Valentine Faure: „Als ich wieder aufstand, nahm ich das Gewehr“. Gewalt von Frauen
Jeden Tag versucht ein Mann seine (Ex-)Frau zu töten, alle drei Tage gelingt dies. Großes Aufsehen erregen diese Verbrechen nicht. „Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar“, schrieb Bert Brecht. Ganz anders ist es, wenn eine Frau ihren Mann tötet. Zum einen geschieht dies viel, viel seltener, in Frankreich z.B. nur circa fünf Mal im Jahr. Zum anderen sind diese Tötungen anders motiviert: Männer töten ihre Frauen, um sie zu behalten, Frauen töten ihre Männer, um sie loszuwerden.
Aber nicht nur hinsichtlich von Häufigkeit und Motiv ist „häusliche Gewalt“ alles andere als geschlechtsneutral. Auch der Umgang und die Beurteilung unterscheiden sich erheblich je nachdem, welches Geschlecht Opfer und Täter haben. Beispielhaft zeigt sich das am Fall Bobbitt in Virginia (USA) aus dem Jahr 1993. Lorena Bobbitt schnitt ihrem schlafenden Mann mit einem Küchenmesser den Penis ab. Weil er sie jahrelang brutal misshandelt hatte, erfuhr Lorena von der Öffentlichkeit viel Sympathie. Ihre Tat wurde in Popsongs besungen, manche erkannten darin sogar eine neue Form feministischen Aktivismus‘. Zwar gab es einige Nachahmungstaten, aber nichts deutet darauf hin, dass schlagende und vergewaltigende Männer seither Angst vor Vergeltung hätten. Lorena Bobbitt wurde freigesprochen, und ihr Ex-Mann begann, nachdem ihm sein Penis wieder angenäht worden war, eine neue Karriere als Pornodarsteller. „Die Gewalt von Frauen“, schreibt Valentine Faure, „wirft moralische Fragen auf, die die von Männern nicht stellt.“ Was kann noch als Notwehr gelten? Führt die Frage nach der Schuldfähigkeit von Frauen nicht schnell zur generellen Infragestellung ihrer Mündigkeit? Was löst es in uns aus, wenn ein Opfer sich gewaltsam von seinem Peiniger befreit? Faure diskutiert diese und weitere Fragen anhand des in Frankreich bekannten Falles von Jacqueline Sauvage. Diese hatte 2012 ihren Mann, der sie jahrzehntelang misshandelt und die drei gemeinsamen Töchter vergewaltigt hatte, erschossen.
Valentine Faures Reflexionen sind der Ernsthaftigkeit des Themas sehr angemessen. Mögen sie weitere Diskussionen anregen.