Pierre Clastres: Staatsfeinde

In den 1990er Jahren kursierte es schon als heißer Tipp zum Thema Staatskritik, aber an das Buch war kaum ranzukommen: Staatsfeinde, Pierre Clastres Studien zur politischen Anthropologie, in Frankreich 1974 erstmals erschienen. Im Jahr 2020 ist das Werk von konstanz university press neu aufgelegt worden. Andreas Gehrlach und Morten Paul haben ein sehr gutes, ein- und weiterführendes Nachwort dazu verfasst.

Clastres' These kurz und knapp zusammengefasst: Es gab und gibt Gesellschaften ohne staatliche Macht, und es gibt sie, weil diese Gesellschaften schlau genug waren, Strukturen zu entwickeln, welche die Monopolisierung von Macht und Zwangsgewalt durch eine politische Klasse nachhaltig verhindern, und nicht, weil sie es aufgrund irgendwelcher Defizite nie zum Staat gebracht hätten.


Bibliographie
Tipp
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Staatsfeinde
Pierre Clastres
Staatsfeinde
Studien zur politischen Anthropologie, Konstanz University Press Ethnographien
EAN: 978-3-8353-9121-5
'Die schriftlosen Völker sind nicht weniger erwachsen als die anderen. Ihre Geschichte reicht ebenso weit zuruck wie die unsere, und falls man nicht dem Rassismus huldigt, besteht keinerlei Grund, sie fur unfähig zu halten, uber ihre eigene Erfahrung nachzudenken und fur ihre Probleme die angemessenen Lösungen zu finden.' Gesellschaftsorganisation und Staatenbildung gehen nicht zwangsläufig miteinander einher, denn es gibt politische Gemeinwesen, die sich gegen den Staat formieren. Mit Pierre Clastres Staatsfeinden ist ein Klassiker der politischen Anthropologie wiederzuentdecken, der den Hauptströmungen der politischen Wissenschaften seiner Zeit entschieden widersprach. Das 1974 in Frankreich veröffentlichte Werk hat u. a. Gilles Deleuze, Eduardo Viveiros de Castro, Philippe Descola, James C. Scott, David Graeber und Tim Ingold maßgeblich beeinflusst und ist nach wie vor eine zentrale Quelle fur das Verständnis und die Kritik politischer Herrschaft. Pierre Clastres tritt in seinem Buch uber die Staatsfeinde der weit verbreiteten Annahme entgegen, dass diejenigen Völker, die ohne Staat und Institutionen der Herrschaft leben, 'primitiver' seien als andere. Die Abwesenheit staatlicher Institutionen bei den indigenen Völkern des Amazonasbeckens ist kein Hinweis darauf, dass diese sich nicht auf die Höhe zivilisierter Gesellschaften zu erheben vermögen. Im Gegenteil: Clastres zeigt anhand seiner Feldstudien, dass diese Völker nicht nur keinen Staat haben, sondern auch keinen wollen. Sie sind 'Gesellschaften gegen den Staat'. Sie haben komplexe politische, ökonomische und symbolische Mechanismen entwickelt, um zu vermeiden, dass sich Institutionen entwickeln, die eine dauerhafte Macht von Menschen uber Menschen ermöglichen. In dieser Hinsicht ist Clastres Buch auch fur die politische Theorie der Gegenwart neu zu entdecken.

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