Darja Serenko: Mädchen und Institutionen

Geschichten aus dem Totalitarismus

Im Februar 2022 wird Darja Serenko in einem Moskauer Café festgenommen und wegen eines Wahlaufrufs, den sie auf Instagram gepostet hatte, zu zwei Wochen Haft verurteilt. Am 23. Februar wird sie entlassen, am 24. greift Russland die Ukraine an, am 25. gründet Serenko mit anderen die Feministische Antikriegsbewegung. Mittlerweile befindet sie sich in Georgien im Exil.

Ihr jetzt im Suhrkamp Verlag erschienenes Buch enthält zum einen Serenkos Aufzeichnungen über die Haft und den Kriegszustand. Der andere, titelgebende Teil des Buchs erschien in Russland noch im Jahr 2021. Mädchen und Institutionen erzählt Geschichten aus der Arbeitswelt von Frauen im staatlichen Kulturbetrieb. Ein »vielarmiges und -beiniges Mädchenwesen« wird mittels verzopfter bürokratischer Überwachung und peinlicher Betriebsrituale »zu einem unförmigen Klumpen zusammengepappt«. Zur Ruhe kommen darf der Klumpen nicht, denn auch der russische Kulturbetrieb ist längst auf Projektwirtschaft umgestellt: Stellen werden heute eingerichtet und morgen wieder gestrichen, alles ist befristet, die Gehälter werden immer schlechter. An den Events, die die Frauen auf die Beine stellen sollen, merkt man, was politisch Phase ist: Begangen wird der Tag Russlands, der Tag der Staatsflagge, der Tag der russischen Sprache. Darja Serenko geht es jedoch weniger um Realsatire, sie setzt vielmehr jenes surreale Wir in Szene, zu dem die »Mädchen« gezwungenermaßen werden, dem sie ausgeliefert sind, in dem sie sich aber auch verbergen und umeinander kümmern.


Bibliographie
Tipp
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Mädchen und Institutionen
Darja Serenko
Mädchen und Institutionen
Geschichten aus dem Totalitarismus - Eine Feministin gegen Putins Russland
EAN: 978-3-518-43137-5
Im November 2021 erscheint in Moskau ein schmales Buch mit dem Titel Mädchen und Institutionen. Darin erzählt die Dichterin und Aktivistin Darja Serenko lakonische Geschichten von den vielen jungen Frauen, die ihr Dasein in den staatlichen Kultureinrichtungen fristen. Es ist eine absurde patriarchale Welt, in der zwar sporadische Solidarität der 'Mädchen' untereinander, vor allem aber Misogynie, Bürokratie und Intrige herrschen, grundiert von anschwellendem autokratischem Rauschen. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine geht die Fiktion in einer pervertierten neuen Wirklichkeit auf. Serenko wird aus politischen Motiven für 15 Tage inhaftiert. Noch in der Arrestzelle beginnt sie, ihre Erfahrungen und Gedanken in kurze Texte und Prosagedichte zu fassen. Diese Texte mit dem Titel 'Ich wünsche Asche meinem Haus' sind eine wütende und schmerzhafte poetische Auseinandersetzung mit der Gewalt, die der Krieg vor allem für Frauen bedeutet, mit drängenden Fragen von Verantwortung und Schuld, mit Exil, Aktivismus und Widerstand. In Russland können sie nicht erscheinen. Mädchen und Institutionen. Geschichten aus dem Totalitarismus versammelt Darja Serenkos literarische Erzählungen aus der unmittelbaren Vorkriegszeit und ihre mit poetischen Mitteln geführte Selbstbefragung nach Kriegsbeginn erstmals in einem Band. Der Zeitenbruch vom 24. Februar 2022, der die Welt vom Vorher trennte, hat auch die Bedingungen ihres Schreibens radikal umgestürzt.

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