Raymond Geuss: Nicht wie ein Liberaler denken

Raymond Geuss ist ein emeritierter Professor in Cambridge, sein Spezialgebiet die kontinentale Philosophie von Kant über Marx bis zur Frankfurter Schule, und er hat sich ausgiebig mit der Frage beschäftigt, was Philosophie und Politik miteinander zu tun haben. Warum ist uns sein Name nicht längst wohlbekannt? – Weil er selten in den Feuilletons auftaucht? Oder weil er sich jahrzehntelang dem Lesen und der Lehre gewidmet und erst in fortgeschrittenem Alter begonnen hat, regelmäßig zu publizieren? Weil er keine E-Mail-Adresse hat? Allen, die jetzt erst recht neugierig geworden sind, empfehlen wir unbedingt, Geuss’ jüngstes Buch zu lesen. Nicht wie ein liberaler Denken lässt die Leser*innen biographisch und in sehr profunder Weise an der Entwicklung seines philosophischen Denkens teilhaben, durch das sich die Auseinandersetzung mit dem Liberalismus wie ein roter Faden hindurchzieht.

In der Gegenwart zeigen sich Probleme des Liberalismus in zugespitzter Form auch in westlichen Demokratien, wie Geuss eingangs herausstellt: Der Grund für den historischen Erfolg des Liberalismus als Ideologie liegt in derselben paradoxen Verbindung von universalistischem Anspruch und kalkuliertem Eigennutz, an der sich heute seine Brüchigkeit zeigt. Und obwohl nicht mehr zu übersehen ist, dass in der Politik liberalistische und autoritaristische Tendenzen in vielen Mischformen möglich sind, gibt es gleichzeitig den Drang, den Liberalismus in der Politik zu verteidigen, je weiter sich der Autoritarismus ausbreitet.

Für das Denken in den Geisteswissenschaften ist eine liberale Weltanschauung jedoch viel mehr als eine politische Position, sie ist, schreibt Geuss, »die Luft«, die das Denken »atmet«, also Ideologie in einem viel fundamentaleren Sinne. Er fragt: Wie gewinnt man überhaupt Distanz zum liberalen Denken, eine Distanz, aus der deutlich wird, wie unzulänglich es ist, aus »Liberalismus versus Autoritarismus« eine Dichotomie zu machen?

Nicht wie ein liberaler Denken enthält keine Liberalismuskritik in dem Sinne, dass es Argumente versammelte, die gegen den Liberalismus sprechen, sondern es zeichnet den Bildungsweg nach, der Raymond Geuss in gesellschaftliche und akademische »Nischen« führte, in denen auf seriöse Weise abweichendes Denken gepflegt wurde. Und es macht uns bekannt mit Häretikern, die in der Auseinandersetzung mit den großen »Bewegungen« der Geschichte, mit Religionen, Wissensformen und politischen Systemen, zu Überzeugungen fanden, die vom liberalen Konsens abwichen, ohne deshalb autoritär zu werden.

Geboren 1946, wuchs Raymond Geuss in Philadelphia auf. Als Kind eines Stahlarbeiters hatte er Glück, ein Internat besuchen zu können, das von aus Ungarn geflohenen katholischen Geistlichen geführt wurde. Allerdings hielten seine Lehrer nichts von theologischem Naturrecht, dafür viel von Philosophie. Sie zeigten ihren Schülern zum Beispiel, inwiefern im griechischen Denken so etwas wie »normative Autorität« nicht vorkommt. Der biblische Kanon und der Papst waren ihnen vor allem Beweis, dass es weder einen einfachen wörtlichen Sinn noch Unfehlbarkeit gibt. Demut wurde von den Schülern durchaus verlangt, aber nicht vor einer Autorität, sondern vor der Komplexität der Welt. Unsere Kenntnis der äußeren Realität ist beschränkt, ebenso geht es uns mit uns selbst: »Ich weiß nicht unbedingt, was ich denke oder glaube, und ganz gewiss weiß ich nicht mit absoluter Sicherheit, was ich will.« Wenn wir erkennen, wie abhängig wir von anderen und von der Gesellschaft sind, wird deutlich, wie haltlos die Idee des »souveränen Individuums« ist, das der Liberalismus apostrophiert. Je weniger uns Selbstverantwortung aber einfach gegeben ist, desto mehr ist sie die Aufgabe.

Raymond Geuss kam also in den seltenen Genuss einer Schulbildung, die ihn von Autoritarismus und liberalem Individualismus gleichermaßen entfremdete (und die ihn zum Leser, nicht zum Katholiken machte). Auf die weiteren Stationen seines Werdegangs an der Universität und die prägenden Persönlichkeiten, bei denen er lernte – Robert Paul Wolff, Sidney Morgenbesser und Robert Denoon Cunning – einzugehen, würde hier vollends den Rahmen sprengen. Außerdem würde jedem Versuch einer Zusammenfassung notwendig das Beste fehlen: jenes durchdachte Ineinander von Biographischem, Anekdotischem und begrifflichen Ausführungen, das Nicht wie ein Liberaler denken zu einem so wunderbaren Lehrbuch über den Liberalismus als Ideologie macht.


Bibliographie
Tipp
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Nicht wie ein Liberaler denken
Raymond Geuss
Nicht wie ein Liberaler denken
EAN: 978-3-518-58798-0
'Schlussendlich müssen wir entscheiden, welche Art von Menschen wir sein möchten, als Individuen ebenso wie als Kollektiv. Die Philosophie kann dabei eine Rolle spielen, aber wir sollten darüber hinaus auf Ressourcen zurückgreifen, die breiter sind als diejenigen, die die Philosophie zur Verfügung stellen kann.' Für die meisten Menschen im 'Westen' ist der Liberalismus zu einer Gegebenheit quasinatürlicher Art geworden, zu einem auf Dauer gestellten Hintergrundrauschen. Und doch gibt es in jeder Gesellschaft Winkel abseits des kulturellen Mainstreams. Der Philosoph Raymond Geuss ist in einem solchen Winkel aufgewachsen und zeichnet in seinem Buch nach, wie er in jungen Jahren mit einer ethisch-politischen Perspektive vertraut gemacht wurde, die sein Denken nachhaltig geprägt hat. 1959 kommt der begabte Sohn eines tiefkatholischen Stahlarbeiters auf ein Internat am Stadtrand von Philadelphia. Umgeben von Eisenhowers Amerika, versuchen ungarische Priester dort, den jungen Geuss zu immunisieren: gegen den repressiv-autoritären Kommunismus, dem sie entflohen waren, aber auch gegen den geistlosen liberalen Kapitalismus, in dem sie nun leben. Danach - es ist Vietnamkrieg und '1968' - geht Geuss zum Studium nach New York, wo er auf legendäre akademische Lehrer wie Sidney Morgenbesser trifft, und nach Westdeutschland, wo er das erste Mal Adorno liest. Nicht wie ein Liberaler denken führt mit analytischer Klarheit durch die intellektuellen Strömungen, die Geuss ablehnende Haltung zu Liberalismus und Autoritarismus geformt haben. Eine faszinierende persönliche Ideengeschichte und eine fesselnde Darstellung der Möglichkeiten und Grenzen der Philosophie.

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