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Buchtipps

Wer verblüffende historische Romane mit linksrevolutionärem Gehalt liebt, wird entzückt sein von diesem nun erstmals ins Deutsche übersetzten Klassiker. Der polnisch-russische Schriftsteller Bruno Jasieński war futuristischer Poet und kommunistischer Aktivist. 1929 aus dem französischen Exil vertrieben, machte er in der Sowjetunion unter Stalin kurz Karriere, bevor er dort 1938 vor ein Schaugericht gestellt und ermordet wurde.

Wir können nichts wirklich anerkennen und für nichts Verantwortung übernehmen, das wir nicht auch zu hinterfragen bereit sind. Und wir können nichts hinterfragen, was wir uns nicht in einem Akt der Vorstellung zu eigen gemacht haben. Das macht, folgen wir James Baldwin, Erfahrung aus.

Ein mit leichter Hand geschriebener, bisweilen sarkastisch ausgelassener Roman über schlecht verteilte Care-Arbeit, die nervigen Seiten des Kinderhabens, die dunklen Seiten der Mutterschaft, Geburtshilfe und Klassenherrschaft auf einer rauen schottischen Insel. Eine befreundete Hebamme ist voll des Lobes: »Night waking is amazing!«  

Hinter manch sauber polierter Fassade und beflissenem Auftritt geht es drunter und drüber. Eine Chefsekretärin und ihre Konkurrentin sowie ein Working Girl und ein Exstudent werden am Samstagmittag aus ihrer Firma in die Ödnis des privaten Lebens entlassen. Matte Sehnsüchte erwachen, die einen phantasieren von Ausbruch, die anderen benehmen sich einfach daneben. Noch um die kleinste Freiheit, die sie selbst zu verantworten hätten, aber machen alle einen großen Bogen.

Die Selbstgefährdungspotenziale der Menschheit könne man nicht unterschätzen, meinte Paul Parin. Das habe er schon als junger Mann gesehen und darum 1934 beschlossen, Chirurg zu werden – in Vorbereitung auf den nächsten kommenden Krieg. 1944/45 versorgten er und Goldy Parin-Matthéy dann in einem Lazarett der Partisanen in Slowenien unermüdlich Kriegsopfer.

Nach Adorno kann man auch mit den Ohren denken. In ihrem biografischen Essay betrachtet ihn Iris Dankemeyer also von der Seite mit Blick auf das Ohr „als Organ einer dialektisch vermittelten Erkenntnis, die unleiblichen Geist und leibhafte Sinnlichkeit nicht als getrennt voneinander denkt, sondern sie im Bewusstsein von Freiheit und Notwendigkeit vereint“. Die „Erotik des Ohrs“, so Dankemeyer weiter, „ist weder eine kontemplative Haltung noch eine direkte Aktion, sondern deren Vermischung: ein Verhalten“.

Die Wege in die Freiheit sind besonders weit, wenn man sie überwiegend zu Fuß und ohne legale Papiere bewältigen muss. Das hat Joyce Lussu aber keineswegs abgeschreckt, wie in ihren Erinnerungen an die Resistenza nachzulesen ist, die bereits im Dezember 1945 unter dem Titel Fronti e Frontiere und mehr als 75 Jahre später endlich auch auf Deutsch erschienen sind.

Der deutsche Kulturbetrieb ist zwar nicht gerade bekannt für Inklusivität und Diversity, aber es geschieht durchaus mal, dass auf irgendeinem künstlerischen Empfang ein Underdog ans Büffet gelangt. Wehe aber, ihm gleitet das Gürkchen vom Schnittchen und der Festivaldirektor rutscht darauf aus! Das ist der Auftakt zu einer Höllenfahrt durch die deutsche Kultur mit Goethe, Schäferhund, den Gebrüdern Grimm und allem, was den deutschen Geist erfreut.

Viele Intellektuelle haben ziemlich schräge Vorstellungen von dem, was sie vermeintlich am besten tun: denken. Sie sehen sich gegenüber denen, die mit mehr Körpereinsatz arbeiten, auf der Gewinnerseite einer Ungleichung. Ihren gebildeten Geist betrachten sie als etwas, das untrennbar zu ihnen gehört, als ihren ureigenen Besitz. Körperliche Arbeit hingegen wird als ein Vermögen betrachtet, das man entäußert, verbraucht und verkauft.

Das sind starke Thesen, die Elizabeth A. Wilson in Eingeweide, Pillen, Feminismus vor uns ausbreitet.