Marianne Fritz: Die Schwerkraft der Verhältnisse
Dieser schmale Roman hat seinen Platz im himmlischen Bücherregal zwischen Gustave Flauberts Madame Bovary und Thomas Bernhards Gesamtwerk. Eine Dreiecksgeschichte in einer Viererkonstellation, man könnte sagen, ein Roman im Dreivierteltakt. Die schüchterne Berta, die resolute Wilhelmine, der empfindsame Musiklehrer Rudolf. An dessen Stelle kehrt sein Freund Wilhelm aus dem Krieg dorthin zurück, wo er nie war, in die fiktive Stadt mit dem klingenden Namen Donaublau, und nimmt Rudolfs Platz als Vater von Bertas Kindern ein. Je mehr Berta in eine düstere Traumwelt hineindämmert, umso stärker setzt ihr Wilhelmine mit ihrer grausamen Tüchtigkeit zu.
Ein Abstieg in die Niederungen des postnazistisch-österreichischen Kleinbürgergemüts. Erbarmungslos schildert Fritz die Niedertracht und die Beschränktheit in erhabener Tonlage. Nein, sympathisch sind die Figuren nicht, aber dank der Zauberkraft der Literatur lässt man sich trotzdem von ihrem Schicksal berühren, so wie der bekennende Alban-Berg-Hörer Rudolf sich vom Liebreiz eines Strauß-Walzers ergreifen lässt. Wie es den Gesetzen der Tragödie entspricht, endet die Geschichte fatal: doppelter Kindsmord. Die Kinder tot, ihre Mutter und Mörderin Berta verbannt in das ewige Exil der Psychiatrie, Rudolf war ja eh im Feld geblieben. Die Verbliebenen, Wilhelm und Wilhelmine werden ein Paar. Eine Hochzeit ist der klassische Ausgang der Komödie, einer bitterbösen in diesem Fall.
Elfriede Jelinek sagt, vor Marianne Fritz' singulärem Werk könne man nur stehen, »wie ein gläubiger Muslim vor der Kaaba«. Und so ist es: zum Anbeten. Formvollendet, hart, dunkel und von überirdischer Schönheit.