Ahmed Saadawi: Frankenstein in Bagdad

Im Jahr 2005 ist Bagdad eine zerrissene Stadt. Inländische und ausländische Sicherheitskräfte, sunnitische und schiitische Milizen sind in einem Guerillakrieg verfangen, aus dem kein Ausweg in Sicht ist. Selbst das „Amt für Beobachtung und Beurteilung“, in dem altgediente Baathisten Astrologen und andere Mitarbeiter mit hellseherischen Fähigkeiten beschäftigen, weiß keine Lösung. Ihrer geheimdienstlichen Weisheit letzter Schluss ist derselbe wie überall: Man kontrolliert noch immer den Terror am besten, den man selbst verübt. Wer an Macht interessiert ist, muss in einer solchen Situation flexibel bleiben in der Wahl der Bündnispartner. An gut gelaunten Netzwerkern mangelt es in Bagdad nicht.

Für diese Sorte Bürgerkrieg stellt die Zivilbevölkerung das Heer der Statist*in-nen: Bombenattentäter benötigen Leiber, um sie zu zerfetzen, Sicherheitskräfte brauchen Viertel, die sie abriegeln, Häuser, die sie stürmen und Bewohner*innen, die sie verhören können, und Netzwerker*innen brauchen Handlanger. Darum versuchen die Leute, die Bagdad nicht verlassen können oder wollen, im Schatten zu bleiben. Man bewegt sich möglichst wenig, verfolgt den Terror gemeinsam am Fernsehbildschirm und lebt von der Hoffnung, nicht von ihm erfasst zu werden.

Der Trödler Hadi versorgt seine Nachbarschaft mit Gebrauchtwaren aus aufgelösten Haushalten. Nachschub gibt es bei ihm ohne Ende, auch an Lügenmärchen, mit denen er seine Zuhörer beim Tee unterhält. Doch dann widerfährt ihm eine Geschichte, die er selbst am liebsten ins Reich der Phantasie gebannt sähe.

Auf der Straße hat er Körperteile von Menschen aufgelesen, die bei Anschlägen getötet wurden. Er ist der Kesselflicker, der Dinge heile macht, und so vernäht er die Gliedmaßen zu einem Leichnam, dem wenigstens die Würde einer Beerdigung und die Trauer der Lebenden zuteil werden sollen. Obwohl sein Schöpfer also das Gegenteil eines Dr. Frankenstein ist und er beim Leichenrecycling nicht am entferntesten an künstliches Leben denkt, passiert das Ungeheuerliche: Eine umherirrende Seele findet den Korpus und schlüpft hinein. „Der ohne Namen“, von Hadi „der Soundso“ genannt, muss als Untoter in Bagdad umgehen. Erst, wenn das letzte der Kriegsopfer, aus denen er gemacht wurde, gesühnt ist, kann er zur ewigen Ruhe kommen. Der Soundso wird zum Rächer in der Nacht, dabei bleiben seine verwesenden Hände nicht lange sauber, er macht sich selbst schuldig.

Gleichzeitig zieht sein Auftauchen vielfältige Sehnsüchte auf sich. Sie alle soll er personifizieren: Den endlich aus dem Krieg heimgekehrten Sohn, den idealen zukünftigen Gesamtiraker, den erwarteten Propheten und Heiland. Und natürlich wird der Soundso zum gesuchten Public Enemy No.1, zum Dorn im Auge von Sicherheitskräften und Milizen. Für Machmud Sawadi, einen jungen Journalisten, könnte er, vielleicht, die Story seines Lebens werden.

Ahmed Saadawi hat mit Frankenstein in Bagdad einen kunstvoll verwickelten und packenden Roman geschrieben, in dem noch viel mehr steckt, als die Metapher des Monsters, das der Krieg gebiert, fasst. In diesen Tagen im Herbst 2019 zeigt sich, dass das „unsichtbare Räderwerk, gerostet, weil zu selten gebraucht“, sich endlich wieder in Bewegung setzt: Die Leute in Bagdad gehen hinaus auf die offene Straße, um ein Ende des Unrechts zu verlangen.

Saadawi, Ahmed
Assoziation A
ISBN/EAN: 9783862414727
22,00 € (inkl. MwSt.)