Joyce Lussu: Weite Wege in die Freiheit. Erinnerungen an die Resistenza 

Die Wege in die Freiheit sind besonders weit, wenn man sie überwiegend zu Fuß und ohne legale Papiere bewältigen muss. Das hat Joyce Lussu aber keineswegs abgeschreckt, wie in ihren Erinnerungen an die Resistenza nachzulesen ist, die bereits im Dezember 1945 unter dem Titel Fronti e Frontiere und mehr als 75 Jahre später endlich auch auf Deutsch erschienen sind.

Ihr Bericht beginnt im Juni 1940 in Paris, als die Deutschen einmarschieren. Gemeinsam mit ihrem Mann Emilio schließt sie sich dem Exodus der nach Süden Flüchtenden an. Der Bericht endet beinahe auf den Tag genau vier Jahre später in Rom. Dort postiert sich Joyce Lussu am Abend des 4. Juni 1944 auf dem Ponte Risorgimento, „um das Schauspiel des erbärmlichen und ungeordneten Rückzugs der Deutschen genüsslich mitanzusehen“.

In der Zwischenzeit hat sie ihren Teil zur deutschen Niederlage beigetragen. In Marseille ist Joyce Teil des „Archivs“, einer Fälscherwerkstatt für Dokumente aller Art. Der Bedarf ist enorm. Ihr Mann Emilio ist damit betraut, die weitere Flucht von besonders gefährdeten Genossinnen und Genossen vor allem aus dem Umfeld von Giustizia & Liberta zu organisieren, und arbeitet zusammen mit der jüdisch-amerikanischen HICEM, der Italian Ladies Garment Workers Union, dem Italian-American Labour Council und dem von Varian Fry geleiten American Emergency Rescue Committee. Joyce produziert nicht nur Ausweisdokumente, sondern gibt Emilio auch Tarnung. Nachdem sie in der Obhut eines windigen Schleppers unter großen Strapazen die Grenze ins faschistische Spanien überquert haben, lackiert sich Joyce, hungrig und durchgefroren wie sie ist, zuallererst die Nägel, um den Anschein eines bürgerlichen Ehepaares zu erwecken. Sie halten sich eine Weile im faschistischen Portugal auf, um von dort für in Casablanca festsitzende Genossen eine Passage nach Amerika zu organisieren. Joyce besucht nebenbei Literaturkurse an der Universität. In England sucht Emilio Bündnispartner für seinen Plan, von Sardinien aus einen Aufstand gegen das italienische Regime zu starten. Unterdessen absolviert Joyce eine Partisanenausbildung, lernt Radiotechnologie, morsen und schießen. Sie kehren via Gibraltar zurück nach Südfrankreich. Als im September 1943 die Deutschen auch den Süden Frankreichs besetzen, wird die Lage immer bedrohlicher. Joyce ist, mit bewundernswerter Kaltblütigkeit, vor allem damit beschäftigt, Fluchten in die Schweiz zu organisieren. Vorübergehend gerät sie in Haft. Nach Mussolinis Abtritt kann das Paar endlich nach Italien zurück, wo es weiterhin im Untergrund an der Befreiung von den deutschen Nationalsozialisten arbeitet. Joyce gelingt es auf abenteuerliche Weise, die Frontlinie nach Süden zu durchqueren, um dort mit Genossen aus den USA Kontakt aufzunehmen. Diese Episode liest man mit angehaltenem Atem, weil es einfach so unwahrscheinlich ist, dass sie es schafft. In den Abbruzzen wimmelt es von deutschen Patrouillen, wo man hintritt, deutsche Minen und deutscher Stacheldraht. Die zerbombten Städte hingegen sind verlassen, die Bevölkerung ist völlig verängstigt und verstört, ausgeplündert und misstrauisch. Joyce Lussu kommt trotzdem durch und kehrt nach erfolgreicher Mission auf demselben Weg zurück nach Rom.

Das Buch liest sich spannend und mitreißend wie ein Abenteuerroman. Lussu ist eine gute Erzählerin, die mit wenigen Worten Situationen, eine Atmosphäre und auch Menschen skizzieren kann. Ihre Erinnerungen enthalten ein Album von Miniaturportraits von Menschen, die im Südwesten Europas gegen Faschismus und Nationalsozialismus gekämpft haben. Jedes Kapitel ist mit dem Namen einer Frau überschrieben, der Lussu auf ihren weiten Wegen begegnet ist. 

In der Vorbemerkung erklärt Joyce Lussu, dieses Buch aus reiner Freude an der persönlichen Erinnerung verfasst zu haben, und gibt sich bescheiden: Ob ihr Vergnügen geteilt werden könne, wisse sie nicht. Ja, es kann geteilt werden – mit der Einschränkung, dass der militärische Sieg über den Faschismus nur von denen als unmittelbares Vergnügen genossen werden kann, die ihn persönlich erkämpft haben. Für die Nachgeborenen bleibt das Lesevergnügen, die Erinnerung und die Ermutigung.

Lussu, Joyce
Mandelbaum Verlag
ISBN/EAN: 9783854769514
20,00 € (inkl. MwSt.)