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Eva Gruberová / Helmut Zeller: Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit

Die EU hat 2018 das Ergebnis einer Befragung von Jüdinnen und Juden über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus veröffentlicht. Für Deutschland fiel es besonders alarmierend aus. In keinem anderen EU-Land gaben mehr Menschen an, antisemitisch belästigt zu werden, und „nirgendwo sonst wurden Juden so oft für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht und angefeindet.“ 44 Prozent der Befragten in Deutschland erwägen auszuwandern. Drei Viertel trauen sich nicht, ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen. Warum, wird klar, wenn man hört bzw. liest, was Jüdinnen und Juden zu sagen haben. Helmut Zeller und Eva Gruberová sind durch die ganze Republik gereist und haben mit Leuten aus jüdischen Gemeinden und Organisationen und auch mit einigen nicht-jüdischen Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, Interviews geführt. Die Berichte ergeben eine erfahrungsgesättigte Bestandsaufnahme der Symptome dieser deutschen Krankheit. Gruberová und Zeller haben gelegentlich Hinweise auf die jüngere deutsche Geschichte und auf wissenschaftliche Befunde angefügt und das Ganze in vier große thematische Kapitel über die virulentesten Erscheinungsformen des Antisemitismus eingeteilt.

Erstens rechte Gewalt und das Schweigen darüber. Es gibt hier im Alltagsbewusstsein und bei Behörden und Justiz eine frappante Wahrnehmungsstörung, wenn nicht noch Ärgeres. Als Ministerin Kramp-Karrenbauer den Anschlag von Halle ein „Alarmzeichen“ nannte, hat sie sich vielleicht verplappert. Aber gedankenloses und geschichtsvergessenes Geschwätz dieser Art steht völlig im Einklang mit dem Gleichmut, mit dem rechte Gewalt in Deutschland hingenommen wird.

Zweitens Antisemitismus in muslimischen Milieus und drittens israelbezogener Antisemitismus, der  leider auch in linken und linksliberalen Kreisen verbreitet ist. Antisemitismus, so Samuel Salzborn, ist das Unvermögen und die Weigerung, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen. Viele Linke und Liberale haben keinen Begriff von Antisemitismus und auch keine Empathie mit Jüdinnen und Juden, für die der Staat Israel eine nie gekannte Sicherheit bedeutet. Das Land ist, wie es die Dortmunder Lehrerin Hanna aus drückt, „eine Insel der Rettung“. 

Das vierte und vielleicht stärkste Kapitel behandelt den Antisemitismus in der ominösen „Mitte der Gesellschaft“. Hier ist die Wahrnehmung für Antisemitismus besonders schlecht entwickelt. Dabei kam und kommt der Judenhass, so die Linguistin und Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel, immer aus „der gebildeten Mitte“. 

Apropos Bildung: Es macht keinen Unterschied, ob Waldorf- oder „Brenn-punkt“-Schule, Schicki-Micki-Gymnasium oder Gesamtschule mit dem „Schule ohne Rassismus“-Prädikat –  das antisemitische Ressentiment in all seinen Formen ist für jüdische Kinder alltäglich und unausweichlich. Was die Interviewpartner*innen über ihre Schulerfahrungen berichten, ist erschütternd und deprimierend.  

Wenn es wieder einmal einen antisemitischen Angriff gegeben hat, heißt es: „Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.“ Hat er ja auch nicht, möchte man antworten, zumindest keinen eigens für ihn reservierten Platz. Er ist überall präsent, in allen ideologischen Lagern, im Kultur- und Bildungsbetrieb, in allen Konfessionen und in esoterischen und konfessionslosen Kreisen, bei Polizei und Justiz, in den Wirtschaftsverbänden und in der Presse. 

Das Buch ist gerade auch für diejenigen, die nicht tagtäglich mit antijüdischem Ressentiment konfrontiert sind, eine hervorragende Gelegenheit zum Realitätsscheck.

Zusatztipps: 

Zu Antisemitismus im postkolonialistischen Kontext: 

Hallisches Jahrbuch 1: Untiefen des Postkolonialismus 

Handreichungen für die Bildungsarbeit mit Argumentationshilfen und einem Abriss des Nahostkonflikts: 

Julia Bernstein: Israelbezogener Antisemitismus. Erkennen, Handeln, Vorbeugen

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Kategorie: Antisemitismus