Mathias Wörsching: Faschismustheorien. Überblick und Einführung

In den Achtzigern hat man schlicht „Faschos“ gesagt, inzwischen ist von extrem Rechten und Rechtsextremen die Rede, von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, konformistischer Rebellion und völkischem Autoritarismus, von rechtspopulistisch oder zaghaft von rechtsoffen, reichlich reduziert von Rassist*innen oder nicht sehr geschichtsbewusst und doch irgendwie treffend von Nazis. In der Vielzahl von Bezeichnungen drückt sich eine gewisse Unsicherheit aus, mit was überhaupt man es zu tun hat. Tatsächlich gibt es keine verbindliche Definition von Faschismus, dafür aber viele Faschismustheorien. Mathias Wörschings schlicht und elegant geschriebenes Buch bietet einen Überblick, regt zur Lektüre der Originaltexte an und ist zum Nachschlagen sehr nützlich. Von der wissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung des Faschismus lässt sich freilich nicht unmittelbar ein Rezept zu seiner Bekämpfung ableiten. Immerhin kann man in der Rückschau sehen, dass eine falsche Theorie zu fatalen politischen Fehlern verleitet.

Faschismustheorien gibt es mindestens, seit es Faschismus gibt. Marx Buch über den Staatsstreich Napoleons, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, ist sozusagen der Urtext. Nach einem Abriss ihrer Entstehungsgeschichte stellt Wörsching die verschiedenen Theorien bzw. prominenten Texte, die seither über den Faschismus verfasst wurden, chronologisch und – so gut das möglich ist – systematisch geordnet vor. Angefangen mit den frühen Analysen vor allem aus der Arbeiterbewegung (von Zetkin über Trotzki bis Borkenau) über die Strukturanalysen aus der Kritischen Theorie, psychoanalytische Theorien, die mehr oder minder orthodoxen marxistischen Ansätze nach 1945, neuere Theorien von Sternhell, Mosse, Breuer bis hin zu Paxtons Phasenmodell, um nur einige Namen zu nennen. Allein ein Blick ins Inhaltsverzeichnis macht schon klüger! Wörsching stellt bei jedem dieser Ansätze heraus, welche Aspekte des Faschismus jeweils in den Vordergrund rücken und welche in den Hintergrund geraten. Es geht ihm weniger um die Mängel als um das „Wahrheitsmoment“ einer Theorie.

Im letzten Abschnitt diskutiert Wörsching „einige historische, aktuelle und zukünftige Probleme der Faschimustheorie“. Wie sind zeitgenössische extrem rechte Strömungen und Regierungen in Europa einzuordnen? Ist es angemessen und nützlich, bestimmte außereuropäische Bewegungen und Regimes, wie etwa Japan, den Hindunationalismus und natürlich den Dschihadismus als Faschismus zu analysieren? Diese Fragen werden aufgeworfen, aber freilich nicht abschließend beantwortet. Das müsste wohl im größeren Stil diskutiert werden. Eine Grundlage dafür bietet dieses Buch. Alerta Theorie!

Wörsching, Mathias/Kunow, Fabian
Schmetterling Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783896576736
12,00 € (inkl. MwSt.)