0

Sophia de Mello Breyner Andresen:  Exemplarische Erzählungen

Sophia de Mello Breyner Andresen (1919–2004) gilt als eine der wichtigsten portugiesischen Dichterinnen und ist hierzulande wenig bekannt. Sie entstammt aristokratischen Verhältnissen, verübte Klassenverrat und engagierte sich im Widerstand gegen den Estado Novo, die reaktionäre Diktatur. Nach der Nelkenrevolution 1974 war sie als Abgeordnete des Partido Socialista Mitglied der verfassungsgebenden Versammlung. 1999 erhielt sie als erste Frau den Prémio Camôes, den wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt.

Die Erfahrung der Diktatur prägt die Exemplarischen Erzählungen, die von Korruptheit und dem Pakt der Kirche mit der Herrschaft, von Ungerechtigkeit und der verletzten Würde der Erniedrigten handeln. Der Titel ist eine Reminiszenz an Cervantes, der über seine eigenen Exemplarischen Novellen gesagt hat: „Ich habe sie exemplarisch genannt, denn bei genauer Betrachtung ist keine darunter, aus der sich nicht eine Lehre gewinnen ließe.“ Auch de Mello Breyner Andresens Erzählungen haben Geltung über die portugiesischen Verhältnisse hinaus. 

Die nur zweieinhalb Buchseiten kurze Erzählung Mónica ist eine Satire auf die perfekte bürgerliche Frau. Ihre Dienste sind für die Stabilisierung von Macht und Herrschaft unverzichtbar. Die straffe, gepflegte Erscheinung, Kultiviertheit und Beflissenheit, Kontrolle über sich selbst und den Eindruck, den sie bei anderen hinterlässt – all das prägt das Streben und Trachten von Frauen auch unter heutigen Verhältnissen, so sehr die sich auch von denen der Salazar-Diktatur unterscheiden. 

Die Reise erzählt von einem Paar auf dem Weg in die Ferien. Die beiden genießen das ohne Arbeit verdiente Glück: den Garten, den kühlen Bach, die Sonne, den Schatten, den Apfel, der ihnen in die Hand wächst. Ist das nicht das Paradies? Aber die beiden verirren sich. Um sich zu orientieren, versuchen sie zum Ausgangspunkt zurückzukehren, doch jede Station ihres Weges verschwindet, sobald sie sie verlassen haben.

Auch die Erzählung von den drei Königen aus dem Morgenland interpretiert ein christliches Motiv. Keiner der drei kann sich mit dem Bestehenden arrangieren. Caspar verweigert die Vergötzung der Macht und vereinsamt. Melchior verlässt seinen Palast, nachdem er den Diskussionen der Gelehrten zugehört hat. Balthasar erkennt, dass sich die Armut nicht durch Almosen abschaffen lässt, und wird politisch bzw. befreiungstheologisch explizit: „Dann suche ich nach einem anderen Gesetz und einem anderen Reich.“ Die drei Könige folgen dem Stern ins Ungewisse und lassen sich von der Hoffnung leiten, dass etwas Neues und Besseres in die Welt komme.

De Mello Breyner Andresen ist parteiisch, aber sie macht Literatur nicht zum Instrument politischer Agitation. Die Erzählungen sind formvollendet gearbeitet, ernst und makellos schön. Auch noch in der Übersetzung von Michael Kegler fließt der Rhythmus, kein Wort ist zu viel und jedes hat Klang und Farbe. 

Dt/portug
Einband: Paperback
EAN: 9783961600533
22,00 €inkl. MwSt.

Lieferbar innerhalb 24 Stunden

In den Warenkorb
Kategorie: Romane/Erzählungen