Manon Garcia: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess

Der Prozess von Mazan im Jahr 2024: Für manche war es eine Meldung unter »Vermischtes«, für andere eine fundamentale Erschütterung des Weltvertrauens und zugleich Hoffnung auf Gerechtigkeit. 50 Männer waren der Vergewaltigung von Gisèle Pelicot angeklagt. Ihr Ehemann, Dominique Pelicot, hatte sich auf einer einschlägigen Internetplattform mit Männern verabredet und diese dazu eingeladen, seine von ihm heimlich betäubte Ehefrau im bewusstlosen Zustand zu vergewaltigen. Die Vergewaltigungen filmte und dokumentierte er systematisch. Beinahe zehn Jahre dauerte Gisèle Pelicots Martyrium, das nur deswegen aufflog, weil Dominique Pelicot dabei erwischt wurde, wie er einer fremden Frau unter den Rock filmte.

Gisèle Pelicot bestand darauf, dass der Prozess öffentlich geführt würde, und nahm es auf sich, dass die Videos von den Vergewaltigungen der Gerichtsöffentlichkeit gezeigt wurden. Die Scham muss die Seite wechseln, lautete ihre Kampfansage. Sie sprach damit ungezählten Frauen und auch einigen Männern auf der ganzen Welt aus der Seele. An jedem einzelnen Prozesstag empfingen Frauen Gisèle Pelicot vor dem Gerichtsgebäude mit Applaus, Blumen und Gesang. In ganz Frankreich fanden Demonstrationen statt. Gisèle ist eine feministische Heldin geworden.

Dominique Pelicot erhielt die Höchststrafe und fast alle weiteren Angeklagten wurden ebenfalls schuldig gesprochen. Längst nicht alle fühlten sich auch schuldig. Dass Sexualverbrechen überhaupt vor Gericht kommen und es dann auch noch zu Verurteilungen kommt, ist an sich schon ein Erfolg. Und doch ist der Ausgang des Verfahrens nicht befriedigend. Größer als die Genugtuung über die Gerechtigkeit in diesem Fall ist die Verstörung angesichts dieses Verbrechens.

Es ist in männerbündischer Gemeinschaft und dabei in aller Beiläufigkeit und Alltäglichkeit begangen worden. Und es ist kein Einzelfall. Für Deutschland etwa berichteten Reporterinnen der Fernsehsendung »StrgF« über eine Telegram-Gruppe, in der sich 70 000 Nutzer gegenseitig zur Vergewaltigung ihrer sedierten Partner-innen, Schwestern, Mütter, Töchter, Mitbewohnerinnen anfeuern, ihre Taten sogar live streamen. Die Berichterstattung beschränkt sich wieder nur auf eine kleine Meldung unter »Vermischtes«, anders als in Frankreich bleiben politische Reaktionen und ein öffentlicher Aufschrei aus.

Jede für sich googeln Frauen die Wirkstoffe der Medikamente in der Hausapotheke. Misstrauen nistet sich ein: Könnte mir das auch passieren? »Nirgendwo ist man in Sicherheit«, schreibt Manon Garcia, »du bist paranoid. Nein, du bist nicht paranoid, du kennst die Zahlen, das ist schlimmer.« Chemische Unterwerfung, Vergewaltigung bewusstloser Frauen und ihre Zurschaustellung im Internet ist – das müssen wir zur Kenntnis nehmen – ein Massenphänomen.

Die feministische Philosophin und Beauvoir-Kennerin Garcia hat den gesamten Prozess von den Zuschauerrängen aus beobachtet. Ihr Buch ist jedoch keine klassische Gerichtsreportage, es sind, wie es im Untertitel heißt, »Überlegungen«, mal in eher philosophischer Sprache, mal in persönlichem Ton formuliert. Die titelgebende Frage »Können wir mit Männern leben? Um welchen Preis?« ist moralphilosophischer und zugleich ganz praktischer Natur. Sie drängt sich jeder Frau auf, die den Fall verfolgt hat. Obwohl sie nicht abschließend und befriedigend beantwortet wird, ist Garcias Buch überaus lohnenswert.


Zusatztipp:

Caroline Darian: »Ich werde dich nie wieder Papa nennen«

Caroline Darian ist Gisèle Pelicots Tochter. Es gibt triftige Hinweise darauf, dass auch sie Opfer ihres Vaters geworden ist. Dennoch wurde ihr Fall im Prozess von Mazan nicht verhandelt. Sie hat die Initiative »M’endors pas« gegründet, die über chemische Unterwerfung aufklärt und Opfer unterstützt.


Bibliographie
Tipp
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Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
Caroline Darian
Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
Von der Tochter von Gisèle Pelicot
EAN: 978-3-462-00942-2
Die Scham muss die Seite wechseln Ein Prozess, der die Welt erschüttert. Eine Mutter, die als Ikone gefeiert wird. Ein Vater, den man als Monster bezeichnet. Eine Tochter, die ums Überleben kämpft. Weil sie Teil eines Verbrechens ist, in dem ihre Eltern Opfer und Täter sind. Das ist ihre Geschichte. Caroline Darian, Tochter von Gisèle und Dominique Pelicot, erhält am 2. November 2020 einen Anruf von ihrer Mutter. Ihr Vater wurde verhaftet. Fast zehn Jahre lang hat Pelicot seine Frau heimlich mit medikamentösen Substanzen betäubt, um sie im bewusstlosen Zustand zu vergewaltigen und knapp 70 fremden Männern zuzuführen. Auch von Caroline gibt es verhängnisvolle Fotos. Sie kann sich ebenso wenig erinnern wie ihre Mutter an die unzähligen Vergewaltigungen. Mit außergewöhnlichem Mut erzählt Caroline Darian von dem Sturz ins Bodenlose. Tagebuchartig beschreibt sie, wie das Ausmaß des Jahrhundertverbrechens ihre Familie zerstört. Wie sie ihre Mutter beschützen will und zugleich mit Angstzuständen kämpft. Wie aus dem geliebten Vater ein brutaler Vergewaltiger wurde. Wie sie ihrem Sohn erklärt, dass er keinen Großvater mehr hat. Caroline versucht zu begreifen, wie es zum Unvorstellbaren kommen konnte. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung der Tochter an die Mutter, die es geschafft hat, ihren Stolz und ihre Lebenskraft in den widrigsten Momenten zu bewahren. Damit die Schande sich gegen die Täter richtet, damit die Gesetzeslage sich ändert. Mutter und Tochter haben das private Trauma in einen gemeinsamen Kampf verwandelt. Sie werden weltweit als Heldinnen gefeiert.

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