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Deborah Jeromin: Fallschirmseide μετάξυ αλεξιπτώτών

In der Leipziger Schrebergartenkolonie „Hoffnung West e. V.“  hat Deborah Jeromin einen Kleingarten gepachtet. Zwischen den Parzellen wachsen Maulbeerhecken, ein Überbleibsel aus dem Nationalsozialismus. „Grabe, wo du stehst“ war das Motto der Geschichtswerkstätten-Bewegung der 1980er Jahre. In diesem Geist hat Jeromin – nein, nicht zum Spaten gegriffen, sondern im Vereinsarchiv einen Aktenordner aus den 1930er Jahren ausgebuddelt, der den Ausgangspunkt ihrer Recherche über den Zusammenhang des sächsischen Feierabendparadieses mit deutschen Kriegsverbrechen auf Kreta bildet.

Im Nationalsozialismus waren Kleingärten Teil des Reichsnährstands und die Maulbeere von wehrwirtschaftlicher Bedeutung, denn von ihren Blättern ernähren sich Seidenraupen. Im  Vierjahresplan von 1936 ist das verrückte Ziel formuliert, sich von Seidenimporten unabhängig zu machen, und entsprechend entwickelte die Reichsfachgruppe Seidenbauer e.V.  gemeinsam mit dem Reichsluftfahrtministerium ein zentrales Programm, das gemäß der NS-Agrarideologie statt auf Massenproduktion auf die quasi unbezahlte Arbeit von Kindern, Alten und Versehrten für die Seidenraupenzucht in Lazaretten, Schulen und eben Kleingärten setzte. Die Seide wurde nicht etwa für schöne Kleider gebraucht, sondern für Fallschirmsegel. 

Am 20. Mai 1941 begann die größte Luftschlacht der Militärgeschichte. 10.000 deutsche Fallschirmspringer sprangen auf Kreta ab. Auf der Insel befanden sich bereits neuseeländische, australische und britische Soldaten (man wusste dank der Decodierung von Enigma von dem deutschen Angriffsplan), die im Verein mit der kretischen Bevölkerung Widerstand gegen die deutschen Invasoren leisteten. Innerhalb von einer Wochen starben insgesamt 8.000 Menschen auf allen Seiten.

Ob die Produktion deutscher Seidenraupen für nur einen der zehntausend Fallschirme ausgereicht hat, ist zweifelhaft. Das Ziel der Seidenautarkie wurde jedenfalls nie erreicht, ihren Bedarf befriedigten die Deutschen zu großen Teilen durch die Beschlagnahme der gesamten griechischen Seidenproduktion. Seide war nicht alles, was die deutsche Besatzungsmacht aus Griechenland stahl; der groß angelegte Raub von Rohstoffen und Produkten führte im Winter 1941/42 zu der schlimmsten Hungerkatastrophe in der griechischen Geschichte. Forderungen nach Reparationen und der Rückerstattung der Zwangsanleihe, die sich je nach Berechnung heute auf bis zu 575 Milliarden (!) belaufen, lassen deutsche Regierungen mit einer unfassbaren Arroganz an sich abperlen. Aber die Rechnung ist noch offen. Und wo man hintritt, findet man die materiellen Spuren deutscher Verbrechen. Sei es auf dem vom „Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge“ tipp-topp gepflegten Soldatenfriedhof in Maleme oder seien es die Maulbeerbaumhecken in einem sächsischen Kleingartenverein.

Die Plauener Seidenweberei, in der die Seidenernte aus „Hoffnung West e. V.“ verarbeitet wurde, gibt es übrigens heute noch. Zwischenzeitlich war sie ein VEB und firmiert nun als GmbH. Ihre „Lagercollection Seidenweber Collection“ (sic) bewirbt sie mit dem fragwürdigen Prädikat „Made in Germany“. 

Auf Kreta hat die Seidenproduktion seit dem 13. Jahrhundert Tradition. Sie wurde überwiegend für den Eigenbedarf betrieben und lag von der Raupenzucht bis zum Weben, Nähen oder Stricken in Frauenhand. Die berühmte Doppelaxt, die zeremonielle Waffe der minoischen Priesterinnen, war auch noch in der Moderne ein beliebtes Stickereimotiv. Textile Handarbeit machte in Europa in der subsistenzbasierten Landwirtschaft noch im 20. Jahrhundert einen beträchtlichen Teil der täglichen Arbeit aus. So spielt sie auch in den Zeitzeuginneninterviews, die Deborah Jeromin mit Kreterinnen geführt hat, eine große Rolle. Frauen, die damals kleine Kinder waren, erinnern sich, wie Wehrmachtssoldaten ganze Aussteuern geraubt oder zerstört haben, indem sie mit Bajonetten in die Truhen stachen. Das ist nicht nur symbolische oder psychologische Grausamkeit. Man muss, hier und jetzt in Berlin mit einem H&M oder einer Freebox an jeder Ecke, etwas historische Fantasie aufbringen, um zu verstehen, dass Textilien eine wertvolle Ressource zum Überleben sind. Unter deutscher Besatzung stand für Kreter*innen der Besitz „deutscher“ Textilien unter Todesstrafe. Noch viele Jahre nach Kriegsende wurden deutsche Fallschirme auf Kreta zum Auffangen der Oliven verwendet.

Von der Zeitgeschichte lasse sich, so Jeromin, direkt eine Verbindung zum Garn ziehen. Sie entspinnt sehr feinsinnige Überlegungen zu weiblicher Produktivität und Geschichtslosigkeit, zu Ideologisierung, Mystifizierung und Unsichtbarmachung von weiblicher Arbeit und wendet das überzeugend auf die NS-Geschichte und ihre bis in die Gegenwart wirksamen und eigentlich doch unübersehbaren Folgen an. Das Ergebnis ist ein hervorragend gelungener, hochinteressanter mikrohistorischer Essay! 

Gelungen ist das Buch auch in gestalterischer Hinsicht. Wie bei einem Kokon erkennt man am Äußeren nicht sofort, was sich im Inneren verbirgt. Der Text ist abwechselnd im Original und in griechischer Übersetzung gesetzt (auch die historischen Dokumente sind übersetzt!), dazwischen viele Bilder. Die Buchgestalterin Katrin Erthel hat dieses ambitionierte Projekt wunderbar umgesetzt.  

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Zusatztipp: Dieses Jahr ist eine Biographie der Dichterin und Widerstandskämpferin Hannah Senesh erschienen. Senesh sprang mit dem Fallschirm hinter der deutschen Front ab, um ungarische Jüdinnen und Juden vor der Deportation zu retten. 

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Kategorie: Geschichte