Jonathan Guggenberger: Opferkunst
»Palestine will set us free« ist der Titel des Kunstwerks, das der irische Performance-künstler Aaron Geldof auf der Biennale in Venedig präsentiert. Das Kunstwerk besteht darin, dass sich der Künstler unbekleidet bis auf eine Kufiya, die als Lendenschurz um seine schmalen Hüften geschlungen ist, an ein drei Meter hohes Kreuz binden lässt und sich schließlich selbst anzündet. Während sich der entsetzliche Geruch brennenden Menschenfleischs ausbreitet, leuchtet dort, wo an Kruzifixen die Jesus von Nazareth als König der Juden verhöhnende Inschrift INRI prangt, eine LED-Leuchtschrift auf: »Palestine will set us free! Palestine will live forever!«
Nun schlägt die Stunde des jungen, ambitionierten Feuilletonisten und Ich-Erzählers Lorenz Knüppel. Er war nicht nur Augenzeuge der tödlichen Performance, sondern auch intimer Freund des Künstlers. Er soll, so erwartet es seine Redakteurin, der interessierten Öffentlichkeit dieses schockierende Gesamtkunstwerk verständlich machen. Also rekonstruiert Lorenz die letzten zwei Jahre vor der fatalen Biennale: wie Aaron und er sich bei einer Performance auf einer Insel im Müggelsee kennenlernen, die glücklichen Tage in den queeren Bars und angesagten Galerien Berlins, ihre Erfolge im Kunstbetrieb und auf Instagram, die documenta fifteen, ihre erste Demo auf der Sonnenallee, bei der sie unter der Kufiya knutschen. Lorenz erzählt anschaulich und mit allen aufregenden Details, wie es zu Aarons Kreuzestod gekommen ist.
Jetzt mag man sich denken, ich will das lieber gar nicht so genau wissen. Und überhaupt, diese Kunstschaffenden, für die »Palästina« die Chiffre ist für die totale Erlösung von allen Ärgernissen im Großen und Kleinen – »Wenn es Israel nicht gäbe, hätte Aaron niemals brennen müssen«, ist sich Lorenz sicher. Diese Leute sind so dermaßen drüber, dass es sich nicht mehr satirisch überbieten lässt. Übertreibung ist auch gar nicht nötig, man muss es einfach nur darstellen.