Karsten Krampitz: »Jedermann sei Untertan«. Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert

Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) ist hierzulande eine der größten Arbeitgeberinnen, Grundbesitzerinnen und Restitutionsempfängerinnen. Sie betreibt unzählige soziale Einrichtungen und beansprucht moralische Autorität. Ihre Theologie hat die vorherrschende deutsche Mentalität enorm geprägt. Der Protestantismus ist so allgegenwärtig, dass er kaum noch auffällt. Während der Weihrauch, der aus der katholischen Kirche wabert, zuverlässig antiklerikale Reflexe weckt, wirkt der Ruch des Evangelischen eher einschläfernd. Krampitz, Geschichte des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert macht hingegen munter, ist äußerst anregend, und nach dem Lesen ist man klüger als zuvor.

Man versteht endlich, dass der Konflikt zwischen „Deutschen Christen“ und „Bekennender Kirche“ nichts mit Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu tun hat. Einzelne Protestanten und vor allem Protestantinnen leisteten antifaschistischen Widerstand, ihre Kirche hingegen wirkte aktiv und eigeninitiativ an den schlimmsten NS-Verbrechen mit: Sie beutete Zwangsarbeit aus. Menschen in ihrer Obhut wurden zwangssterilisiert und im Rahmen der „Euthanasie“ ermordet. In Kirchenbüchern wurde nach getauften Juden und ihren Nachkommen gefahndet, um die eigenen Glaubens­brüder und -schwestern dem Massenmord auszuliefern.

Über die Rolle der EKD in der DDR kursieren allerlei und oft verwirrende Vorstellungen. Die entsprechenden Kapitel sind besonders spannend. Das Verhältnis zwischen EKD und sozialistischem Staat war keinesfalls eindeutig und durchgehend so feindselig, wie gerne glauben gemacht wurde und wird. So wird in der Geschichtsschreibung meist diskret darüber hinweggegangen, dass auch die DDR enorm hohe Summen an die Kirche zahlte, jährlich etwa 15 Millionen Mark. Dennoch übte die „Kirche im Sozialismus“ weniger schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft aus als jemals zuvor. Sie war, wie Krampitz schreibt, „Sand im Getriebe des SED-Staates – aber auch dessen (Ersatz-)Motor“.

Es ist ein Segen, wenn Historiker*innen gut erzählen können! Krampitz präsentiert den komplizierten und trockenen Stoff übersichtlich. Er formuliert, wo es geboten ist, pointierte Kritik, ohne jemals in gehässige Denunziation zu verfallen. Gehet hin und leset!

Krampitz, Karsten
Alibri Verlag Gunnar Schedel
ISBN/EAN: 9783865692474
20,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Geschichte