Staatsgebilde waren viel wackliger, als es uns die heute noch erhaltenen babylonischen Mauern suggerieren wollen. „Kleinstaaten im Alluvium hatten, ähnlich wie ihre Einwohner, eine sehr geringe Lebenserwartung. Interregna waren häufiger als ‚Regna‘, und lange Perioden von Zusammenbruch und Zerfall waren gang und gäbe.“

 

Die Mühlen der Zivilisation ist ein sehr aufschlussreiches Stück Gegengeschichte, gar nicht mühselig zu lesen und eine gute Begleitung, ob beim Thora-Studium, bei der Auseinandersetzung mit Marx’ Konzept der ‚asiatischen Produktionsweise‘ oder in der Badewanne.

Scott, James C
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518587294
32,00 € (inkl. MwSt.)