Mythos »Mitte« Oder: Die vergessene Klassenfrage

Vortrag und Diskussion mit Ulf Kadritzke

Politik, die von der Klassenfrage nichts wissen will, hat sich schon immer gerne auf die Mittelschicht oder gar den deutschen ‚Mittelstand‘ berufen. Die Mitte wird zum sozialen Sehnsuchtsort und zugleich zur politisch-moralischen Norm. Kein Wunder, dass es fast alle Parteien in diese Mitte drängt. Trotz der wachsenden sozialen Spaltung ist fast nirgends mehr von einer Klassengesellschaft die Rede. Sozialwissenschaften und Feuilletons sprechen lieber von Ungleichheit und sorgen sich vorzüglich um die angeblichen und tatsächlichen Ängste einer gedankenlos beschworenen Mitte. Im Lichte solcher öffentlichen Diskurse verorten sich viele abhängig Beschäftigte in dieser 'Mittelschicht' – ungeachtet der gemeinsamen Lohnabhängigkeit, die sie mit anderen als Klasse verbindet. Die eingeübte Selbsttäuschung hat eine lange Geschichte.

In seinem Essay 'Mythos »Mitte«' nimmt Ulf Kadritzke diese Mitte-Erzählung zunächst historisch in den Blick. In einem gezielten Rekurs auf Klassenanalysen über die Angestellten der Weimarer Zeit fragt er mit Siegfried Kracauer, Theodor Geiger, Carl Dreyfuss und anderen, was diejenigen, die damals als 'neuer Mittelstand' bezeichnet wurden, als Teil einer übergreifenden Klasse ausmacht. Gemessen an ihren Lebensbedingungen und ihrem Beschäftigungsstatus war die Mehrheit der Angestellten eindeutig proletarisiert. Politisch und kulturell ordneten sich dennoch viele dem 'bürgerlichen Stand' zu. Dieser und andere Widersprüche zwangen die Weimarer Soziologen dazu, den Begriff der Klasse differenzierter zu fassen und damit die realen Verhältnisse genauer zu deuten.

Daran lässt sich heute anknüpfen. Ulf Kadritzke wird vor diesem Hintergrund seine Gedanken zur gegenwärtigen Klassengesellschaft umreißen und ein Gegenbild zu den Befunden einer ‚klassenvergessenen‘ Ungleichheitsforschung entwerfen. Zum abschließenden Disput darüber wird herzlich eingeladen.


Ulf Kadritzke, geboren 1943, war bis 2008 Professor für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Er veröffentlichte Studien zur Arbeits- und Industriesoziologie, zur Soziologie und Ideologie des Managements, zur Geschichte und Soziologie der Angestellten sowie zur Klassenstruktur moderner Gesellschaften. Sein Aufsatz 'Mythos »Mitte« Oder die Entsorgung der Klassenfrage' ist 2017 im Verlag Bertz+Fischer als Buch erschienen.

Das Gespräch mit dem Autor moderiert Marion Liebhold.

Eine Kooperationsveranstaltung vom Buchladen zur schwankenden Weltkugel, Café Morgenrot und der Hellen Panke.



 

calendar_clock Datum & Zeit
02.07.2018 20:00
-
22:00 Uhr
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Mythos 'Mitte'
Ulf Kadritzke
Mythos 'Mitte'
Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage, Kapital & Krise 3
EAN: 978-3-86505-746-4
Nicht nur die Parteien drängt es fast geschlossen in die "Mitte". Der sozial und politisch gemeinte Begriff boomt auch in der öffentlichen Diskussion über den Zustand der deutschen Gesellschaft. Selbst der nahezu verschwundene "Mittelstand" wird nach wie vor beschworen. Er sei, schreibt der Satiriker Richard Schuberth, "die Gesellschaftsschicht, der, seit es sie nicht mehr gibt, alle anzugehören glauben." Trotz der wachsenden sozialen Spaltung ist fast nirgends mehr von einer Klassengesellschaft die Rede. Kadritzkes Essay handelt von diesem Denken jenseits von Klassen, er nimmt in historischer Perspektive die Gegenwart in den Blick. Der Autor erinnert an wichtige Studien zum "neuen Mittelstand" aus der Weimarer Republik - etwa von Siegfried Kracauer - und zeigt ihren aktuellen Erkenntnisertrag, der sich einer produktiven Auseinandersetzung mit der marxschen Theorie verdankt: Sie begreifen die Angestellten, die heute in einer konturlosen "Mitte" verortet werden, als "verdeckte" Fraktion der Klasse der Lohnabhängigen. Sie deuten deren mittelständische Sehnsüchte aus der politischen Ökonomie ihrer Zeit, den Angeboten oder auch nur Versprechen betrieblicher Machtteilhabe - und auch als Antwort auf die Krisen, die der Kapitalismus mit innerer Notwendigkeit hervortreibt. Die Weimarer Analysen erweisen sich als verblüffend aktuell. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist von einer "Mitte-Erzählung" geprägt, die vom Vergessen der Klassen lebt. Das zeigt sich auch im aktuellen Diskurs über das nicht mehr zu leugnende Ausmaß "sozialer Ungleichheit". An aktuell gängigen Sichtweisen und Begriffen legt der Autor dar, wovon wir schweigen, wenn wir heute von der "Mitte" reden. Die Trivialbeschwörung der "Menschen, die das Land in Gang halten", bestimmt die herrschende Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Vom Trugbild einer breiten "Mitte jenseits der Klassen" aber profitieren die wahren Eliten so lange, wie ihnen auf dem Feld der Begriffspolitik die Ungleichheits-Forscher und die öffentlichen Themensalons zur Hand gehen.

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