Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat

Der Evolutionsbiologe und Virologe Rob Wallace hat früh gemerkt, dass Mikroskope und Gen-Sequenzierung nur bedingt hilfreich sind, um die Frage zu beantworten, warum Epidemien wie Vogelgrippe, Ebola und SARS auftauchen. Warum entsteht ein neuer Erreger an einem bestimmten Ort, und wie verbreitet er sich? Inzwischen hat es sich unter Epidemiologen herumgesprochen und im Zuge der Covid-Pandemie auch die Feuilletons erreicht: Ursächlich für die neuen Epidemien ist die Zerstörung von Wildtierhabitaten durch die industrielle Landwirtschaft, durch Besiedelung und Plünderung. Im Ergebnis haben sich Zonen, in denen es zu Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen kommt, in denen Pathogene also überhaupt von einer Spezies auf die andere überspringen können, enorm ausgeweitet. Sogenannte Zoonosen, die früher seltener waren, sind heute vorprogrammiert. Hinzu kommt die industrielle Vieh- und Geflügelzucht, die auf der ganzen Welt expandiert. Auf maximalen Turnover getrimmt fungieren die Zucht- und Mastanlagen als Evolutionsbeschleuniger für Krankheitserreger: Big farms make big flu.

Mit der Methode ‚Isolieren und Bekämpfen‘ ist dieser Dynamik nicht beizukommen. Wallace zeigt nicht nur, wo spezialisierte Wissenschaft und Medizin an Grenzen stoßen, er ist ein Pionier einer wirklich transdisziplinären Forschung, welche Virologie und Gesundheitswissenschaft in die politische Ökonomie einbindet.

Neben Fallstudien und Forschungskritik enthält der vorliegende Band Artikel, in denen Wallace die Rolle von Agrarunternehmen, Regierungen, WHO und NGOs untersucht. Auch ein ‚grüner‘ Kapitalismus wird Ernährungskrisen und die Zerstörung von Ökosystemen nicht stoppen. Man macht nur den sprichwörtlichen Bock zum Gärtner, wenn das Problem zu einer Sache der ‚Biosicherheit‘ erklärt wird, für die das Agrobusiness die Lösung haben soll. Denn die Vernutzung von Ressourcen und die Externalisierung von Kosten und Schäden sind keine korrigierbaren Nebeneffekte, sie sind die Grundlage der Wertschöpfung im Kapitalismus!

Mit der nüchternen Unverdrossenheit des Evolutionsbiologen, dem präsent ist, dass die entwickelte Menschheit, aus der Perspektive der Mikroorganismen betrachtet, nur eine „Verkehrsschwelle auf einer Straße (ist), die ganz woanders hinführt“, hat Rob Wallace sich in letzter Zeit der Erforschung von Alternativen für eine langfristig sichere Nahrungsversorgung zugewandt.

Ergänzt durch eine Einführung von Matthias Becker setzen die hier versammelten, gut edierten Texte von Rob Wallace die richtigen Maßstäbe an die aktuelle pandemische Katastrophe an, die so gar nicht über Nacht über die Welt hereingebrochen ist.


Bibliographie
Tipp
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Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat
Rob Wallace
Was COVID-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat
EAN: 978-3-89438-738-9
Seitdem Menschen sesshafte Landwirtschaft betreiben, kommt es immer wieder zu tödlichen Epidemien. Aber warum nehmen diese Infektionen heute die Form weltweiter Pandemien an, so wie es bei COVID-19, SARS, MERS oder der Vogelgrippe der Fall war? Warum häufen sie sich - und was lässt sich dagegen unternehmen? Der US-amerikanische Biologe Rob Wallace erklärt, wie Pandemien entstehen und warum sie sich global ausbreiten. In seiner Analyse berücksichtigt er die evolutionäre Dynamik der Krankheitserreger ebenso wie die gegenwärtigen ökologischen und ökonomischen Strukturen. So skizziert er eine politische Virologie, die den 'Eigensinn der Mikroben' ebenso berücksichtigt wie Freihandelsverträge, Tierzuchtmethoden und die Eigentumsverhältnisse. Die Ursache von COVID-19 sieht er in weltweit schwindender Biodiversität, Landübernutzung und Massentierhaltung, kurz: im herrschenden kapitalistischen Nahrungsregime. Und solange der ökologische Raubbau anhält, erklärt Rob Wallace, werden Epidemien außer Kontrolle geraten. 'Ganzheitliche, radikale Wissenschaft von den Frontlinien des Kampfes gegen auftauchende Seuchen. Mit dem Weitwinkel der Politischen Ökologie betont Rob Wallace die ­zentrale Rolle des Agrobusiness und der Fast-Food-Industrie für die Entwicklung von Pandemien, die unseren gesamten Planeten bedrohen. Ein Meilenstein.' Mike Davis, Autor von City of Quartz und Planet der Slums 'Das Buch zieht wichtige Verbindungen zwischen ­industrieller Landwirtschaft, Umweltzerstörung und Virus-­Epidemien. Wallace verknüpft gekonnt die politische ­Analyse von bio­logischen mit ökonomischen Phänomenen, um die Bedeutung von geographischen Orten, Kapital und Macht rund um die Dynamiken von Seuchenausbrüchen zu erklären.' Adia Benton, Northwestern University, Evanston/Chicago

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