Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

In den 1970er und 1980er Jahren erscheint der kleinen Mimi die Welt einigermaßen in Ordnung. Die Welt ist für sie ein kleines Städtchen an der Havel. Alle Pflasterstraße führen zu den alten Ziegeleien und sind ausgewetzt von den Fuhrwerken, die seit der industriellen Revolution darüber gefahren sind. Auch die Menschen sind von den Ziegeleien gezeichnet. Ob Karl Marx auch dort war, um dem Proletariat zu helfen? Die Omi geht zum Tanzen in den Klub der Volkssolidarität, die Mutter ist Pionierleiterin und trägt gerne Miniröcke, der Vater geht zum Frühschoppen und hat den Hund Biermann getauft. Hitler heißt noch Oliver und wohnt nebenan. Alle miteinander trinken gerne einen über den Durst. Manja Präkels trifft den Ton und beschwört die Atmosphäre in der Provinz während der letzten Jahre der DDR. Die ist bald nach Mimis Jugendweihe Geschichte. Was bis hierhin zumindest aus Kinderperspektive idyllisch schien, erweist sich spätestens jetzt als Trug. Oliver und fast alle anderen Jungs und Mädchen von nebenan werden Nazis, die Gewalt eskaliert. Mimis Geschichte geht nahe, auch weil sie nahe an der Realgeschichte ist. Die Autorin hat unverkennbar eigene Erfahrungen und tatsächliche Ereignisse verarbeitet. Das gilt auch für den Mord an Ingo Ludwig (im Roman Krischi), der bis heute nicht aufgeklärt worden ist. Ihm und Silvio Seydaack, der diese Zeit ebenfalls nicht überlebt hat, ist der Roman gewidmet. Den neonazistischen Terror in den frühen 1990er Jahren haben viele erlebt, aber kaum jemand spricht darüber. Es scheint, als habe man sich beinahe dreißig Jahre lang in einer Art Sprachlosigkeit eingerichtet. Der Roman unterbricht das Schweigen und sei hiermit wärmstens empfohlen!

Präkels, Manja
Verbrecher Verlag
ISBN/EAN: 9783957322722
20,00 €
Kategorie:
Romane/Erzählungen