Mineke Schipper: Mythos Geschlecht. Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht

Nüwa, die erste Göttin, irrte durch die stille Welt, und die Stille erfüllte ihren Leib mit Einsamkeit. Nahe einer Quelle fand sie gelbe Erde, sie nahm ein wenig davon in ihre Hände und begann eine Kreatur zu schaffen, die ihr ähnlich sah. Als sie diese Kreatur an die Quelle stellte, fing die Kreatur an zu lachen. Nüwa genoss den Klang dieses Lachens und schuf noch eine, und noch eine und viele andere mehr.“
(frühe chinesische Mythologie)

Prapati wurde schwanger und schuf Nachkommen aus seinem rechten Daumen, seiner Brustwarze und anderen Organen, ohne dass Mütter beteiligt waren.“
(hinduistische Mythologie)

Christus hat Brüste, sonst würde er alle Pflichten und Aufgaben liebevoller Freundlichkeit entbehren.“
(Kirchenlehre im Hochmittelalter)

Bei den Chaco-Indianern geht die Rede, dass die ersten Frauen ihr Essen mit Vaginalzähnen verzehrten.“

Brüste, die Milch enthalten, enthalten keine Intelligenz.“
Der Satz könnte unter der Alma Mater vor jeder europäischen naturwissenschaftlichen Fakultät stehen, stammt aber aus der äthiopischen Oromo-Überlieferung.

Faszinierend, dieser Erfindungsreichtum! Wirklich phantasievoll, was mehrere tausend Jahre Mythenbildung über den Geschlechtsunterschied in der Darstellung von Frauen, Männern und (weiblichen) Körperteilen hervorgebracht haben. Mineke Schipper, Professorin für interkulturelle Literaturwissenschaft, führt uns nicht chronologisch, sondern topisch und reich bebildert durch den Fleischladen oder, je nachdem, das Pandämonium des Geschlechts: Hände, Münder, Rippen, Brüste, Vulven, Vaginen, Penisse, Gebärmütter, Samen, Milchflüsse, Blutströme und Schwangerschaften – von aufreizend oder monströs vergrößert bis verunglimpft, tabuisiert und unsichtbar. Und was diese Körperteile und Säfte alles können: Sie zeugen und verschlingen, ernähren und erbrechen, verführen und rauben.

Enorm kreativ, möchte man also meinen, wenn nicht so viele Geschichten mit ebenso erstaunlicher Einfalt dieselbe Wendung nehmen würden: Männer eignen sich Schöpfungsmacht an, indem sie Muttergöttinnen vom Thron jagen, Frauen unterwerfen und kastrieren, während sie sich selbst mit allem ausstatten, was es braucht, um als Erzeuger der Welt dazustehen. Auf allen Kontinenten, in allen Weltreligionen und vielfachen Um- und Überschreibungen finden sich solche mehr oder weniger grotesken oder grausamen Geschlechtermythen, die männliche Herrschaft begründen. Der eine kulturelle Ursprung männlicher Vormachtstellung lässt sich also nicht lokalisieren, umso erstaunlicher ist ihre große Verbreitung. Diesem Rätsel forscht Mineke Schipper nach, ohne, dies sei vorweggenommen, befriedigende Antworten zu finden. Einige Erklärungen hören sich nach altbackener Patriarchatskritik an, manches davon ist vielleicht zu schnell in der Mottenkiste des Feminismus verschwunden. Schippers Buch ist wichtig, weil es viele Anreize gibt, die Frage nach der Herkunft und der longue durée der Geschlechterherrschaft überhaupt wieder zu diskutieren.

Nur ein Beispiel: „Die meisten Ursprungserzählungen, in denen Genitalien eine Rolle spielen, handeln von der Angst der Männer vor den Frauen“. Eine mag das so lesen, dass die Machtaneignung das vorgängige Moment ist, dass Herrschaft Unabhängigkeit immer nur vortäuschen kann und sich in projektivem Hass und Angst gegen die wendet, die sie unterwirft. Oder es geht, eher praktisch betrachtet, um die Macht, die sich auf der Kontrolle der Fortpflanzung errichten lässt. Oder es spricht für einen Männlichkeitskomplex, einen mit Transzendenzproblemen aufgeladenen Gebärneid (Wo kommen wir her? Was bleibt von uns?).

Wie die alten Mythen bis in die Gegenwart weiter wirken, dass wir in „jahrhundertelang überlieferte Traditionen verstrickt (sind), die uns stärker mit unseren Vorfahren verbinden, als uns meistens bewusst ist“, könnte jedenfalls anschaulicher nicht werden.

Schipper, Mineke
Klett-Cotta
ISBN/EAN: 9783608983166
24,00 € (inkl. MwSt.)