Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats

Während sich die kleine Louise Michel in den 1830er Jahren noch auf einem zerfallenden Schloss mit Voltaire und katholischer Mystik im wilden Denken übt, lassen sich ältere Zeitgenossen über den „prosaischen“ Charakter der modernen Welt aus. Die Industrialisierung schreitet voran und mit ihr wächst der „buntscheckige Haufen“ der Proletarisierten. Als Klasse der Besitzlosen teilen sie zunächst nicht viel miteinander, nicht Herkunft, nicht Heimat, keine gemeinsame Sprache und schon gar kein politisches Bewusstsein. Der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe erforscht in seiner anregend geschriebenen Studie, auf welchen Wegen dieses neue soziale Kollektiv in der literarischen Kultur des Vormärz, also in der Zeit vor den Revolutionen von 1848, in Erzählungen, Bildern und neuen Begriffen seine Gestalt findet. Jene frühe Poesie des Proletariats war noch sehr offen in ihrem Umgang mit den Widersprüchen, die die Klasse im Innersten ausmachen: Das Wir des Proletariats muss ein flüchtiges und unbestimmtes bleiben; es geht um die Behauptung eines Standes, nur um ihn schnellst möglich loszuwerden. Wenn es Traditionen zu erfinden gilt, dann, um sich der eigenen Ansprüche an ein schöneres Leben zu vergewissern, und gerade nicht, um die Gegenwart rückwärtsgewandt auf Dauer zu stellen. Auch das ist „romantischer Antikapitalismus“, und in einiger Hinsicht könnte er für unsere heutige Zeit noch immer, oder: wieder vorbildlich sein.


Bibliographie
Tipp
book_2
Die Poesie der Klasse
Patrick Eiden-Offe
Die Poesie der Klasse
Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats
EAN: 978-3-95757-398-8
Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte dieses zunächst noch nicht als formierte, homogene Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, die den Weg in die bessere Zukunft vorgeben. Die buntscheckige Erscheinung, die Träume und Sehnsüchte dieser allen ständischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie - ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren - von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten. In seiner bahnbrechenden Studie verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit die Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts aus ihren eindimensionalen Sichtachsen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.

Nicht lieferbar

30,00 €
Kategorie