Antonia von der Behrens (Hg.): Kein Schlusswort. Nazi-Terror, Sicherheitsbehörden, Unterstützernetzwerk. Plädoyers im NSU-Prozess

Lesen bereichert den Wortschatz. Die neuen Wörter, die ich der Lektüre von Kein Schlusswort verdanke, lauten: tatermöglichend und erkenntniswidrig. Tatermöglichend waren die teils dilettantischen Ermittlungen und der institutionelle Rassismus der zuständigen Behörden. Erkenntniswidrig war die Ignoranz der Staatsanwaltschaft gegenüber allen Tatsachen und Indizien, die ihre These vom isoliert agierenden NSU-Trio hinfällig machen.

Ein Buch, das den NSU-Komplex übersichtlich darstellt, gibt es nicht, solange der NSU-Komplex nicht aufgeklärt ist. Ein Schluss, den man aus dem Münchner Prozess ziehen kann, ist, dass Aufklärung nur auf politischen Druck aus der Gesellschaft erfolgt. Kein Schlusswort, der Band mit Plädoyers der Nebenklage, ist – wenn auch bei weitem nicht vollständig – so doch das bislang Übersichtlichste unter den aktuellen Büchern zum Thema, weil es Analyse mit der Bestandsaufnahme unstrittiger Tatsachen verbindet.

Übersicht über die 30 (dreißig!) V-Männer, die die fünf Angeklagten sowie Böhnhardt und Mundlos flankiert haben und von denen nur einige im Prozess als Zeugen gehört wurden, gibt Gamze Kubaşıks Anwalt Sebastian Scharmer mit einer Reihe von Schaubildern in seinem engagierten Plädoyer. In beeindruckender Dichte schildert Peer Stolle die Atmosphäre der 1990er Jahre in Ostdeutschland und die Entstehung des NSU im Schatten schwarz-rot-goldener Fahnenmeere. Wie unmittelbar der NSU neonazistische Ideologie und Strategie in die Praxis umgesetzt hat, stellt Alexander Hoffmann gut dar. Die schweren Folgen der Verbrechen und der Ermittlungen für die Hinterbliebenen und Opfer werden teils von ihnen selbst geschildert. Manche von ihnen mussten regelrecht darum kämpfen, überhaupt als Opfer anerkannt und zur Nebenklage zugelassen zu werden. So etwa eine Frau, die sich während der Explosion in der Keup­straße zufällig gerade in dem Zimmer der Wohnung aufhielt, in das die Nägel der Bombe nicht reichten. Oder ein Mann, auf den bei dem ersten bekannten Raubüberfall in Chemnitz geschossen worden ist. Wer der dritte Täter bei dem Überfall war, ist noch nicht bekannt. Es braucht keine überspannte Fantasie, um sich vorzustellen, dass er immer noch in Chemnitz herummarschiert.

Arif S., ein Überlebender aus der Keup­straße, sagt: „Überall, wo ich hingehe, spaziere, herumlaufe, bin ich immer noch in Furcht. Denn solange die wahren Täter nicht gefasst und der Justiz übergeben sind, werden meine Ängste weiter bestehen. Solange der Staat ihnen Toleranz entgegenbringt, werden sie ungestört tun und lassen, was sie wollen.“

Erkenntniswidrig wäre es, das Urteil im NSU-Prozess als Schlusswort zu akzeptieren. Tatermöglichend sind die deutschen Zustände.

Antonia von der Behrens
VSA Verlag
ISBN/EAN: 9783899657920
19,80 € (inkl. MwSt.)