Richard Schuberth: Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung.
Das identitätspolitische Lesebuch
„Als Richard Schuberth sich an den Schreibtisch setzte, um eine umfassende Kritik der Identitätspolitik (und ihrer Kritiker) zu schreiben, musste er feststellen, dass das Wesentliche dazu schon längst gesagt wurde, von anderen, aber – zu seinem Erstaunen – auch von ihm selbst. [...] So beschloss er kurzerhand eine Anthologie herauszugeben.“
Lieber Richard Schuberth, das war eine super Idee. Danke dafür! Die Sammlung von Texten, Radiostücken, Interviews, Collagen und Aphorismen aus über 25 Jahren Auseinandersetzung mit (linkem) Nationbuilding, (Nicht-)Identität, (relativer) Andersheit, (falscher) Correctness, (den Freuden) kultureller Aneignung usw. ist ein Fundus im besten Sinne. Das Buch ist ein Erste-Hilfe-Kasten für alle, die an den mit schlechten Polemiken zugemüllten Debatten verzweifeln und nicht mehr wissen, wo noch ansetzen; eine Gedächtnis- und Denkstütze, wenn das polarisierte Gelaber übernimmt und du dich fragst: Wo fing das eigentlich an und wie kommen wir da raus?
Das etwas unbeholfene Label „Lesebuch“, hier macht es Sinn: Die Welt als guter Wille und schlechte Vorstellung taugt nicht dazu, ungelesen im Regal zu stehen, repräsentiert nichts, liefert keinen richtigen Standpunkt frei Haus. Keine Gesamtkritik, nur Puzzleteilchen, die kein Ganzes ergeben, weil das Fragmentarische und Unabgeschlossene der Sache (Identitätspolitik) wie auch ihrer Kritik entspricht. Die „permanenten Diskursverkleisterungen“ aufzulösen, „auseinanderzuklauben was nicht zusammengehört“ und falsche Alternativen zu zerschießen, ist ein Job, der an kein Ende kommen kann.
Kritisches Denken „muss den Anspruch einer nie vollendeten und stets wartungsbedürftigen Vernunft aus den Drecksfingern der ‚westlichen Wertegemeinschaft‘ befreien und ihn zugleich vor den Drecksfingern eines postkolonialen Kulturrelativismus bewahren, der sie allein als ‚weißes‘ Herrschaftsdenken punzieren will.“ Im Sowohl-als-Auch darf es nicht steckenbleiben. Auch Ironie und Humor sind im politischen Kontext nix zum Abfeiern, aber sie sind essenziell, um ungelöste Widersprüche offenzuhalten. Spott hilft gegen jeden Rigorismus, auch gegen den der zwanghaft Inkorrekten.