Theodor Lessing: Der Lärm
Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens
Wer je unter Lärm gelitten hat, wird mit Genugtuung Lessings Tiraden gegen die endlose, quälende Kakophonie von Störgeräuschen lesen: Das Rumoren, Getöse und Gehämmer von Maschinen und Werkzeug, das Türenschlagen, Getrampel und Gebrüll, das »grundlose Gellquietschen von Gassenjungen« und ebenso die lautstarke »Disziplinlosigkeit, Primitivität und rüpelhafte Unkultur des durchschnittlichen Mannes«. Der Gipfel der Tyrannei ist schon 1908 das Automobil, das die Morphologie der Stadt vollkommen verändert hat. »Riesenautos, Achthundertpfünder« dröhnen durch die Stadt, vergiften die Luft und bleichen das Grün der wenigen Bäume. »Die heilige Theresa hat die Hölle als Ort definiert, wo es stinkt und man nicht liebt. Vielleicht hat sie an die Friedrichstraße in Berlin gedacht.«
Jede Arbeit in Farbrikhöllen und Schwitzschachten wird von rhythmisiertem Lärm begleitet, und die Freizeitindustrie steht dem in Nichts nach. Die so genannten Erholungsstätten sind von überlauter und schlechter Musik beschallt. Auch in Politik, Kunst und Kultur wird tüchtig auf die Pauke gehauen, ja selbst im privaten Gespräch wird alles an die große Glocke gehängt.
Theodor Lessing gesteht dem Lärm durchaus eine Daseinsberechtigung zu, mehr noch: »Er ist uns ein großer Segen, denn – er betäubt.« Ununterbrochene Bewusstheit ist unerträglich, die Suche nach Betäubung durch Getöse ist ein menschliches Bedürfnis, eine »Seelenmacht«. Daneben verschaffen sich im Lärm aber auch Aggression und Machtstreben Geltung. Dem entgegen steht das ebenso menschliche Bedürfnis nach Besinnung, Differenzierung und Kultivierung. Dieses Bedürfnis verteidigt Lessing gegen die ihrer Natur nach expansive Rohheit und Unkultur. Das Buch ist also keineswegs ein kulturpessimistisches Lamento eines idiosynkratischen Miesepeters. Es ist eine Kampfschrift! Der Feingeist ist aus Not zum Aktivisten geworden. Er spart nicht mit Selbstironie und meint es dabei ernst: Sucht und findet Mittel, den ubiquitären geisttötenden Lärm einzudämmen und die Welt so besser und gerechter einzurichten! Allein schon wegen dieser Haltung, sich nicht dem scheinbar Unausweichlichen zu ergeben, sondern dem Einhalt zu gebieten, was unzweideutig Schaden anrichtet, ist die Lektüre heutzutage, wo schon die allereinfachsten, klitzekleinsten Reformen wie etwa ein Tempolimit als undurchführbare Utopie gelten, erfrischend.
Der 1872 in Hannover geborene Lessing gründete den Deutschen Antilärm-Verein und gab das Vereinsorgan »Der Anti-Rüpel. Monatsblätter zum Kampf gegen Lärm, Rohheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben« heraus. Sein Brot verdiente er als Aushilfslehrer, Privatdozent für Pädagogik und Philosophie, außerdem war er ein sehr bekannter Publizist. Aufsehen erregte seine Studie über Hindenburg, in der er eindringlich vor dessen Wahl zum Reichspräsidenten warnt. Das trug ihm den Hass völkischer Kreise ein, die schließlich erreichten, dass ihm 1926 die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Lessing war Sozialist, Zionist und kämpfte gemeinsam mit seiner Frau Ada Lessing für das Frauenwahlrecht. Am 31. August 1933 wurde Lessing im tschechoslowakischen Exil von Nazi-Auftragskillern erschossen. Angeblich hatte Goebbels persönlich 80.000 Reichsmark Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.