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Andreas Speit: Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus

Alternativ heißt nicht gleich marginal. Über Gesundheits- und Ernährungslehren, psychotherapeutische und sozialarbeiterische Methoden, Coaching- und Management-Konzepte sickern Versatzstücke esoterischen Denkens ins Alltagsbewusstsein ein. Nicht jede, die Achtsamkeitsübungen praktiziert, auf ihr Inneres Kind hört und bei der Gymnastik die Energie fließen spürt, ist hartgesottene Esoterikerin. Und die allermeisten, die die Produkte anthroposophischer Unternehmen konsumieren, scheren sich wahrscheinlich nicht die Bohne um die Lehren Rudolf Steiners. Viele wollen einfach nur gesünder essen, weniger umweltschädigend einkaufen, ihren Alltag besser bewältigen und ihre Sehnsucht nach Sinn und Harmonie nicht kritisch reflektieren. Aber Obacht bei der Achtsamkeit! Nur weil esoterische Ideen allgegenwärtig sind, sind sie nicht harmlos. Bei der Suche nach „individuellen Lebenskonzepten, der Hinwendung zur alternativen Medizin oder Spiritualität, dem Eintreten für Tierrechte und dem Schutz der Natur“ sind „antihumanistische Argumentationen und antiemanzipatorische Ressentiments virulent“. Insbesondere Antifeminismus und Antisemitismus tauchen seit der Lebensreformbewegung des 19.  im Zusammenhang mit Impfgegnerschaft, Alternativmedizin u. ä. immer wieder auf. So wird verständlicher, dass Leute, die bis dato politisch eher unauffällig waren, in Reaktion auf die Corona-Pandemie gemeinsam mit herkömmlichen Neonazis aufmarschieren. 

Das Buch ist überaus nützlich für die Auseinandersetzung mit der Querdenker-Bewegung und ein eindringlicher Appell, auch dann klare Kante gegen antihumanistische Tendenzen zu zeigen, wenn sie alternativ verbrämt sind.