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ISBN/EAN: 978-3-95757-388-9
Einband: gebundenes Buch
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Originaltitel:
Un furieux désir de sacrifice. Le surmusulman
Übersetzer:
Monika Mager , Michael Schmid
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
141 S.
Format (T/L/B):
1.5 x 20.5 x 12.5 cm

Hersteller:
MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH
Andreas Rötzer
info@matthes-seitz-berlin.de
Großbeerenstraße 57A
DE 10965 Berlin
https://www.matthes-seitz-berlin.de/

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Unser Tipp für Sie

Das Interesse an der Geschichte des Islam entsteht oft aus der Auseinandersetzung mit der Bedrohung durch den militanten Islamismus der Gegenwart. Der franco-tunesische Psychoanalytiker und Islamismus-Forscher Fethi Benslama arbeitet seit Jahren mit radikalisierten Jugendlichen in Paris, seine Analysen sind also von klinischer Erfahrung gesättigt und inspiriert. Für Benslama ist Psychoanalyse nicht nur Therapie. Die klinischen Erkenntnisse sind vor allem Anhaltspunkte, „um die kollektiven Kräfte der Gegenzivilisation im Herzen des zivilisierten Menschen und seiner Moral zu erforschen“.

Bei seiner Arbeit beobachtet Benslama Subjekte, die sich mit Selbstvorwürfen quälen, „nicht muslimisch genug“ zu sein. Angefeuert werden diese Selbstvorwürfe durch „Legionen medienwirksamer Prediger“. Der Begriff Übermuslim ist eine Anspielung auf das Freudsche „Über-Ich“, das nicht nur gute und nützliche Funktionen wie Selbstbeobachtung, Gewissen und Idealbildung erfüllt, sondern gelegentlich auch als innerer Tyrann das Subjekt regelrecht terrorisieren kann. Überzeugend wird die begriffliche Anspielung vor allem im Bezug auf Freuds Massenpsychologie, der zufolge Individuen, die eine Masse bilden, ihr individuelles Ich-Ideal durch ein kollektiv geteiltes Objekt ersetzen – mit den bekannten Folgen: Schwächung der intellektuellen Leistung, Ungehemmtheit der Affektivität, Neigung zum Überschreiten aller Grenzen, etc., kurzum: einer beängstigenden Regression der seelischen Tätigkeit. Das von hundert Jahren islamistischer Propaganda etablierte kollektive Selbst-Ideal des Übermuslims ist ein Effekt im Seelenleben, „der auf einer direkten Identifizierung mit dem Über-Ich der Gemeinschaft beruht“.

Benslama untersucht Elemente des militanten Islamismus und macht begreiflicher, wie sie bei den Einzelnen verfangen. Sei es die verstörende Faszination für den Tod, das genießerische Zurschaustellen der eigenen Grausamkeit oder die Obsession von einer vermeintlich idealen Vergangenheit. Fromme Demut pervertiert sich in eine Art „Mensch-Gott-Inzest“; der Theoszientismus, die Überzeugung, der Koran enthalte bereits alles wissenschaftliche und technische Wissen der Moderne, lässt sich bereits im frühen 19. Jahrhundert feststellen. Ein bizarres Beispiel von Misogynie islamistischer Ausprägung bietet der ägyptische Imam Abu Ishaq Al-Houeni, der erklärt, „dass der Kopf der Frau die Vulva ihrer Vagina sei“. Unerschrocken sucht Benslama nach dem verborgenen Sinn im Wahn und kommt zu dem durchaus einleuchtenden Schluss: „Die Weiblichkeit ist heterogen zur Gemeinschaft, sie ist der Ort ihres Abgrundes.“

Wo Gemeinschaft ist, möge Gesellschaft werden. Das ist die Hoffnung, die Benslama hegt, und Voraussetzung dafür, den Übermuslim zu überwinden. Ansätze dazu entdeckt Benslama in der tunesischen Gesellschaft nach dem Sturz der Ben-Ali-Diktatur.

Über Gewalt nachdenken heißt auch, über die Möglichkeiten der Gewaltfreiheit nachzudenken, und Benslamas Essay bietet eine Fülle von Anregungen dazu. Kleine Mängel in der Übersetzung machen die Lektüre nicht immer ganz einfach, doch sie lohnt sich auf alle Fälle.

 

Beschreibung

Warum radikalisieren sich Jugendliche, die weder aus besonders schwierigen Verhältnissen stammen, noch als ungewöhnlich religiös bekannt waren, innerhalb kürzester Zeit zu gewaltbereiten Islamisten und wollen fortan in Syrien oder hierzulande in den Dschihad ziehen? Warum gelingt es islamischen Fundamentalisten weltweit so leicht, moderate Muslime unter Druck zu setzen, weil sie nicht islamisch genug seien? Fethi Benslama, der 15 Jahre in der Pariser Vorstadt mit radikalisierten Jugendlichen gearbeitet hat, zeigt in seinem wegweisenden Essay, dass weder theologische noch soziologische Erklärungsansätze ausreichen, sondern psychologisch gefragt werden muss, welchen seelischen Gewinn die Einzelnen aus der islamistischen Radikalisierung ziehen: Nur wenn wir begreifen, welcher bis zur Tötung von anderen und sich selbst treibende Genuss die Täter motiviert, lassen sich Gegenmittel finden. Benslama demonstriert eindrucksvoll die Aufklärungskraft der Psychoanalyse und zeigt, wie sich in den muslimischen Gemeinschaften das Ideal des Übermuslims etablieren konnte, dem man bis zur völligen Aufopferung nacheifern muss. Er zeigt aber auch, warum die bloße Deradikalisierung die zugrunde liegenden Probleme nicht beseitigen wird, und schlägt andere Lösungsansätze zur Überwindung des Übermuslims vor. Überraschenderweise gibt ihm dafür gerade der Blick auf den von vielen als gescheitert betrachteten Arabischen Frühling Anlass zu einer optimistischen Perspektive.

Über Fethi Benslama

Fethi Benslama, geboren 1951 in Tunis, ist Psychoanalytiker und Professor für Psychoanalyse an der Diderot Universität in Paris. Er gilt als einer der wichtigsten französischsprachigen Forscher des Islamismus und ist Mitglied der tunesischen Akademie der Wissenschaften sowie Autor zahlreicher Bücher über Psychoanalyse und den Islam. Monika Mager, 1949 geboren, ist Mitglied im Vorstand des Lacan-Archivs Bregenz und übersetzt psychoanalytische und kulturgeschichtliche Texte aus dem Französischen, darunter Werke von Jacques Lacan und Serge Leclaire. Michael Schmid, geboren 1950, ist Vorsitzender des Lacan-Archivs. Er ist Psychoanalytiker und war bis vor Kurzem Mitherausgeber der Zeitschrift RISS.